Kultur

Now.Here: Auf dem Steckenpferd von Wales nach London

Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2013
Man könnte es eine wirklich irre Reise nennen, die Aimee Corbett und Vanessa Hammick mit ihren Steckenpferden von Wales nach London unternommen haben. Unter dem Namen Drawn to Stars brachten sie ihr Reiseabenteuer als Theaterstück auf die Bühne. Wir haben mit den beiden und der Musikerin des Ensembles, Ellen Jordan, über das Sammeln von Geschichten gesprochen.

Im August 2012 habe ich Aimee (27 Jahre), Vanessa (29 Jahre) und Ellen (23 Jahre) auf dem Edinburgh Fringe Festival getroffen. Ihr nachdenkliches und gleichzeitig unbeschwertes Theaterstück Now.Hereist gerade zu Ende gegangen. Das Drawn to Stars-Trio musste mit wenig Finanzierung auskommen. Sie hatten ein Stipendium von ungefähr 350 € und die Möglichkeit, nahe des Willow Globe Theatre in Powys in Wales (ein kommunal verwaltetes Open-Air-Theater, von dem sie auch ihre Steckenpferde bekommen hatten) zu wohnen. Ansonsten schlugen sie sich mit Hilfe von Couchsurfing und Freunden von Freunden, bei denen sie übernachten konnten, durch. Im Vorfeld organisierten sie Workshops, um sich die Reise zum Festival nach Edinburgh zu finanzieren. Etwas abseits von der Menge der Festivalbesucher, die vorwiegend aus Studenten, Künstlern und Touristen besteht, lutschen wir unser Pimm’s-Eis am Stil und genießen den Ausblick auf die für Edinburgh typische Felsenlandschaft. Mit ihren treuen Reisebegleitern an ihrer Seite fallen sich die Mädels ständig ins Wort und diskutieren heftig. Dabei bleiben sie aber immer herzlich und brechen zwischendurch immer wieder in schallendes Gelächter aus.

Zeit für Steckenpferde

Die Idee für das Stück ergab sich aus der Not. Ich musste erleben, wie schwer es ist, außerhalb der großen Metropolen einen Job zu finden. „Ich habe damals mit Ian, der heute unser Regisseur ist, am Powys-Theater gearbeitet.“, erzählt Aimee. „Nachdem der Kulturausschuss von Wales die Subventionen gestrichen hat, musste das Theater schließen. Da saß ich also irgendwo mitten in Wales auf der Suche nach Arbeit und versuchte, mein Leben auf die Reihe zu kriegen – aber es gibt einfach viel zu wenig Jobs, vor allem an Theatern!“ Heute lacht sie, wenn sie an ihre hoffnungslose Situation von damals denkt. „Ich musste an London, die Geschichte von  Dick Whittington und die Landmaus denken. Als ich mit Vanessa darüber sprach nahm unsere Idee Gestalt an und wir haben unser Glück auf unsere Art und Weise versucht.“

‚Ich kenne keine Geschichte.’ - ‚Aber natürlich! Dein ganzes Leben ist doch eine.’

„Das moderne Gefühl der Entwurzelung, das heute bei vielen im Alltag präsent ist, wird in Now.Here ganz offensichtlich. Wir haben sehr viele einsame Menschen getroffen, Junge und Alte.“, erklärt Aimee. „Das hat mich schockiert. So viele Menschen zu treffen, die Angst haben, keinen Platz im Leben zu finden - das hat meine Sichtweise relativiert. Plötzlich wird es zu etwas Großem: es betrifft nämlich nicht nur unsere Generation. Wir sind sehr vorsichtig vorgegangen, denn die Geschichten, die wir erzählt bekommen haben, haben uns wirklich berührt. Einige der Geschichten sind etwas verrückt, aber wir haben uns wirklich Mühe gegeben, sie so zu erzählen, wie sie sind. Wir neigen dazu, schnell über andere zu urteilen, aber all diese Leute sind einfach nur sehr menschlich.“

