Kultur

Oscarpreisträger 2012 "The Artist" - oh verdammt, ist es still

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2011
Der Stummfilm The Artist gewann nicht nur 6 Césars bei der nationalen Filmpreisverleihung in Frankreich, sondern triumphierte auch bei den 84. Academy Awards. Er räumte 5 Oscars ab u.a. in den Kategorien Bester Hauptdarsteller (Jean Dujardin), Beste Regie (Michel Hazanavicius) und Bester Film.
Einen weiteren Oscar gab es für die Filmmusik von Ludovic Bource, die hier besonders gewürdigt werden soll.

Der Saal ist dunkel. Ein Schwarz-Weiß-Film wird auf die Leinwand projiziert. Harald Lloyd erklimmt die Etagen eines Wolkenkratzers. Die Zuschauer halten den Atem an. Am Rand des Abgrunds verfängt sich der Held mit den Füßen in einem Netz. Er beginnt Grimassen zu schneiden und wild zu tanzen. Der ganze Saal lacht. Tosender Applaus ertönt. Man braucht keine Zeitmaschine, um in die Atmosphäre eines Kinosaals der Zwanziger Jahre einzutauchen. Dafür musste man nur das Cine-Konzert besuchen, das für die Eröffnung des Festivals Rencontres Internationales Henri Langlois (RIHL) in Poitiers veranstaltet wurde. Karol Beffa am Klavier und Raphaël Imbert am Saxophon improvisieren zu Ausgerechnet Wolkenkratzer, einem Stummfilm-Klassiker aus dem Jahr 1923.

„In den vergangenen Jahren hatte man sich sehr stark dem Drehbuch, der Fotografie oder auch dem Schnitt des Films gewidmet“, so Artdirector Luc Engélibert, „daher war es logisch, sich dieses Jahr auf die Musik der Filme zu konzentrieren.“ „Ich habe Karol Beffa eingeladen, auf dem Cine-Konzert aufzutreten, da ich wusste, dass er fähig ist, reflektiert zu improvisieren und so die eigentliche Bedeutung des Werkes hervorzuheben, ohne es zu verfälschen“, fährt er fort.

Kriegserklärung seit der Nouvelle Vague

Man ließ dem Genie an der Klaviatur, dem 2008 der Preis für Junge Komponisten von der SACEM [vergleichbar mit der GEMA; A.d.R.] verliehen wurde, freie Hand. Er brachte seinen Freund Raphaël Imbert mit und bot mit ihm zusammen eine genussvolle Darbietung aus Klassik und Jazz. Als Liebhaber des goldenen Zeitalters des Stummfilms prangern beide die „Trennung“ zwischen ihrer Kunst und dem Kino an. „In Frankreich begann das alles mit der Nouvelle Vague. Die Musik war nichts weiter als ein Möbelstück“, erklärt Raphaël. Durch seine Schilderungen offenbart sich der Jazzmusiker als wandelndes Lexikon: „In der Epoche des Stummfilms improvisierten die Musiker während des Films. Man musste zwischen allen möglichen Musikgattungen abwechseln: Polka, Mazurka, Barock - und sogar Countrymusik. Die akustische Untermalung der Filme entstand live, oft durch kleine Orchester vor Ort, sodass das Publikum sofort darauf reagieren konnte.“

Der Erfolg von The Artist, der 2011 in Cannes ausgezeichnet wurde, zeugt von einem gewissen Interesse an den Goldenen Zwanzigern. Bei seiner Eröffnungsrede des 35. RIHL erklärt der Regisseur des Stummfilms, Michel Hazanavicius, dass er sich während des Drehs ab und an wie auf einer Pilgerreise durch die Geschichte des Films vorgekommen sei. „Während der Dreharbeiten habe ich mich an unglaublichen Orten wiedergefunden, wie zum Beispiel dem Büro von Charlie Chaplin, den Studios von Goldrausch (1925) und Moderne Zeiten (1936) und den Kulissen, die für den Film Casablanca verwendet wurden. All das hat mich sehr berührt.“ Dennoch scheint es wenig wahrscheinlich, dass man zu den Zeiten zurückkehrt, in denen Kammerorchester live in dunklen Sälen spielten. Die Filmmusik des französischen Komponisten Ludovic Bource versteht sich eher als eine Hommage an die Hollywood-Standards zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, ohne einen revolutionären Anspruch geltend machen zu wollen.

„Musik erzwingt Emotionen“

Wenn die Musik im Film nur noch der Untermalung dient, wie beispielsweise „die Geigen in einer kitschigen Liebesszene“, sei dies laut Pierre-Louis Umdenstock ein schlechtes Zeichen. Dem 25-jährigen Regisseur aus Paris zufolge sollte die Musik die Aussage des Bildes kommentieren. Der junge Regisseur, der seine Ausbildung in Chicago absolviert hat, nimmt den Film Reservoir Dogs (1992) von Tarantino als Beispiel: „Ich denke da an die Folterszene, in der man dem Typ das Ohr abschneidet und im Hintergrund fröhliche Folkmusic laufen lässt. Das ist teuflisch.“ Man kann den Zuschauer garantiert verunsichern, indem man das Bild eines mit Blut überströmten und vor Schmerz verzerrten Gesichts mit Folkmusic, die eigentlich zum Tanzen einlädt, unterlegt.

Innerhalb der Familie des Films sind sich die Alten und die Jungen nicht immer einig. Der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein, der seit über 40 Jahren im Filmbusiness tätig ist und in dieser Zeit um die 50 Filme gedreht hat, findet, dass Musik für den Regisseur zu oft eine „bequeme Lösung“ ist. „Ich vermittle schon mit Bildern, was ich mit dem Film ausdrücken will - Musik erzwingt Emotionen.“ Allerdings bedient sich auch Ripstein dieses „Kunstgriffs“. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet er mit dem amerikanischen Komponisten David Mansfield zusammen. „Wir skypen, ich pfeife ihm eine Melodie vor und er schreibt sie nieder“, erklärt er gebieterisch. Auch wenn die Musik sich heute aus Filmen immer weniger wegdenken lässt, so bleibt der Regisseur doch der Chef. Auch des Orchesters?

Illustrationen: Teaser ©Warnos Bros France; Im Text ©Laurène Daycard ; Video: Ausgerechnet Wolkenkratzer (cc)lesbellesmanières/YouTube, The Artist(cc)Warner Bros France /YouTube