Kultur

Olivia Ruiz: „Ich habe eine Erinnerungspflicht“

Artikel veröffentlicht am 17. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 17. Januar 2017

Von La femme chocolat bis hin zu ihrem letzten Album À nos corps-aimants, Olivia Ruiz ist eine vielgestaltige Erscheinung in der französischen Musikszene, die sich Genres und Stilrichtungen zu eigen macht und wieder verwirft. Nur einem bleibt sie treu - ihren spanischen Wurzeln und der schweren Vergangenheit ihrer Familie. Diese inspirierte sie auch zu ihrer neuen Show: Volver

cafébabel: Im Laufe deiner künstlerischen Laufbahn hast du oft auf deine Herkunft aus einer Immigrantenfamilie verwiesen. Inwiefern bestimmt diese deine Persönlichkeit?

Olivia Ruiz: Wenn man bei Menschen aufwächst, die vom Verlust der Heimat geprägt wurden, und in diesem Umfeld seine Persönlichkeit entwickelt, dann verspürt man ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Ich assoziiere dieses oft mit einer Suche nach Legitimität, die vielleicht nicht die meine ist. Ich habe das Gefühl, dass man sich als Nachkomme von Einwanderern fast überall als illegitim empfindet und meint, sich noch mehr als jeder andere beweisen zu müssen. Daran liegt es sicherlich, dass ich kämpferischer und arbeitsamer als andere bin.

cafébabel: Hast du einen Unterschied gegenüber Gleichaltrigen gespürt?

Olivia Ruiz: Mir war stärker die Notwendigkeit bewusst, hart zu arbeiten. Das war aber ein persönliches Bestreben, ich habe mir das selbst auferlegt. Ich befand mich nie in einem Kampf mit der Gesellschaft. Wenn man weiß ist und einen französischen Namen hat [der richtige Name von Olivia Ruiz ist Blanc, Anm. d. Red.], dann begegnet man keinerlei Form der Ablehnung. 

cafébabel: Deine Großeltern sind Exilanten der Franco-Diktatur. Du sagst, dass du das Exil deiner Familie auf deinen Schultern trägst.

Olivia Ruiz: Ja, das bezieht sich aber auf die Menschen, die ich liebe, nicht auf Auswirkungen auf mein eigenes Leben. Ich denke an meine Großeltern, die mich teilweise aufgezogen haben, und sage mir, dass ihr Leben ganz anders verlaufen wäre, wenn man sie bei ihrer Ankunft in Frankreich willkommen geheißen hätte. Diesbezüglich habe ich eine Erinnerungspflicht.

cafébabel: Wie haben sie ihre Geschichte an dich weitergegeben?

Olivia Ruiz: Bröckchenweise. Einer meiner Cousins hat sich viel mit unserer Familiengeschichte beschäftigt und uns dann erzählt, was wirklich geschehen war. Aber selbst heute bricht meine 87-jährige Großmutter noch in Tränen aus, wenn ich mit ihr über ihre Kindheit und die Zeit spreche, als sie Spanien verließ. Das ist eine nicht verheilte Wunde, als hätte sich alles gestern erst zugetragen. Das Verlassen des Landes, ihre Ankunft in Frankreich, wo sie ihre kranke Schwester wiedertraf... Was ich davon zurückbehalte, ist das Auseinandergerissenwerden. Für gewöhnlich gingen die Kinder nicht zusammen mit ihrer Familie fort. Sie brachen eines nach dem anderen auf und ließen dabei ihr schützendes Elternhaus zurück.

Olivia Ruiz - "À nos corps aimants"

cafébabel: Dein neues Bühnenstück Volver, welches den Weg einer jungen Exilantin darstellt und in welchem du die Hauptrolle spielst, wurde von all dem inspiriert. Wie ist es als Musikerin ein Theaterstück zu schreiben?

