Kultur

Pariser Fashionshow und Barcelona-Straßenkunst mit Barack Obama

Artikel veröffentlicht am 3. November 2008
Artikel veröffentlicht am 3. November 2008
Sein Gesicht auf Kies und aus der Luft oder sein Gesicht aus Pailletten auf europäischen Catwalks - Obama ist überall. Exklusivinterviews mit dem kubanischen Künstler Jorge Rodríguez Gerada und dem französisch-marokkanischen Modedesigner Jean-Charles de Castelbajac.

Obamaporträt - Kuba, Barcelona, Google Earth

©JRG, artjammer.com/expectationIm Fórum de Barcelona arbeitet Jorge Rodríguez Gerada gegen die Zeit, um sein letztes Werk endlich fertig zu stellen. Am 3. November muss es fertig werden, am Abend vor den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten. Der zwischen New York und Barcelona lebende Künstler porträtiert den demokratischen Kandidaten Barack Obama in Überlebensgröße: ein Gesicht aus 500 Tonnen Kies auf 10.000 Quadratmetern am Strand gleich neben dem Fórum de Barcelona. Doch der Regen hält sein mit Gummistiefeln und Regencapes gewappnetes Team auf. Es bleiben nur noch zwei Tage. Und gerade hat Schlamm das Esplanade überflutet.

Sand- und Kiesdesign werden in vielen Kulturkreisen für religiöse und meditative Zeremonien verwendet. Der 42-jährige, im kubanischen Santa Clara geborene New Yorker Künstler ist insofern zu einem wahrhaftigen Schamanen geworden, der die Obama-Metapher weltweit sichtbar machen möchte. „Ich will die Leute provozieren, damit sie darüber nachdenken, welche Erwartungen Obama in weiten Teilen der Erde hervorgerufen hat“, erklärt er. Seine Arbeit trägt den Titel Expectations (Erwartungen). Und diese hat der demokratische Präsidentschaftskandidat in vielen Bürgern erweckt. „Er kann den Wandel durchsetzen und das Land zu einem besseren machen. Aber leicht wird es nicht“, erklärt Rodríguez. Die Welt befindet sich „wirklich in einer schlimmen Lage, wenn man nach Helden sucht. Der Wandel ist eine offensichtliche Notwendigkeit.“ Darauf will Jorge Rodríguez Gerada aufmerksam machen.

©JRG, artjammer.com/expectation

Obama könnte wie ein frischer Wind durch die in den letzten 8 Jahren etablierte Politriege der USA wehen. Rodríguez macht deutlich, warum er diese Nachricht gerade von Europa aus in die Welt senden wollte: “Die Erde wird kleiner. Wir sitzen alle im selben Boot. Was in den USA geschieht, beeinflusst auch den Rest der Welt. Das ist besonders an der Subprimes-Krise deutlich geworden, die die komplette globale Wirtschaft aus dem Gleichgewicht geworfen hat.“ Entgegen aller Erwartungen wird ‚Expectations‘ weder von einer demokratischen Partei noch von irgendeiner anderen Organisation finanziert. Das ursprüngliche Projekt kostete um die 15.000 Euro. Rodríguez und seine Kollegen konnten schlussendlich nur 450 Euro sammeln, plus die 6000 Euro, die der Künstler aus seiner eigenen Tasche in das Projekt gesteckt hat. „Wir leben in Zeiten der Krise“, spöttelt er. 

Wie viele seiner früheren Arbeiten wird auch diese eine kurzlebige sein. Nach einigen Tagen am Fórum de Barcelona sollen Außenaufnahmen für Google Earth gemacht werden, damit dem Porträt aus der katalanischen Metropole zumindest im Cyberspace ein längeres Dasein vergönnt ist. Danach macht sich Jorge Rodríguez Gerada nach Porto und Luxemburg auf, um ein ähnliches Projekt mit unbekannten Personen auf die Beine zu stellen. „Durchschnittsmenschen haben die größte Bedeutung“, schlussfolgert er.

