Kultur

Paul Verhoeven: Kommerziell, na und?

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2007
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2007
Der holländische Regisseur, bekannt durch Filme wie Total Recall, RoboCop und Basic Instinct ist im Alter von 68 Jahren noch einmal nach Europa zurückgekommen, um seinen letzten Film zu drehen.

Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam, der Maler Vincent Van Gogh und der Fußballer Johan Cruyff sind wohl die drei wichtigsten Persönlichkeiten der niederländischen Geschichte. Bald kann man noch Paul Verhoeven dazuzählen. Der Name ist nicht jedermann bekannt, aber momentan ist er der wichtigste Filmemacher, der je in den Niederlanden geboren wurde. Auch sein sein letzter Film Black Book hat das Publikum beim Filmfestival im katalanischen Sitges begeistert. Dieser Film war der Grund für die Rückkehr Verhoevens nach Holland, nach 20 Jahren Aufenthalt in den USA.

Eine Horde von Fans und Reportern rufen nach ihm, Kameras blitzen, es hagelt Fragen. Bei der Pressekonferenz des Festivals ist Verhoeven ein gefragter Mann. Mit einem stetigen Lächeln gibt er hier ein Autogramm, antwortet dort einem Journalisten, und alle sind zufrieden. Es kommt gut an, dass Verhoeven, außer begabt zu sein, auch leicht zugänglich ist.

Als Erstes fällt sein Körperbau auf. Bei der Ausgabe seines Ausweises muss jemand einen Fehler gemacht haben. Dort steht, er sei 68. Doch Verhoeven sieht keinen Tag älter aus als 50. Nun gut, weiße Haare hat er, aber seine Fitness und sein ständiges Lächeln können einen neidisch werden lassen.

Ein persönlicher Konflikt

In der Hotelhalle beginnen wir unsere Unterhaltung. Die erste, unvermeidliche Frage: Warum ist Paul Verhoeven in die Niederlande zurückgekehrt? Nach Kinoerfolgen wie RoboCop oder Total Recall wären die meisten Regisseure in Hollywood geblieben. „Ich wollte in die Realität zurückkehren. In Hollywood stempeln mich alle als Science-Fiction-Regisseur ab. Niemand würde auf die Idee kommen, mich eine Komödie drehen zu lassen. Meine früheren Arbeiten aus den Niederlanden, in denen ich die Leute mit ganz andere Genres berühre, sind dort unbekannt.“

Das Ergebnis seiner lang erwarteten Rückkehr ist Black Book, eine europäische Großproduktion, die während des zweiten Weltkrieges spielt. Der Film, inspiriert von früheren Spionagefilmen, spielt ausschließlich in geschlossenen Räumen. Die Geschichte entmystifiziert die Rolle des niederländischen Widerstandes und orientiert sich an wirklichen Begebenheiten.

„Meine Kindheit wurde vom Krieg geprägt. Schon seit den 70ern mache ich Recherchen zu diesem Thema. Zu Hause habe ich fast 700 Bücher, die davon handeln. Für den Film habe ich unter anderem Informationen in einem Amsterdamer Museum eingeholt. Nichts, was ich zeige, ist übertrieben. Natürlich habe ich mir künstlerische Freiheiten erlaubt, wenn es um die Charaktere der Filmfiguren ging. Die weibliche Hauptrolle setzt sich aus drei wirklichen Frauen der damaligen Zeit zusammen. Aber ich wollte einen gut recherchierten Film machen.“ Verhoeven wollte einen Film machen, wie er ihm gefällt. Und er ist mit dem Ergebnis zufrieden: Black Box ist ein kommerzieller Film, der den Zuschauer unterhält und ihn gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

Verhoeven weiß, wie man Publikum und Kritiker befriedigt. Manchmal misslingt ihm das auch, wie mit Showgirls oder Hollow Man, aber wenn er einen guten Film dreht, ist das Lob einhellig. Da muss man nur an den Basic Instinct-Boom zurückdenken. Was ist an dem niederländischen Regisseur so außergewöhnlich? Zum Einen ein bemerkenswertes Rhythmusgefühl, zum anderen eine vielschichtiger Blick auf den Menschen, durch die er ganz verschiedene Menschen anspricht – und deshalb auch unterschiedliche Reaktionen erntet.

