Kultur

Newsha Tavakolian, die andere Seite des Iran

Artikel veröffentlicht am 2. September 2006
Artikel veröffentlicht am 2. September 2006
Die iranische Fotojournalistin Newsha Tavakolian im Gespräch mit cafebabel.com über die Situation der Frauenrechte im Mittleren Osten.

Newsha Tavakolian berichtete nicht nur aus ihrem eigenen Land, sondern auch aus Syrien, Saudi-Arabien, Pakistan, dem Libanon, und vom Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak. Sie fing das Gesicht des Mittleren Ostens ein, das die Titelblätter westlicher Zeitungen nicht zeigen.

Als sie am zehnten Internationalen Fotojournalismustreffen „Ciudad de Gijón“ in Spanien teilnimmt, verabreden wir uns in einem belebten Café vor einem der Hotels, in dem die Wettbewerbsteilnehmer wohnen. „Ciudad de Gijón“ findet im Rahmen der Semana Negra statt, einem multikulturellen Festival, das jedes Jahr mehr als eine Million Besucher in die nordspanische Stadt lockt wird. Geleitet wird der Wettbewerb von Pulitzer-Preisträger Javier Bauluz.

In ihrer jüngsten Arbeit, Mütter von Märtyrern, zeigt Tavakolian Porträts von iranischen Müttern, begleitet von Photos ihrer Söhne, die im Krieg zwischen dem Iran und dem Irak gefallenen sind. „Das sind Mütter, die seitdem im Stolz auf den patriotischen Tod ihrer Söhne Trost suchen“, erklärt die Photographin ihr Werk. „Jetzt, da die Revolution in der Krise steckt, fangen sie an zu fragen, ob der Tod ihrer Söhne zu etwas gut war.“

Mütter von Märtyrern unterscheidet sich deutlich von der Reihe Iran, in der die Photographin junge Iranerinnen in enger Kleidung und großen Sonnenbrillen zeigt, deren Haare nur zum Teil von einem Schleier bedeckt sind. Tavakolian selbst trägt den Schleier übrigens nur in muslimischen Ländern und wenn es die Situation fordert.

Von der Telefonistin zur Fotografin

Sie entdeckte die Photographie in einem Kurs, den sie im Alter von 16 Jahren belegte. „Bis dahin wollte ich Sängerin werden“. Tatsächlich ertappe ich sie während unseres Gesprächs das ein oder andere Mal dabei, wie sie ein Liedchen vor sich herpfeift. Unweigerlich hat man beim Betrachten ihrer Bilder das Gefühl, dass sie, während sie auf den Auslöser drückte, gleichzeitig den Soundtrack zum Leben ihrer Hauptdarsteller komponierte.

Eines Tages riet ihr jemand, Fotojournalistin zu werden. „Einen Monat lang ging ich jeden Tag zu einer Zeitungsredaktion und bat um Arbeit, die sie mir schließlich auch gaben. Ich wurde die neue Telefonistin.“ Tavakolian hat einen ausgeprägten Sinn für Humor, der sich in ihren Gesten äußert, ihrem Blick und zuweilen auch in lautem Lachen. „Einige Monate später sagte man mir, dass ich zwar gute Arbeit leistete, aber dass meine Stimme zu kindlich klinge.“ Daraufhin wurde sie die Fotografin der Zeitung.

Der Kampf um die Freiheit wird jeden Tag neu ausgefochten

Neun Jahre sind seitdem vergangen. Eine Zeit, in der ihr Objektiv die Erschütterungen eingefangen hat, die ihr Land und ihr eigenes Leben umgekrempelt haben. „Vierzig Jahre lang hat sich im Iran überhaupt nichts verändert. Doch obwohl auch heute noch zu viel zu tun ist, hat sich die Situation in den letzten zehn Jahren erheblich verbessert, zumindest was die Frauen angeht. Dieser Fortschritt ging nicht von der Regierung aus, sondern von uns selbst. Wir Frauen haben uns nicht angepasst und für unsere Freiheit Tag für Tag gekämpft. Wir stellen die Mehrheit in der Universität, in den Zeitungsredaktionen, es gibt weibliche Taxifahrer“ führt Tavakolian bedächtig aus, während sie auf die Papiertischdecke einige Linien zeichnet, die einem Diagramm ähneln.

Sie kennt die westlichen Medien sehr gut. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in The New York Times, dem Stern, Newsweek, Le Figaro und im Time Magazine veröffentlicht. Sie wurde von National Geographic ausgezeichnet und von der US-Redaktion von Marie Claire zu einer der neun Frauen des Jahres erkoren.

Deswegen will sie in unserem Gespräch auch von dem sprechen, was diese Medien verschweigen: „Jeden Tag protestieren im Iran zweihundert Menschen gegen die USA. Es sind immer dieselben Leute, die von der Regierung bezahlt und organisiert werden. Normale Menschen verbringen ihre Zeit nicht damit, amerikanische Flaggen zu verbrennen. Wenn diese Bilder auf die Titelseiten gehoben werden, dann führt man eben jene gereizte Stimmung herbei, die die iranische Regierung herbeiführen will.“

Dialog und Zusammenhalt

Immer wenn man ihre eine Frage zur Politik stellt, antwortet sie mit klaren Vorstellungen, beginnt ihren Satz aber immer mit einem “Ich bin nicht politisch, obwohl...” Als das Gespräch auf die Nuklearambitionen des Iran kommt, stellt sie etwas klar, das von den Menschen im Westen gerne übergangen wird: „Die Öffentlichkeit im Iran ist gespalten: Die einen teilen die Ansicht, dass wir die selben Rechte wie die USA haben und die anderen meinen, dass es zu gefährlich wäre, in Anbetracht der Instabilität unserer Regierung. Wir sorgen uns um das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Sicherheit. Aber davon abgesehen führen wir ein normales Leben. Wir gehen ins Kino, tanzen, gehen einen Kaffee trinken…“

Deshalb zeigt sie in ihren Photographien anonyme Menschen, da „ein mögliche Veränderung nur aus dem Zusammenhalt der Bürger, besonders der Jugend erwachsen kann.“ Mit fünf anderen Fotojournalisten aus Südafrika, Georgien, Brasilien, Thailand und Spanien hat sie EVE gegründet, „eine Plattform, von der aus wir unsere Stimme erheben und sie durch unsere Photographien den Problemen der Frauen in der Welt geben können.“ Man nähert sich an, um sich besser zu verstehen und somit den Wandel in seinem Land vorantreiben zu können. Diese Grundhaltung hat ihre ganze Laufbahn bestimmt und brachte sie zur Berichterstattung in den Irak. „Ich erinnerte mich an den Krieg zwischen dem Iran und dem Irak und die Vorbehalte, die geblieben waren. Wir konnten nicht in den Irak fahren. Ich dachte, dass ich mit der Kamera festhalten müsste, was geschah, um so die Leute kennenzulernen. Dort stellte ich fest, dass ich die Iraker mochte und dass die negativen Erfahrungen der Vergangenheit angehörten.“

Tavakolian blickt hoffnungsvoll in die Zukunft und hofft, dass Europa gut darauf vorbereitet ist. „Die Iraner schätzen Europa sehr. Sie sehen es als Gegenentwurf zum US-amerikanischen Modell, als ein westlicher Gesprächspartner, mit dem ein Dialog möglich ist.“