Obamadesign - Indien, Paris, Großbritannien und Washington

©iqons/flickrAm Carrousel du Louvre, an diesem 4. Oktober, ging es um einiges hektischer zu. Barack Obamas Gesicht stand im Rampenlicht der Pariser Fashionshow für die Frühlings- und Sommerkollektion 2009. Sein Porträt schaute von einem quietschgelben Paillettenkleid des Modedesigners Jean-Charles de Castelbajac, das selbst dem britischen Komiker Sacha Baron Cohen (Borat) die Show stahl, in die Pariser Moderänge. Aus 500.000 Pailletten in schwarz-weiß setzt sich das Obama-Gesicht, das frontal auf einem kurzen Seidenkleid glänzt, zusammen.

Die zahlreichen Pailletten der Robe repräsentierten die Massen, die Obama bewegen könne, glaubt man dem französisch-marokkanischen Designer. Auf dem Rückenteil des Kleides liest man Martin Luther Kings politisches Manifest: „I have a dream today“. Der typographische Stil erinnert, laut Castelbajac, an ein „typisches Universitäts-Poster“. Auf der rechten Schulterseite findet sich zudem das Logo von Obamas Universität: „Um seine Ausbildung hervorzuheben“, insistiert der 59-Jährige aus der Boutique im Zentrum der französischen Hauptstadt. Das Kleid ist zudem wählerfreundlich designt: Auf dem rechten Handschuh steht ‚Yes‘ - erklärt der unter Kennern auch JC/DC genannte Designer - auf dem linken ‚No‘.

Das Einzelstück ist nicht käuflich zu erwerben; es will sich als eigenerklärtes Castelbajac‘sches Wahlmanifest. Der Produktionspreis würde jedoch um die 3.000 Euro betragen. Das Kleid wurde in einer Art Hauruck-Aktion innerhalb von 10 Tagen in Indien kreiert. Castelbajac ist „vom Charisma des Demokraten, seinem Interesse für Wandel und junge Menschen beeindruckt“. Das Making-Of erinnert an ein Dress, das der Designer 1997 für Papst Johannes Paul II. zwecks eines Paris-Besuches kreiert hatte und das von einer Muslimin bestickt worden war. „Es zeigte den wirklichen Glauben dieses Gentlemans“, befand der Designer.

Über zehn Jahre später bestreitet Castelbajac jedoch, dass er mit seinem politischen Statement Eigenwerbung betreiben wolle. „Ich habe aus eigenen Umständen für den Papst gearbeitet. Und heute bin ich froh, dass eines meiner Kleider meinen Standpunkt zu diesem Mann und meine Überzeugungen zu transportieren weiß.“ Nicht viele Mitglieder der Modeindustrie haben auf diese Art und Weise Position bezogen. Nur die Pariser Modedesignerin Sonia Rykiel ließ neben ihrem Kollegen ein Obama-Minikleid über den Catwalk stolzieren. „In Frankreich positionieren sich die Leute nicht gerne. Sie haben ziemlich konforme Einstellungen. Aber was man selbst sagt, geht raus in die Welt - Mode ist heute mehr, als nur Marketing und Flüchtigkeit.“

Das Kleid hat rauschenden Applaus aus den Pariser Moderängen erhalten. Unter anderem aus Texas erhielt Castelbajac jedoch wütende Briefe. Aber auf „Dummheiten“ antworte er nicht, sagt er achselzuckend. „Ich möchte dieses strahlende Gelb an Madame Obama sehen“, so der Designer weiter. Die potentielle First Lady soll das Kleid gleich nach der amerikanischen Sängerin Katie Perry erhalten, die es zu den MTV Music Awards am 6. November in Liverpool tragen wird. „Ich wäre unheimlich glücklich, eine junge Künstlerin in meinem Outfit zu sehen.“ Die Pariser Bars will Castelbajac am Wahlabend meiden: Aber eines ist sicher: Dass Obama verliert, ist unmöglich.