Kultur

Ornela Vorpsi: 'Ich, Albanien und die menschliche Hurerei'

Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2008
Die 39-jährige, albanische Schriftstellerin schreibt auf Italienisch und lebt in Paris. Sie bereichert die europäische Sprachlandschaft mit neuen Farben und Schattierungen. Und sie ist ansteckend.

Paris. Ich sitze in einer Bar des Technischen Museums 'Arts et Métiers', wenige Schritte von jener entweihten Kirche entfernt, in welcher das Foucaultsche Pendel seit Jahrhunderten das Fortschreiten der Zeit auf der Erde nachvollzieht. Ornela Vorpsi kommt zu spät. Wie es sich für eine Dame gehört, macht sie deutlich: als Schriftstellerin habe sie es eben besonders schwer. Sie schickt mir ein SMS: "Ich trage einen schwarzen Hut". Als sie eintrifft, bleibt ihr Erscheinen nicht unbemerkt; Sie windet sich zwischen den kleinen Tischen hindurch, während ihr Hüftschwung von indiskreten Blicken verfolgt wird. Das Fitnessstudio habe sie durcheinandergebracht, innerlich und äußerlich - entschuldigt sie sich für die Verspätung. Sie könne es gar nicht erzählen. Dann bestellt sie einen heißen Tee und bittet mich darum, von mir zu erzählen.

Klicken Sie, um "Hommage an Francesca Woodmann" zu sehen (©Ornela Vorpsi)

"Rom und Mailand: viel zu provinziell"

"Ich lebe seit zehn Jahren in Paris und werde der Stadt niemals müde. Nach Italien kehre ich immer nur für kurze Zeit zurück, um Urlaub zu machen. Von den Städten habe ich nur Rom und Mailand kennengelernt, als ich im Land der Schönheit studierte. Sie kamen mir viel zu provinziell vor." Das kann ja heiter werden, schmunzle ich.

Und wie ist es mit Albanien? "Albanien ist für mich das Land der Kindheitserinnerungen. Aber auch ein feindliches Land. Ich bin nicht aus wirtschaftlichen Gründen von dort weggegangen: Meine Familie war in der 'falschen Partei' und der Kommunismus jener Epoche mit seiner stalinistischen Ausprägung ließ keinen anderen Ausweg." Ob sie jetzt, als arrivierte Schriftstellerin und Künstlerin, zurückkehren würde? "Sag niemals nie. Es ist wahr, dass das heutige Albanien nicht mehr dasselbe ist, wie damals. Aber Gott allein weiß, wie schwierig es ist, sich zu verändern."

Mit ihren fünf Romanen hat die in Tirana geborene Schriftstellerin, Fotografin und Malerin die italienische Sprache revolutioniert; durch ihre Liebe zum Italiensichen, mit der sie sie gleichsam von außen betrachtet, auf ihre eigene Art kleidet und mit Ornamenten aus anderen Sprachen schmückt. "In ein anderes Land zu gehen, war schwierig. Aber Italien war die obligatorische Wahl: es war das nächstliegende Land im Westen. Dazu kam sicher, dass es kulturell so vielfältig ist: die Heimat von Lucio Battisti und von Mina. Außerdem liebe ich die Zeit und die Malerei des Quattrocento sehr. Dort, wo Paolo Uccello und Beato Angelico lebten, wollte ich auch sein."

Frau = Hure

Ornela studierte an der Akademie der Bildenden Künste "von Brera", und war 28 Jahre alt, als ihr erstes Buch über Albanien mit dem Titel: Das ewige Leben der Albaner (Einaudi, 2005) erschien. Zuerst kam das Buch in Frankreich heraus. Vielleicht, weil es zu heikle Themen für die ultrakatholische 'Halbinsel der Trikolore' ansprach? Das Schreiben über "Hurerei", die unvermeidliche Falle, in die jede schöne Frau in Albanien zu tappen droht, könnte bigotte Empfindlichkeiten ausgelöst haben. "Aber nein, das glaube ich nicht. Es wird doch so viel Mist publiziert, Jahr für Jahr. Die 'Hurerei' von der ich spreche, ist ein globales menschliches Problem, weil Schönheit verstört." In manchen Ländern allerdings mehr, in anderen weniger: Ornela hat ihre eigene Schönheit immer als Hindernis erlebt. Zumindest in Albanien, in jenen Jahren, als das kommunistische Regime alle Menschen gleich machen wollte. Schönheit war etwas, womit man aus der Reihe tanzte. Und damit war sie zu verteufeln. Man sagte, wenn eine Frau schön sei, sei sie automatisch eine Hure und stellte mit dieser Gleichung die egalitäre Ordnung wieder her. "Ich habe mich als Person nie so gesehen. Im Grunde bin ich gar nicht so schön", sagt sie zum ersten Mal während unseres Gesprächs. "Aber meine Mutter schon."

"Matthew Barney und Sophie Calle? Sie bringen nichts rüber"

Ornela schreibt weiterhin auf Italienisch, denkt und spricht aber in vier Sprachen. "Für mich ist das selbstverständlich. Mit meiner Mutter spreche ich am Telefon jeen Tag Albanisch, mit meinem Mann Italienisch, auf der Straße Französisch. Und meine Romane, glaube ich, schaffen eine Synthese aus mehreren Kulturen, aus der Mischung mehrerer Sprachen." Das Patchwork, welches auf diese Weise entsteht, spricht alle Menschen an: "Kunst bedarf keiner Erläuterungen. Künstler wie Matthew Barney oder Sophie Calle sind viel zu überbewertet, sie repräsentieren den Kult der Individualität. Für mich bringen sie einfach nichts rüber. Bei der Betrachtung eines Gemäldes von Beato Angelico spüre ich den Kontakt mit ihm, obgleich er seit Jahrhunderten tot ist. Niemand muss ihn mir erklären: das ist das Wesen von Kunst."

Und wem möchte sie, Ornela, einen Tag lang die Schreibfeder stehlen? "Ich habe keine konkreten Vorbilder. Ursprünglich interessierten mich die bildenden Künste, Bildhauerei und Malerei. Aber zum Schluss landete ich bei der Schriftstellerei. Ich wünsche, ich hätte zum Beispiel Majakowskis Wolke in Hosen geschrieben, den Schwarzen Mönch von Tschechow, oder Camus' Der Fremde."

Es ist undenkbar, eine Albanerin nicht nach ihrer Meinung zur Statusfrage im Kosovo zu fragen: "Ich hoffe, es gelingt ihnen, die Unabhängigkeit zu erringen. Dieses Volk hat schon sehr viel gelitten. Aber ich weiß nicht, wie viel das Konzept von Nationalstaaten im einundzwanzigsten Jahrhundert noch wert ist. Seine Wurzeln und die eigene Kultur bewahren zu wollen macht zwar Sinn für mich, aber das Einzige, was wirklich zählt, ist die Notwendigkeit der menschlichen Interaktion."

Zwei Minuten später tänzelt eine feine Gestalt in der Pariser Dämmerung davon, biegt mit raschen Schritten in eine der Seitenstraßen des Boulvards ein und verschwindet in der Menge der Passanten. Einige drehen sich fasziniert nach ihr um.

Klicken Sie hier, um 'Nothing obvious' (Scalo publishers) von Ornela Vorpsi zu sehen

(Homepage-Foto: Corinne Stoll)