„Es wäre falsch, so zu tun, als gebe es nur charakterfeste Menschen; die Menschen sind nun einmal wie sie sind. Es gibt im Leben weder Gute noch Schlechte. Das gilt auch für die Nazis in meinem letzten Film. Über die Jahre hat sich ein Stereotyp gebildet, dass die deutschen Soldaten nur töten, töten und noch mal töten wollten. Aber in der Wirklichkeit sah das anders aus. Es gab auch anständige Menschen, die überhaupt nicht diesem Stereotyp entsprechen.“ Er schaut mich durchdringend an, während er diese Sätze sagt. Er spricht schnell; seine Stimme, zwischen Sarkasmus und Ernsthaftigkeit, klingt überzeugend.

Sex und Gewalt, die magische Formel

Trotz aller Provokation: Wenn man sich seine Filmographie ansieht, merkt man, dass Verhoevens Erfolg nicht nur von einem doppelbödigen moralischen Diskurs herrührt. In Hollywood braucht es etwas mehr, um das Publikum anzulocken. Und der niederländische Filmemacher hat ‚es’ gefunden.

In allen seinen Filmen gibt es eine ordentliche Dosis Sex und Gewalt. Warum? „Wie kann jemand nicht darauf ansprechen?“, antwortet er mit einem offenen Lächeln. „Ohne Sex gäbe es uns nicht. Das Leben ist voll davon. Sex ist natürlich und spielt bei allen wichtigen Momenten unseres Lebens eine Rolle. Mir gefällt Sex und deshalb kommt er auch in meinen Filmen vor.“ So einfach ist das. Wer könnte Sharon Stone vergessen, wie sie in Basic Instinct ihre Beine übereinanderschlägt? Oder die dreibusige Außerirdische in Total Recall? Von den ersten Filmen Verhoevens, erotischen Hits wie Turks fruit (1973) ganz zu schweigen.

Auch auf die Frage, warum er so viel Gewalt darstellt, hat Verhoeven eine Antwort parat. „Na, weil ich sie hasse. Ich will das Verhalten der Menschen zeigen. Und wenn man auf das 20. Jahrhundert zurückblickt, merkt man, dass wir die gewalttätigste Spezies dieser Erde sind“, sagt er wild gestikulierend. „Wir haben mehr als 50 Millionen Menschen umgebracht. Denken Sie nur an Uganda, Vietnam oder die zwei Weltkriege. Und die Amerikaner töten im Irak sinnlos weiter.“

„Wir erleben das, was die maßlose Regierung in Starship Trooper (1997) bei jedem kleinsten Problem ihren Soldaten zuruft: ‚Kill ’m all, kill ’m all’.“ Auch wenn einige von verschiedenen Szenen in RoboCop geschockt sein mögen: Die Welt ist nun einmal brutal und Verhoeven versucht nicht, das zu verstecken.

Unsere Zeit ist zu Ende und ich frage ihn nach seinen Plänen für die Zukunft. Er sieht mich argwöhnisch an und versichert mir, er werde auch in den Niederlanden weiter dramatische Filme drehen. Er scheint sich entschieden zu haben, die Science Fiction hinter sich zu lassen – das Genre, das ihn berühmt gemacht hat. „Ich mag Filme wie Der Herr der Ringe oder Harry Potter. Aber ich würde sie selber nicht drehen.“ Schade. Vielen Fantasyfreunden wird Paul Verhoeven fehlen, aber eine Referenz für das Massenkino bleibt er.