Kultur

Oliviero Toscani und die Zensur: 'Europas Machtinstanz ist pädophil'

Artikel veröffentlicht am 28. November 2007
Artikel veröffentlicht am 28. November 2007
"In der Kunst ist Transgression eine Pflicht", so die Worte des italienischen Skandal-Fotografen, der kürzlich eine Magersüchtige für Nolita in Szene gesetzt hatte. Cafebabel.com eröffnet er: "Brüssel? Wollte nichts von meiner Europavision wissen."

Bissig, unkonventionell, selbstsicher: Der weltberühmte, italienische Fotograf Oliviero Toscani hat für große Labels wie Chanel, Benetton, Fiorucci und Prénatal gearbeitet. Als Künstler in der Welt der Werbung führt er die Wirklichkeit drastisch vor Augen. Interview:

Sind Sie Künstler oder Werber?

Künstler. Das Marketing interessiert mich nicht. Ich bin nicht da, um etwas zu verkaufen. Ich bin da, um das Bild zu machen.

Was macht ein ästhetisches Bild aus?

Das Bild muss im treffenden Moment treffend sein, ein historisches Dokument der Menschheit. So wird große Kunst gemacht. Die Fotografien, die bei Ästhetik, Form und Komposition aufhören, sind immer mittelmäßig. Es gibt schöne Bilder vom Krieg, aber ist es schön, den Krieg zu sehen? Nehmen wir zum Beispiel das Foto vom 11. September. Man kann nicht sagen, es sei hässlich, aber das ist ein rein ästhetischer Umstand. Ich möchte diese Grenze überschreiten.

(Fotos: © Oliviero Toscani Studio)

Was ist Transgression?

Es ist die Pflicht der Kunst. Die Kreativität muss eingefahrenen Regeln zuwiderhandeln. Die Subversion gehört zur Kunst. Und ohne Subversion kann sich die Kunst nicht Kunst nennen. Man muss die Werteskala umkrempeln und die Dinge zur Diskussion stellen. Ununterbrochen. Genau da liegt die Verantwortung des Künstlers. Wer keine Regeln verletzt, ist kein richtiger Künstler. Nehmen wir zum Beispiel Caravaggio. Er malte Marienbilder, glaubte aber nicht an Gott. Er war Sodomit und die Modelle, die ihm für die Madonnen saßen, waren Prostituierte. Zweifellos entsprach er nicht den moralischen Vorstellungen seiner Zeit. Die Kunst ist einfach der höchste Ausdruck der Kommunikation. Sie muss neue Ideen vorantreiben.

In einem Interview für die deutsche Online-Zeitung Werben & Verkaufen haben Sie gesagt, die menschlichen Beziehungen seien anorektisch. Was meinen Sie damit?

Wir leben in einer Situation der sozialen, politischen, geistigen und kulturellen Anorexie. In anorektischen Beziehungen. Der Mord an dem Erasmus-Mädchen in Perugia (In Perugia wurde in der Nacht von Halloween eine junge Frau grausam ermordet, unter Verdacht stehen drei Studenten, Anm. d. Ü.) ist ein Symptom dafür. Eine Reaktion auf diese um sich greifende soziale Anorexie. Um sich dessen bewusst zu werden, muss man nur eine halbe Stunde lang hirnlosen Programmen im Fernsehen folgen.

Wie wichtig ist Ihnen Aufmerksamkeit in Ihrem Beruf?

Sie ist fundamental. Ein Künstler will immer Aufmerksamkeit. Picasso ist nicht per Zufall in die Geschichte eingegangen. Wer keinen Eindruck hinterlässt, ist kein Künstler.

Das Foto der magersüchtigen Französin Isabelle Caro, das Sie für Nolita fotografiert haben, hat Aufmerksamkeit erregt. Was wollten Sie damit vermitteln?

Mein Beruf ist es, Bilder zu machen. Wenn Sie einen Schuhmacher fragen: "Was für Schuhe wollten Sie eigentlich machen?", wird er ihnen antworten: "Ich wollte einfach Schuhe machen, das ist alles". Mich interessierte die Problematik Magersucht, ein Problem, das ich für sozial interessant halte, und das ich in Bildern festhalten wollte. Ich wähle Themen, die mich interessieren. Und dann mache ich Bilder davon. Ich hätte irgendein Fotomodell wählen können. Die ganze Welt ist voller Magersüchtiger.

Stimmt es, dass das Bild in Italien verboten wurde?

Nein, absolut nicht. Es gibt ein Institut für Autodisziplin in der Werbung, zu der eine Körperschaft von Werbern gehört, die entscheidet, was geht und was nicht. Und die haben diese Werbung verboten. Aber ich gehöre weder zu ihrem Club, noch zu ihrem Clan, noch zu ihrer Körperschaft. Daher können sie meine Arbeit nicht zensieren. Sie können meine Bilder zwar in ihren Medien, in ihren Zeitungen zensieren, aber nicht überall. Ich kann dieses Foto auf Trägern, die nicht zu dieser privaten Organisation gehören, veröffentlichen. Ein Verbot wird durch einen Richter erlassen, nicht durch ein privates Organ.

Wie ist es, in Europa zu arbeiten?

Das kann man nicht verallgemeinern. Wer ist Europa? Der Sizilianer oder der Schwede? Europa besitzt unendlich viele Facetten. Es ist ein unglaublich interessanter Raum, mit seinen Sprachen, die einerseits eine Beschränkung sind, andererseits ein enormer Schatz. Zwischen Frankreich und Italien gibt es zum Beispiel enorme Unterschiede. Frankreich ist ein viel fortschrittlicheres Land, vollständiger, nicht so ängstlich, mit einer seriösen Staatführung. Im Vergleich dazu sind wir Dilettanten.

Stimmt es, dass Sie nicht ins Kino gehen und nicht fernsehen, um die Bilderflut zu meiden?

Ja, das stimmt. Aber Fernsehen ist omnipräsent, auch wenn man es nicht sehen will. Es ist wie mit der verschmutzten Luft. Auch wer nie Auto fährt, muss sie einatmen. Ich versuche, mich so gut wie möglich vor diesem dauernden Beschuss mit Bildern zu schützen.

Was bringen Sie den Jugendlichen bei, die an Ihren Workshops teilnehmen?

Ethik und Ästhetik. Und wie man sein eigenes Talent entwickelt. Die Fähigkeit zur Analyse, zur Kritik, zur Leidenschaft und Großzügigkeit. Die Tatsache, keinen Beifall zu suchen, nach dem alle ein verzweifeltes Bedürfnis haben. Beifall bedeutet nicht Erfolg und vor allem ist er keine Kultur. Man muss versuchen, zu tun, woran man glaubt.

Wie würden Sie Europa in einer Kampagne darstellen?

Ich habe bereits eine Kampagne zu Europa entworfen. Eine Zeile nackter Kinder, im Alter von vier Monaten bis fünf Jahren. 25 an der Zahl - so viele Mitgliedsstaaten hatte Europa zu dieser Zeit. Aber schlussendlich wurde das Bild von Brüssel abgewiesen, weil die Kleinen keine Windeln anhatten. Schade. Die Machtinstanz Europas ist pädophil.

Hören Sie Toscanis letzte Antwort live!

Testkampagne Europa: Oliviero Toscani Studio