Kultur

Pariser 'Destroy Party' bringt Berliner Mauer erneut zu Fall

Artikel veröffentlicht am 4. November 2009
Artikel veröffentlicht am 4. November 2009
Rund um den 9. November 2009, den 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls, findet eine regelrechte Lawine an Gedenkfeiern statt. In Paris organisieren zwei europa-enthousiastische Vereine am 'deutschen Schicksalstag' eine Destroy Party. Das Prinzip lautet: eine Mauer aus Schaumstoff, Pickel zum kaputt machen und guter Wein.

Für Benjamin Chassaing, einen Weinhändler aus Montpellier, wird der 9. November 2009 ein stressiger Tag werden. Er will nicht nur des Berliner Mauerfalls gedenken, sondern auch des 121. Geburtstags von Jean Monnet, einer der Gründungsväter Europas. Sein Verein, Jean Monnet Spirit, der 2000 gegründet wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den ersten Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und dessen Schriften und Leben der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gleich zwei Gründe, um zu feiern: Darum organisiert er mit der Groupe des Belles Feuilles, einem gemeinnützigen Verein zu Europafragen, in einer Pariser Bar eine Destroy Party. Auf der Party können die Gäste eine symbolische Mauer zerstören. Vor 20 Jahren hatte er die echte Berliner Mauer im Fernsehen einstürzen sehen.

Zur Destroy Party, die an den Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren erinnern soll, geht es mehr um die Idee der Vereinigung als die der Zerstörung?

Ja genau. Um sich von allem anderen abzusetzen zu können, was an diesem Tag sonst so geboten wird, musste etwas Witziges her, das Spaß verspricht. Die Leute sollen sich hier treffen können, einen trinken und diskutieren. Wir hatten die Idee eine falsche Mauer zu bauen, die wir im Laufe des Abends einreißen können, genauso wie vor 20 Jahren. Wir zeigen unsere Begeisterung für Europa, indem wir diese Mauer Stein für Stein wieder zu Fall bringen. Der ganze Abend ist ein einziges Symbol.

Sollte man vorsichtshalber einen Sicherheitshelm einplanen?

Nein, das ist nicht nötig, da die Mauer aus Schaumstoff ist und in der Straße neben der Bar aufgebaut wird. Es war schon schwierig genug überhaupt eine Genehmigung zu bekommen, die Straße für einen Abend zu sperren. Die Mauer wird auf der einen Seite blau und auf der anderen rot angestrichenen werden, als Symbol für die Teile der Mauer, die im Osten und Westen von Berlin standen. Und wie 1989 wird auch bei uns ein Violoncellist an der Mauer spielen. Wir werden auch Fotos aufhängen und Videos zeigen. Aber da wir keine Künstler sind, bauen wir auf Leute die unsere Mauer wie die Berliner Mauer mit Graffiti besprühen. Ihr seid hiermit aufgefordert!

Was für Leute werden kommen, um die Pariser Mauer zu Fall zu bringen?

Im Gegensatz zu den Jugendlichen von heute, die nicht wissen was 1989 passiert ist, erinnere ich mich ganz genau an diesen historischen Moment, den ich vor dem Fernseher mitverfolgt habe. Wir wünschen uns, dass Leute jeden Alters kommen, damit vor allem die Jüngeren unter ihnen, vielleicht indem sie selbst ein Stück der Mauer zerstören, verstehen, wie das Leben der Leute vor dem Mauerfall war. Im Moment habe ich nicht wirklich den Eindruck, dass sich die Jugendlichen generell für Europa interessieren: Ich bin erst 37 Jahre alt, aber wenn ich versuche zu erklären, dass wir dank Menschen wie Jean Monnet und dank der Europäischen Union seit 1945 in Frieden leben, gehe ich allen nur auf die Nerven und werde als uncool abgestempelt. Und daran ändert sich auch nichts, wenn ich folgende Zahlen auf den Tisch lege: Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es im Laufe von 400 Jahren 26 Kriege. Wenn man das logisch weiterdenkt, hätten wir also seit 1945 vier Kriege erleben müssen! Aber die Jugendlichen spielen lieber mit ihrer « Play-Station » oder versuchen in den schwierigen Vorstädten zurecht zu kommen, als über die Vergangenheit nachzudenken.

Kann der Fun-Aspekt der Zerstöraktion die Jugendlichen für das Thema Europa sensibilisieren?

Das wird sich zeigen. Ich weiß nicht, ob ich so optimistisch sein sollte. Die Konstruktion Europas ist heute ins Stocken geraten. Vielen Jugendlichen ist Europa einfach egal und das führt oft zu Konflikten mit der Generation der Großeltern, die gelitten hat, als es die EU noch nicht gab. Jeder muss seinen Teil, seinen Stein zum Bau Europas beitragen, um das gegenseitige Verständnis und unseren wohlhabenden Kontinent voranzubringen. Mit der Destroy Party wollen wir die Aufmerksamkeit der Medien auf ein geselliges Ereignis lenken, an dem jeder kostenlos teilnehmen kann. Konferenzen und Diskussionen sind schön und gut, aber sie dürfen eben nicht alles sein. Wir stellen keine großen intellektuellen Ansprüche, wir wollen einfach ein bisschen lockerer werden und Party machen!

Die 'Destroy Party' findet am 9. November 2009, ab 20 Uhr in der Rue Léopold Bellan im 2. Arrondisement in Paris statt.

Der Eintritt ist frei.