Kultur

Nicht nur Döner und Dampfbäder: Türkei zu Gast in Frankreich

Artikel veröffentlicht am 9. November 2009
Artikel veröffentlicht am 9. November 2009
Unter dem Titel „Saison de la Turquie“ findet in Frankreich eine Veranstaltungsreihe statt, die den Blick der Franzosen für das „dynamische und moderne“ Land schärfen soll. Ein Kulturspektakel der Megaklasse vor politischem Hintergrund.

©Vincent Montibus/ photos.montibus.net/panoramiques/Vom 6. bis zum 11. November erstrahlte der Eiffelturm im Glanz tausender Lämpchen in den türkischen Farben. Merkwürdig, oder? Nein, denn seit dem1. Juli findet in Frankreich für insgesamt neun Monate die Veranstaltungsreihe „Saison de la Turquie“ statt. „Dieses Ereignis bietet beiden Ländern eine Gelegenheit, die Klischees zu überwinden und die Türkei nicht mehr durch die Brille eines Orientalisten zu betrachten“, meint der französische Veranstaltungsleiter Stanislas Pierret. „Die Medien sind verantwortlich für den Mangel an Informationen über dieses Land. Jenseits aller Vorurteile verfügt die Türkei über eine sehr reichhaltige Geschichte und Geografie. Von den Problemen der Minderheiten bis hin zur Frage der Laïzität: Unser Anliegen ist es, ein zutreffendes Bild einer multikulturellen Türkei zu skizzieren“, fährt er fort.

Für die Dauer von neun Monaten wurden daher in mehreren französischen Städten zahlreiche Aktivitäten organisiert. Insgesamt mehr als 400 Veranstaltungen spannen einen Bogen von Theater und Tanz über Fotografie und Literatur bis hin zu Musik und Architektur, selbst Kochkunst und Sport werden gestreift.

Gespannte Beziehungen zu Sarkozy

Die Frage des türkischen EU-Beitritts beschäftigt offenkundig jeden. Der Fotograf Attila Durak, dessen Werke zurzeit in Bordeaux ausgestellt werden, hat eine Reportage in der gesamten Türkei realisiert. Sein Ziel war die Darstellung der 44 ethnischen, linguistischen und religiösen Gruppen, die dort leben. „Die Türken nicht in die EU aufzunehmen bedeutet die Zurückweisung dieser Gruppen, das heißt die Armenier, die Kurden, die Tscherkessen an der Teilnahme zu hindern“, so seine offenen Worte anlässlich der Ausstellungseröffnung. Das Gleiche noch einmal in Paris: Bei der Übergabe der „Médaille de Vermeil“ an den Fotografen Ara Guler, den Schriftsteller Orhan Pamuk (Träger des Literaturobelpreises 2006) und an die in Cannes preisgekrönte Regisseurin Nuri Bilge Ceylan betonte Bertrand Delanoë, Bürgermeister der französischen Hauptstadt, am 6. Oktober 2009 die Wichtigkeit der Türkei für ein demokratisches Europa, indem er die Kraft ihrer Kultur und Zivilisation unterstrich.

©Jean-Philippe BALTEL/ saisondelaturquie.fr/ Alle Rechte vorbehaltenFür die Türkei, die sich bisher noch nie an einem derartig umfangreichen Projekt im Ausland beteiligt hatte, bedeutet diese Reihe an Kulturveranstaltungen in Frankreich ein ambitioniertes Projekt. Im Jahre 2006 vereinbarten die damaligen Präsidenten Ahmet Necdet Sezer und Jacques Chirac ein Budget von 23 Millionen Euro. Seit 2007 aber sind die türkisch-französischen Beziehungen gespannt. Und fast wäre alles ins Wasser gefallen: Im Juni 2009 drohte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einer Absage: „Früher oder später wird Sarkozy bereuen, was er getan hat. Wir stehen in Kontakt mit dem früheren Präsidenten Jacques Chirac. Einer derartigen Haltung sind wir bei ihm niemals begegnet.“ ließ er gemäß Le Monde verlauten und zeigte sich „zutiefst gekränkt über die Kampagne, die in Frankreich vor den Europawahlen gegen einen EU-Beitritt der Türkei betrieben wurde.“ Hierzu passt auch, dass die Pariser Buchmesse, der „Salon du livre de Paris“, der im Jahr 2010 der Türkei hätte gewidmet sein sollen, schließlich einen Rückzieher machte: Die Organisatoren möchten ein so heikles Thema meiden und benennen lieber gar kein Ehrenland.

Das komplette Programm findet ihr hier

In Paris zu entdecken:

Im „Jardin des Tuileries“ ein türkische Kaffeehaus mit Konzerten und Workshops sowie die Ausstellungen De Byzance à Istanbul: un port pour deux continents („Von Byzanz bis Istanbul: Ein Hafen für zwei Kontinente“) bis zum 25. Januar im „Grand Palais“ und A la cour du Sultan: Caftans du Palais de Topkapi („Am Hofe des Sultans: Kaftane aus dem Topkapi-Palast“) bis zum 18. Januar im Louvre.