Kultur

Nobelpreis? Verzichte!

Artikel veröffentlicht am 7. September 2007
Artikel veröffentlicht am 7. September 2007
Die englische Schriftstellerin Doris Lessing (87) hat den Literaturnobelpreis 2007 für herausragende Leistungen als 'Epikerin weiblicher Erfahrungen' erhalten. Dem Preis wurde in der Vergangenheit jedoch oft Parteilichkeit vorgeworfen.

Am 7. September 2007 feiern wir den hundertsten Todestag des französischen Schriftstellers Sully Prudhomme. Der ehemalige Ingenieur, der sich später der Poesie verschrieb und als Akademiker endete, ist gleichwohl der erste Preisträger des Literatur-Nobelpreis’. Im Gegensatz zu Prudhomme zählt einer seiner unglücklichen Konkurrenten, der 1879 von der Akademie zurückgewiesen wurde, heute zu den Klassikern der Weltliteratur: Leo Tolstoï wurde für zu politisch befunden. Die Jury bevorzugte, den Autor des Gedichtbandes Stances et Poèmes zu belohnen.

So feierte die Geschichte des Literatur-Nobelpreis’ ihren Einstand, den die Zukunft als "unrechtmäßig" in Erinnerung behalten sollte. Diese "Irrtümer" der Akademie sind keine Seltenheit und die Liste der Preisträger weist sowohl illustre Unbekannte als auch berühmte Männer der Feder auf, die nie prämiert wurden – wie etwa Emile Zola oder Franz Kafka. Neben dem Prestige, profitiert der Preisträger zusätzlich von einem Preisgeld von 10 Millionen Schwedischen Kronen (1,1 Millionen Euro). Gleichwohl hält das den Einen oder Anderen nicht davon ab, auf die Anerkennung zu verzichten oder gar einen Skandal um ihre Nominierung auszulösen.

1964: Der Fall Sartre

Um in Stockholm nicht "den Clown zu spielen", sich "institutionalisieren" zu lassen, so die Worte von Simone de Beauvoir, wandte sich der Vater des Existenzialismus mit der Bitte an die Akademie, ihm den Preis nicht zu verleihen: "Weder 1964, noch irgendwann." Selbige ignorierte sein Schreiben: die endgültige Entscheidung war bereits gefallen, sein Werk Die Wörter (französisch Les mots) bereits für die höchste Auszeichnung vorgesehen. Als Jean-Paul Sartre erfährt, dass er – trotz Protests - den Nobelpreis gewonnen hat, adressiert er einen zweiten Brief an die Akademie, um seine Ablehnung zu erklären. Seine Zeitgenossen verstehen nicht, dass er das hübsche Sümmchen ablehnt, das zusammen mit dem Preis offeriert wird. Schnell war die Presse mit dem Vorwurf zur Hand, es handle sich um einen Werbestreich.

2006: Günter Grass, ehemaliges Mitglied der Waffen-SS

Im Jahr 2006 wirft der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger des Jahres 1999 einen Schatten über die Literaturwelt, indem er zugibt, im Alter von 17 Jahren zur Waffen-SS einberufen worden zu sein. Der Träger des Friedensnobelpreis’ Lech Walesa forderte Grass daher auf, seine Auszeichnung als Ehrenbürger der polnischen Stadt Danzig zurückzugeben. Die Nobelstiftung verkündete derweil, dass sie ihrerseits den Preis nicht zurückfordere. Dieser sei – einmal verliehen - endgültig. Die offizielle Biografie des Schriftstellers auf der Seite der schwedischen Akademie wurde jedoch nicht mit Grass’ SS-Episoden ergänzt.

2004: Elfriede Jelinek, Österreich wider Willen

Knut Ahnlund, einer der Juroren, hatte Jelinek vorgeworfen, nur eine "unförmige Masse von Texten" zu schreiben. Er ging sogar soweit, aus der Akademie auszutreten, um sich von einer Jury zu distanzieren, die etwas belohnte, das er selbst als "Pornografie" bezeichnete. Die linksextreme Feministin und Autorin der Klavierspielerin, die bekannt für ihre heftigen Äußerungen gegen Österreich ist, blieb der Preisverleihung fern. Der Skandal weitet sich aus. Jelinek schickt ihre Verlegerin mit einer Videobotschaft bewaffnet zur öffentlichen Verleihung, auf welcher die Schriftstellerin zu verstehen gibt, dass sie den Preis annimmt. Er ermögliche ihr "in völliger Unabhängigkeit zu arbeiten".

Heutzutage sieht sich der Literaturnobelpreis neuen Anschuldigungen ausgesetzt. Weit entfernt von der ursprünglich proklamierten Unparteilichkeit, Schriftsteller unabhängig von ihrer Sprache auszuzeichnen, zeigt die Geschichte des Preises doch eine gewisse Voreingenommenheit.

Ein Viertel der bis heute verliehenen Preise ging an englischsprachige Autoren. Dreizehn Vertreter der französischen Sprache erhielten die Auszeichnung, was etwa 13 Prozent der gesamten Preisträger entspricht. Dahinter folgt Deutschland mit rund 12 Prozent der Auszeichnungen. Folglich vereinen drei Sprachen fast die Hälfte der Preisträger auf sich. Zum Vergleich, nur ein Chinese ist bisher prämiert worden und von den vier ausgezeichneten Afrikanern schreiben drei in englischer Sprache (Coetzee, Soyinka und Gordimer).

Europanah, hat die schwedische Akademie darüber hinaus auch den Hang, männliche den weiblichen Schriftstellern vorzuziehen. Unter den Preisträgern finden sich lediglich zehn Frauen.

Jean-Paul Sartre (Foto: tinajankulovski/flickr)

Günter Grass (Foto: Habakuks Ansichten/flickr)

Elfriede Jelinek (Foto: Isaak Mao/flickr)