Oliva Ruiz: Ich musste die Geschichten um die Lieder meiner ersten vier Alben spinnen, die Jean-Claude Galotta [der Choreograf des Stückes, Anm. d. Red.] ausgesucht hatte. Beispielsweise hatte er „Les Vieux Amoureux“ ausgewählt, ein Lied über zwei alte Menschen, die eine solche Angst davor haben, getrennt voneinander zu sterben, dass sie beschließen, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Nun musste ich deren Geschichte auf das Stück übertragen. Also schrieb ich, dass Franco auf die beiden ein Kopfgeld ausgesetzt hatte. Sie beschlossen daher, lieber Suizid zu begehen, anstatt womöglich jeder für sich zu sterben. Ich selbst wurde hierbei von der Geschichte einer meiner Großtanten inspiriert, auf die wirklich ein Kopfgeld ausgesetzt worden war, weil sie Leiterin des republikanischen Jugendbüros war. Dann wird die junge Exilantin im Stück schwanger. Ich hätte dies wahrscheinlich nie reingeschrieben, wenn ich nicht selbst ein Kind erwartet hätte, als ich das Stück schrieb. Volver ist aber von der Geschichte meiner Großeltern insoweit inspiriert, dass die Hauptfigur ihre Wurzeln völlig verneint. Einer meiner Großväter sagte immer zu mir: „Ich bin kein Spanier!“ Er hatte bei seiner Ankunft dermaßen gelitten, dass er sein ganzes Leben lang seine Herkunft verleugnete. Er flüchtete sich in die Vorstellung, ein echter Franzose zu sein. Obwohl sie spanische Eltern hat, spricht meine Mutter kein Spanisch, weil ihr Vater es ablehnte. Das ist sehr inspirierend.

cafébabel: Aber auch heftig. Fiel es dir schwer, das Stück zu schreiben?

Olivia Ruiz: Nein, im Gegenteil, es war eine Notwendigkeit.

cafébabel: Mit welchen Augen betrachtest du die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa?

Olivia Ruiz: Manchmal bin ich super stolz. Mein Bruder arbeitet als Psychologe mit jungen unbegleiteten Flüchtlingen und wenn ich ihn dabei sehe, dann sage ich mir: „Es ist schön, mein Frankreich.“ Er erhält vielfältige finanzielle Unterstützung für ihre Unterbringung, damit sie ihre Ausbildung beenden können. Ich weiß nun, dass Frankreich keine Minderjährigen, gleich welcher Herkunft, in der Not allein lässt. Andererseits stimmt mich die Nichtaufnahme von Flüchtlingen sehr pessimistisch. Man macht uns weis, unser Land befinde sich in der Krise, aber das kann niemals eine Rechtfertigung dafür sein, die Aufnahme von 50 000 Menschen abzulehnen. Man ging uns auf den Wecker mit „den Horden von Migranten, die an Frankreichs Grenze stehen“. Das ist erstens falsch und zweitens hängt das Wohlergehen Frankreichs nicht davon ab, ob einige zehntausend Menschen aufgenommen werden oder nicht.

cafébabel: Bist du empfänglich für eine bürgerschaftliche oder politische Maßnahme, mit welcher man der mangelnden Aufnahme von Flüchtlingen begegnen könnte?

Olivia Ruiz: Auch wenn die Maßnahme wie ein Erbe alter Diktaturen anmutet, aber man könnte leerstehende Wohnungen beschlagnahmen. In Paris zum Beispiel gibt es derer in Hülle und Fülle. Ich wohne im 18. Arrondissement in einem Viertel, das man als vornehm bezeichnen könnte. In meiner Straße gibt es ganze Wohnhäuser, die nur eine Woche im Jahr bewohnt sind. 

cafébabel: Was ist deine erste Reaktion hierauf?

Olivia Ruiz: Traurigkeit und Schuldgefühle angesichts meiner eigenen Machtlosigkeit.

cafébabel: Wie kannst du, als Künstlerin, diese Gefühle vermitteln?

Olivia Ruiz: Indem ich Volver schrieb. Das Stück endet mit einem Abspann, auf dem steht: „500 000 Tote nach dem Spanischen Bürgerkrieg“. Er schließt mit den Zahlen der heutigen Zeit. Das Publikum geht mit einem eindrücklichen Bild aus der Vorstellung: „Die Geschichte wiederholt sich - und wir begehen die gleichen Fehler!“ Vielleicht denken die Menschen beim Verlassen des Saales sogar mehr an diese paar Worte als an die Vorstellung selbst. Ich habe das instinktiv geschrieben, ohne zu überlegen. Es hat einfach dort hingehört.

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Anhören: 'À nos corps aimants' von Olivia Ruiz (Polydor/TF1 Musique/2016)