Kultur

Osteuropa squattet in Amsterdam: Das Gespenst der Freiheit

Artikel veröffentlicht am 28. August 2006
Artikel veröffentlicht am 28. August 2006
Einst waren die Hausbesetzer von Amsterdam eine politische Bewegung, die das Gesicht der niederländischen Hauptstadt veränderte. Heute lernen junge Osteuropäer in den „Squats“ fürs Leben.

In einer warmen Sommernacht huschen fünf Gestalten durch die Frederikstraat im Süden des Amsterdamer Stadtzentrums. Wenn heute alles gut geht, haben sie es geschafft: Ihr neues Zuhause ist zum Greifen nah. Das Zielobjekt hat eine grün lackierte Metalltür. Rasch setzt das Brecheisen an, ein Ruck, ohne Widerstand springt das letzte Hindernis der fünf aus dem Weg.

“Das kann Jahre dauern“

„Wir haben die Aktion monatelang geplant“, erzählt Hausbesetzerin Anna. Planung, das heißt „unzählige Beobachtungsspaziergänge um das Gebäude und Kontrollanrufe bei den Behörden – wir wollten sichergehen, dass das Haus auch wirklich nicht bewohnt ist.“

Nach der niederländischen Gesetzgebung muss ein Haus ein Jahr lang leer stehen, dann gilt es als potentieller ‚Squat’ – so heißen besetzte Häuser in der Szene. Ist ein Haus erstmal ein Squat, hat der Eigentümer große Schwierigkeiten, die ungebetenen Gäste wieder loszuwerden. „Eines Tages werden wir hier wieder ausziehen müssen. Doch bis dahin muss der Eigentümer vor Gericht klagen und ein Räumungsurteil erwirken. Das kann Jahre dauern“, erklärt Anna.

Die 21-Jährige aus dem polnischen Stettin ist sichtlich zufrieden mit der Eroberung. Von allen Wänden blättert der Putz, der Boden verbirgt sich unter Gerümpel und Staub. „Klar, wir werden hier noch einiges renovieren müssen, bis wir es richtig schön haben“, sagt sie mit einem herausfordernden Blick auf ihre zukünftigen Mitbewohner Peter, Kasha, Tomas und Chechv.

Schule für Sozialpädagogik

Nur Peter ist gebürtiger Amsterdamer, Chechv kommt aus Tschechien, die anderen beiden stammen wie Anna aus Polen. Wie viele andere Osteuropäer sind sie in den letzten Jahren in die niederländische Hauptstadt gezogen – und haben sich der Hausbesetzer-Bewegung angeschlossen.

„Ich bin extra nach Amsterdam gekommen, um in einem Squat zu leben“, sagt Anna. „Ich mag die Kultur und die Erfahrung ist bestimmt auch für meine Zukunft nützlich.“ Zukunftspläne gibt es bereits: „Ich möchte in Polen ein Zentrum für sozial benachteiligte Jugendliche eröffnen. Im Squat kann ich dafür schon einiges lernen.“

Für viele Hausbesetzer gelten Squats heute eher als Lebensschule, denn als Hort politischer Aktivität: „Wie kann ich politisch sein, ich bin nicht aus den Niederlanden und weiß wenig von den Problemen hier“, findet Anna. Peter, der gerade einen Joint bastelt, fügt hinzu: „Unsere Generation unterscheidet sich von den politischen Hausbesetzern der 80er Jahre. Wir planen keine großen Aktionen mehr, sondern suchen einen Ort zum leben.“ Ein Unterschied, der sich auch in der Raumaufteilung zeigt: „Bei uns hat jeder sein eigenes Zimmer, früher haben sich manchmal 20 Leute einen Raum geteilt“, sagt Peter.

Kein politisches Feuer

Einer von der alten Schule ist Eric van Duivenvoorden. Der 43-jährige Journalist hat jüngst ein Buch über die Hausbesetzer von Amsterdam veröffentlicht, eine Art Biografie der Bewegung. Er selbst hat von 1980 bis 1985 in einem Squat gelebt, „in den Glanzjahren“. Bei der heutigen Generation vermisst er das politische Feuer: „Die Hausbesetzer stehen in der Gefahr, zu einer unbedeutenden Subkultur zu schrumpfen.“ Laut Duivenvoorden gibt es derzeit gerade mal um die 500 Hausbesetzer in der Stadt, „damals waren wir mindestens 20 000.“

Für Duivenvoorden und seine Mitstreiter ging es darum, die Welt zu verändern: „Wir waren ziemlich radikal, äußerst politisch und haben auf Konfrontation mit den Behörden gesetzt.“ Der Auslöser der Bewegung war der Mangel an Wohnraum in der niederländischen Hauptstadt. Dass trotzdem zahlreiche Wohnungen im Zentrum leer standen, war für die Hausbesetzer eine Ungerechtigkeit, gegen die sie ankämpfen wollten: „Viele Eigentümer haben ihre Häuser absichtlich leer stehen lassen, weil sie auf höhere Mieten oder bessere Verkaufspreise für Immobilien gesetzt haben“, erklärt der Journalist.

Eine Art Gespensterpolizei

Van Duivenvoorden erinnert sich an Barrikaden, Straßenkämpfe und an die ersten großen Erfolge: „Schließlich musste die Regierung nachgeben und uns entgegenkommen. Sozialwohnungsprogramme wurden geschaffen und viele Squats wurden legalisiert.“ Legalisiert, das heißt: Der Squat wurde von der Stadt aufgekauft, den Hausbesetzern ein Wohnrecht eingeräumt. Viele dieser legalisierten Squats sind heute alternative Kulturzentren.

„Das politische Vermächtnis der Hausbesetzer in den Niederlanden ist immens“, resümiert van Duivenvoorden. Er betont, dass die Bewegung weiterhin wichtig ist: „In Amsterdam besteht immer noch ein dramatischer Wohnraummangel, gegen den vorgegangen werden muss. Trotz ihrer geringen Größe bleiben die Hausbesetzer mächtig in diesem Kampf. Sie sind eine Gespensterpolizei im Einsatz gegen leer stehende Wohnräume. Die Eigentümer müssen immer auf der Hut sein.“ Van Duivenvoorden hofft, dass die Amsterdamer Squats andere Länder in Europa beeinflussen: „Es wäre toll, wenn die vielen Osteuropäer die Bewegung in ihre Heimat tragen würden. Dort könnten sie noch einiges verändern.“

Im Nachtzug zwischen Frankfurt und Würzburg sitzt Katrin ohne gültigen Fahrausweis. Die 26-jährige Slowakin, die auf dem Weg zu ihrer Freundin in Prag ist, kommt gerade aus einem Amsterdamer Squat: „Ich bin seit zwei Jahren dabei, jetzt brauche ich Urlaub.“ Für sie war die Zeit im Squat ein „großartiges Erlebnis der Freiheit.“ Kann sie sich vorstellen, die Bewegung in ihre Heimat zu tragen? Katrin ist pessimistisch: „Ein Freund von mir war mal in einem Squat in Bratislava, den hat eine Anti-Terroreinheit mit Gewalt geräumt.“ Die Slowakin findet, „dass Osteuropa noch weit entfernt von einem liberalen Lebensstil ist“. Darum will sie bald wieder zurück nach Amsterdam. „Vielleicht gründe ich auch einen Squat in Barcelona.“

Fotos: (cc)sprklg/flickr; ©Christian Lindner