Kultur

‘Nos plusieurs’: Poetischer Autismus auf der Leinwand

Artikel veröffentlicht am 30. September 2011
Artikel veröffentlicht am 30. September 2011
Der französische Filmregisseur Fred Soupa verwischt mit seinem Theaterfilm Nos Plusieurs [Viele von uns], in dem er die poetische Zusammenarbeit von Autisten und Schauspielern dokumentiert, die Grenzen zu dem, was wir üblicherweise als "normal" wahrnehmen. Ab 28. September in französischen Kinos.

Ein junger Mann sitzt auf einem anderen, als wäre dieser ein Stuhl. Auf den ersten Blick ist es einfach den zweiten Mann zu übersehen, weil alle auf die vorhergehenden Bewegungen folgenden Ergänzungen so gut aufeinander abgestimmt sind. Der Schauspieler murmelt in den Nacken seines Partners. Dieser gibt dessen Zeilen an das Publikum weiter. Vielleicht ist das Bühnenstück mit dem klingenden Namen Mahabharataeine innovative Art und Weise, die Götter und Dämonen des gleichnamigen indischen Epos darzustellen? Vielleicht ist es aber auch eine raffinierte Technik, um die schauspielerischen Hürden mit autistischen Darstellern zu überwinden.

Von der Bühne vor die Kamera: Theaterdoku Nos Plusieurs

In Wirklichkeit trifft beides zu. Die beschriebene Szene stammt aus dem Film Nos Plusieurs ("Viele von uns"), einer Doku, die 2011 auf dem "Festival du Futur Composé" im September in Paris vorgestellt wurde. Das Festival befasste sich dieses Jahr über ein diverses paneuropäisches Kunst- und Kulturprogramm mit dem Thema 'psychische Störungen'. Nos Plusieurs kommt auf die Geschichte der Theaterproduktion über das bekannteste indische Epos Mahabharata aus dem Jahr 2010 zurück. 

Das Stück der französischen Regisseurin Vincianne Regattieri ist auch die Zusammenarbeit einer Gruppe talentierter, junger Schauspieler, die allesamt Lernschwierigkeiten haben und zu einem unterschiedlichen Grad an Autismus leiden. Ein Jahr lang hatten die Nachwuchsschauspieler wöchentlich geprobt, sodass die Produktion selbst etwas Episches an sich hatte. Der Psychologe und Gründer des Festivals, Gilles Roland-Manuel, beschreibt das Projekt als "ein Wagnis, das uns motiviert hat."

Der Film von Fred Soupa hätte leicht in die Abgründe von schlechten TV Reality Shows abgleiten können. Man hat den Regisseur ausgewählt, um die Herausforderungen und Probleme rund um das Theaterprojekt zu dokumentieren. Soupa entkommt der Reality-Falle jedoch gekonnt. Anstatt der Chronologie zu folgen, gestaltet der Dokufilmer eine Montage, die sich sowohl aus Theaterproben als auch tatsächlichen Vorstellungen zusammensetzt. Das ergibt einen Mix aus realistischer Stimmung im Probenraum und  karnevalesker Extravaganz auf der Bühne.

Dem Film gelingt es die Entwicklung der jungen Darsteller über das Jahr auf eine schöne Weise abzubilden. Er vermeidet dabei tiefgehende Porträts über Einzelne und präsentiert lieber engagierte Momentaufnahmen aller Darsteller - gemeinsam! Genau darin liegt die Stärke des Films. Während andere Filme und Bücher über Autismus  wie beispielsweise Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone [im Original: The Curious Incident Of The Dog In The Nighttime, 2003, Mark Haddon] oder Rain Man [1988, Berry Lewison] sich auf eine Figur konzentrierten, bietet Nos Plusieurs ein viel facettenreicheres Bild. Regisseur Fred Soupa macht es dem Zuschauer unmöglich die jungen Darsteller über einen Kamm zu scheren, sei es nun der sprachlose aber äußerst ausdrucksstarke Sebastian oder der anhängliche Michael Jackson-Fan Lynda.

Vocis non grata: ‘Autismus’

Soupa vermeidet die Wörter "Autismus" und "autistisch" in seinem Film. Er verzichtet auf Labels für die jungen Schauspieler und versucht auch keine klare Trennung von den "professionellen" Darstellern. „Wir wollen das Stigma umkehren, damit die Zuschauer sich am Ende fragen wer oder was nun eigentlich normal ist, die Darsteller oder sie selbst“, so Soupa. Das Konzept Normalität an sich soll in Frage gestellt werden: Beispielsweise ist es für den Zuschauer im Saal schwierig herauszufinden, ob eine der jungen, lautstarken Darstellerinnen, Patricia, nun tatsächlich Lernschwierigkeiten hat oder nicht.

Da alle Darsteller kostümiert und geschminkt sind, wird es fast unmöglich zwischen den professionellen Schauspielern und den autistischen Nachwuchsdarstellern zu unterscheiden. Neben den (fast technisch wirkenden) Problemen einiger Darsteller, die Sprachstörungen aufweisen, ähneln die Momentaufnahmen einer stinknormalen Theaterprobe: alberne Schauspieler oder diese, die dazu angehalten werden müssen ein bisschen mehr Energie und Begeisterung zu zeigen. Kleinere Probleme und die Entschlossenheit der Regisseurin Vincianne Regattieri haben nicht im Geringsten mit der Behinderung einiger Darsteller zu tun.

Eine der ergreifendsten Szenen im Stück Mahabharata, die im Verlaufe des Filmes gezeigt werden, ist als Gandhari herausfindet, dass ihr zukünftiger Ehemann blind ist. Verzweifelt verbindet sie sich auch die eigenen Augen, um sein Erleben zu teilen. In ähnlicher Weise katapultiert uns Nos Plusieurs in die Erlebniswelt der Darsteller. Fred Soupa schafft es die Distanz zwischen Beobachtern und Beobachteten auf ein Minimum zu reduzieren. Stattdessen muntert seine Doku, ähnlich wie der internationale Erfolg Etre Et Avoir- Sein und Haben [2002, Nicolas Philibert], ein Dokumentarfilm über eine kleine ländliche Schule, nicht zur Beobachtung sondern zur Empathie auf. Er nimmt uns mit in die Welt der Darbietung und lässt uns die Erfahrungen eines Jahres von Linda, Nicolas und ihrer Kollegen in 56 kurzen Minuten miterleben.

Fotos: Homepage (cc)Panavatar/flickr; Text ©Cabaret Sauvage/Facebook