Kultur

Olivier Heim von très.b: "In Polen habe ich mich am meisten verändert"

Artikel veröffentlicht am 12. April 2013
Artikel veröffentlicht am 12. April 2013
Das Indie Pop/Rock-Trio très.b bringt 5 Nationalitäten unter einem französisch klingenden Bandnamen zusammen. Getroffen haben sich Misia, Olivier und Thomas in Dänemark, später zogen sie nach Holland um und heute leben und arbeiten sie in Warschau.
Der internationale Charakter der Band sei keine Überraschung – so der holländisch-amerikanische Gitarrist Olivier Heim – er sei schlicht und einfach das Resultat dessen, was er ist.

Wir treffen Olivier Heim in einem kleinen Café an einem der symbolischsten Plätze der polnischen Hauptstadt – dem Warschauer Kulturpalast. Ich hatte an diesen Ort gedacht, damit uns kreischende Fans nicht ständig um Autogramme bitten. Olivier lacht. Er macht sich da eher keine Sorgen. Es sei ihm noch nie passiert, dass er auf der Straße auf ein Autogramm angesprochen wurde oder schreiende Horden von Mädels abwehren musste.

Auch wenn die polnische Fangemeinschaft der Multikulti-Indieband très.b überschaubar ist, konnte die Band sich in den letzten Jahren einen Namen machen. Im Januar dieses Jahres erhielt das Trio den angesehenen "Paszport Polityki", einen Preis der polnischen Zeitschrift Polityki für international ausgerichtete Projekte. Die Jury sprach von „Kraft und Subtilem in perfekter Mischung, von unabhängiger Musik mit Hitpotenzial.“ Très.b spielte außerdem vor großem Publikum beim Heineken Open'er Festival – einem der größten Musikevents im Ostseeraum.

„Ich versuche ehrlicher mit mir selbst zu sein“

Trotz seiner scheinbar bescheidenen Haltung zum Erfolg, findet Olivier die Emotionen des polnischen Publikums besonders authentisch. Zunächst, erinnert er sich, sei es hierzulande hart gewesen zu verstehen, warum jemand ohne triftigen Grund sauer auf ihn sei. Doch später verstand er, dass die Leute hier in Polen ihre Meinung ganz einfach deutlicher sagen - gerade heraus! Dabei gibt es keine Überheblichkeiten, keinen Versuch Emotionen einfach mechanisch ein- oder auszuschalten. Hat sich Olivier auch verändert, seit er in Polen lebt? „Ich versuche ehrlicher mit mir selbst zu sein“, gibt er zu. Doch es ist zu früh, um zu sagen, ob diese persönliche Veränderung auch seine Musik beeinflussen wird. Olivier ist sich aber sicher, dass seine musikalische Odyssee einen Einfluss auf seine künstlerische Kreativität haben wird.

Olivier Heim formuliert seine Beobachtungen im gleichen Rhythmus wie er neue Worte aus den Sprachen aufnimmt, die er auf seinem Weg gelernt hat. Diese Anpassungsfähigkeit und eine fast pflichtbewusste Freundlichkleit sind das Überlebens-Handgepäck eines jeden Expats.

Der Gitarrist und Sänger ist als Sohn holländischer Eltern in der Vorstadt von Washington aufgewachsen, hat dann aber den größten Teil seines Lebens in Luxemburg verbracht, wo er an die Europaschule ging. Dort hat er auch den holländisch-britischen Drummer der Band, Thomas Pettit, kennengelernt. Ab 2004 vertieften die Jungs gemeinsam das Musikstudium an der Hojskole in Dänemark, wo sie den weiblichen Part der Band, Misia Furtak, kennenlernten. Danach ging es für vier Jahre weiter nach Holland, wo die Band ihr erstes Album Scylla & Charybdis (2008) selbst veröffentlichte. Später macht sich très.b dann endlich auf den Weg nach Warschau, ihren heutigen Wohnort und Misias Heimat, und nimmt ein zweites Album, The Other Hand (EMI Records), auf.

Trotzdem sitze Olivier heute irgendwie zwischen zwei polnischen Stühlen, gibt er zu. Immer wieder empfinde er diese Diskrepanz zwischen Alt und Neu, dieses konflikthaltige Dilemma zwischen dem Brechen oder Respektieren von Traditionen. In seinem Herzen ist Olivier Heim aber Europäer, deshalb kann er sich auch vorstellen, in nächster Zeit mal wieder weiterzuziehen. Vielleicht nach Berlin? Egal wohin es ihn verschlägt, der Gitarrist und Sänger kann jedem nur Bewegung und Wechsel empfehlen. „Mobilität erweitert den Horizont”, sagt er fast sloganhaft. Auch wenn er perfekt Holländisch und Englisch spricht – und auch in beiden Sprachen träumt – gibt er dem Englischen für seine Kreativität den Vorzug. Und wie sieht es mit polnischen Albträumen aus? “Ich habe nie Albträume, in keiner Sprache.” Dann kann es mit der Traumfabrik très.b ja weitergehen.

Übersetzung: Piotr Wolff

Illustrationen: Teaserbild (cc)Asia Pulko, Im Text (cc)Facebook-Seite der Band; Olivier Heim (cc)Monika Baran