Kultur

Obama und die EU: Zu viel Optimismus?

Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2008
Eine Woche vor den US-Wahlen fragt sich die europäische Presse, warum der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama in Europa so beliebt ist. Die einen hoffen, dass ein Präsident Obama das transatlantische Verhältnis verbessern würde, die anderen warnen vor zu viel Optimismus.

Financial Times Deutschland - Deutschland

©Barack Obama/flickrEmotionen, nicht politische Sachfragen, dominieren die Einstellung Europas zu Obama und dem transatlantischen Verhältnis, meint die Financial Times Deutschland. "Es werde durchaus ungemütlich mit dem Demokraten, warnen sie [die Experten und Analysten]; der Heilsbringer werde den Europäern mehr Soldaten für Afghanistan abverlangen; er werde in der Handelspolitik dem Druck der Protektionisten in seiner Partei nachgeben. [...] Sie haben Recht in allen Punkten, diese Anwälte kühler Sachlichkeit, und sie irren dennoch. [...] Kein anderes Verhältnis zu einem fremden Land weckt in der europäischen Bevölkerung so starke Emotionen wie das zu den USA. [...] Nach acht Jahren mit dem kulturell fremden, politisch unfähigen, selbstherrlichen George W. Bush hat das transatlantische Verhältnis eine positive Identifikationsfigur so dringend nötig wie selten in seiner Geschichte. Kein Zweifel, dass der elegante, politisch wie physisch geschmeidige Barack Obama ganz anders in der Lage ist, den Europäern eine positive Projektionsfläche zu bieten, als der kauzige John McCain."

(Artikel vom 30.10.2008)

Les Echos - Frankreich

©astorg/flickrDie Wirtschaftszeitung Les Echos reflektiert über das Phänomen "Obamania" in Europa, und meint, dass die Europäer ihre Erwartungen an den nächsten US-Präsidenten nicht zu hoch schrauben sollten: "Wenn die Europäer am 4. November den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen könnten, wäre das Ergebnis zweifellos [...] eine sehr breite Mehrheit [...] für Barack Obama. [...] Aber egal wie der Präsident heißen wird, oder ob ein Republikaner oder Demokrat am 20. Januar 2009 das Weiße Haus betreten wird - die Europäer erwarten zu viel von ihm. [...] [Sie] erwarten eine radikale Kurskorrektur der amerikanischen Außenpolitik. [...] Aber die Europäer sollten sich nichts vorgaukeln. [...] Paradoxerweise, um eine so radikale Veränderung der amerikanischen Politik zu erreichen, wie die Europäer es sich heute wünschen, sollte sich Europa, das eine Wirtschafts- und Handelsmacht geworden ist, verändern und eine echte politische Persönlichkeit annehmen, um ein ernsthafter Partner der Vereinigten Staaten neben China, Russland und den anderen Schwellenmächten zu werden."

(Artikel vom 30.10.2008)

Helsingin Sanomat - Finnland

©azkid2lt/flickrMarkku Ruotsila, Dozent für amerikanische und britische Geschichte, kritisiert in seinem Gastbeitrag in der Tageszeitung Helsingin Sanomat die überzogenen Erwartungen der Europäer an Obama: "Man behauptet und geht davon aus, dass er sich sofort nach Amtsantritt von George W. Bushs Außen- und Verteidigungspolitik abwenden und die Vereinigten Staaten auf den Weg des Multilaterismus, der Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und einer friedlichen Lösung internationaler Streitigkeiten nach westeuropäischem Modell führen wird. Diese Vorstellung ist unsinnig. Obama wird in den wichtigsten außenpolitischen Fragen nicht anders handeln als Bush, aus dem einfachen Grund, dass es hierüber in den USA einen parteiübergreifenden Konsens gibt. Aus wahltaktischen Gründen kann man anderes erzählen, Tatsache ist aber, dass Bush bei den wichtigsten außenpolitischen Themen [...] Traditionen der US-Außenpolitik gefolgt ist. [...] Und auch Obama wird hier keine Ausnahme darstellen."

(Artikel vom 30.10.2008)

Postimees - Estland

Nach Ansicht der Tageszeitung Postimees ist Obama in Europa deshalb so beliebt, weil er seine Partner zu Gesprächen einlädt. Nur bei Russland stoße er an seine Grenzen: "Anders als [sein republikanischer Gegenkandidat John] McCain glaubt Obama, dass man Gegensätze einfach durch Verhandlungen überbrücken könne. Aber wie die Geschichte lehrt, ist das bei Russland nicht möglich. In dieser Hinsicht ist seine Versöhnungspolitik also blauäugig, und aus estnischer Perspektive ist sie sogar geradezu verheerend. […] Wir sollten nicht glauben, dass Obama unsere Geschichte und unsere Sorgen versteht, denn auf seiner Europatournee ist er hier nicht gewesen. Zu den Freunden McCains gehören dagegen auch die Führer kleiner Länder wie Georgien; und McCain hat das Land unterstützt, als es der russischen Aggression ausgesetzt war, während Obama mit seiner Familie Urlaub auf Hawaii machte."

(Artikel vom 30.10.2008)

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