Respekt

Vanessa stimmt dem zu. „Wir haben versucht, sie nicht zu imitieren oder sie als Stereotype darzustellen. Wir haben ihnen lediglich verschiedene Dialekte verpasst, damit sie am Ende nicht alle so klingen, als kämen sie alle aus diesem verschlafenen Nest Croydon mitten im walisischen Nirgendwo! Wir können aus diesen Menschen keine einfältigen Karikaturen machen. Wir kennen sie ja schließlich und viele haben uns inspiriert!“ Ellen nickt zustimmend: „Du teilst mit diesen Menschen eine gemeinsame Erfahrung und die wollen wir nicht zerstören. Sie haben uns immer ein Stück Vertrauen entgegen gebracht.“ Aimee fügt noch hinzu: „Manchmal lassen die Menschen in ihren Geschichten bestimmte Details weg. Zum Beispiel, wenn sie sich nicht ganz sicher sind oder wenn sie sich plötzlich bewusst werden, dass sie vom Thema abgekommen sind. Dann hören sie auf, zu erzählen oder wechseln schnell das Thema. Genau dann muss man ganz genau hinhören, um herauszuhören, was ihnen wirklich wichtig ist. Das hat den Namen des Stücks Now.Here stark beeinflusst. Es geht darum, ganz im Moment zu sein und zu lernen, im Hier und Jetzt präsent zu sein“.

„Beim Zuhören ist mir oft ein bestimmtes Schema aufgefallen“ erinnert sich Vanessa. „Du hörst zwar nur zu, aber plötzlich bist du ganz eingenommen von der Geschichte und sie wird dir genauso wichtig wie dem Erzähler.“ Sie macht eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen. „Das ist dann so ein now/here, ein 'Hier-und-Jetzt-Moment'. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass man dann eine Grenze überschreitet und es sehr persönlich wird, oder ob man einfach ein Gespür dafür bekommt, herauszuhören, was den Menschen wirklich ist. Aber geht es beim Zuhören nicht genau darum? Jemandem Raum und Zeit geben und mit ihm im Jetzt zu sein.“ Allerdings war das Geschichtensammeln laut Aimee auch nicht immer ganz einfach. „Einige Menschen antworten dir ‚Ich kenne keine Geschichte’ und dann musst du ihnen sagen: ‚Aber natürlich kennst du eine Geschichte! Dein ganzes Leben ist doch eine‘.”

„Wenn wir Menschen treffen, müssen wir manchmal ihre Geschichte dadurch herauskitzeln, dass wir zuerst unsere Geschichte erzählen.“, erklärt Vanessa. „Wenn ich dann sage: ‚Wir haben eine Frau getroffen, die Wolle färbt.‘, erzählen sie uns im Anschluss vielleicht: ‚Ach ja, ich webe nebenbei Teppiche. Ich habe damals damit angefangen, weil…‘. Und da hast du sie, die Geschichte!“ Sie fährt fort: „Wir haben also diese Frau getroffen, die Schafe gefärbt hat - Wolle gefärbt hat, meine ich natürlich! Sie war unglaublich. Ihre Geschichte hat mich so fasziniert, dass ich sie ein bisschen weiter gesponnen habe. Manchmal habe ich den Leuten dann aus Spaß erzählt, dass die Frau die Schafe mit den Pflanzen füttert, die sie auch zum Färben der Wolle verwendet, und dass die Wolle der Schafe in genau dieser Farbe wächst. Zur Krönung zeige ich ihnen auch noch ein Beweisstück. Am Ende erzähle ich natürlich, dass ich gelogen habe. Aber genau das mag ich, die Idee einer Phantasiereise, wie von Gulliver.“

Fotos: Teaser (cc)Aimee Corbett auf Facebook; im Text: mit freundlicher Genehmigung von (cc)Drawn to Stars; mit freundlicher Genehmigung der Facebookseite von (cc)Drawn Stars