Kultur

Netlabel-Ohrfeige für die traditionelle Musikindustrie

Artikel veröffentlicht am 23. November 2009
Artikel veröffentlicht am 23. November 2009
Der etablierte Plattenmarkt steuert zielsicher auf seine Krise zu. Währenddessen sind neue internetbasierte Formate zur Verbreitung von Musik zunehmend von Erfolg gekrönt - auf einem ausverkauften Berliner Festival mit Projekten für die Zukunft.

Im Oktober wurde in Berlin das Netaudio Festival ‘09 gefeiert. Vier Tage lang gab es dort rund um die Uhr Veranstaltungen zu einer neuen Verbreitungsform von Musik namens netlabel. Für die, die mit diesem immer beliebteren Musikkonzept bisher nichts anfangen konnten: “netlabel sind digitale Plattenfirmen, die es ermöglichen, sich Musik legal und (fast immer) gratis herunterzuladen, damit die Urheber nachhaltig durch weitere Foren wie Konzerte davon profitieren.” So beschreibt es Antina Michels, während sie im Berliner Club Maria am Ufer der Spree sitzt, wo das Festival stattfindet. Antina gehört zu den Organisatoren und weiß in der Tat, wovon sie spricht. Die studierte Ethnologin schrieb ihre Abschlussarbeit über das Phänomen netlabel. Inzwischen hat sich das Format gratis verbreitet, nach den Prinzipien der Non-profit-Organisation Creative Commons.

Als Kontrastprogramm zum kapitalistischen Profitkonzept gedacht, bietet es eine Alternative zur traditionellen Plattenindustrie.

Antina zufolge besitzt das Format netlabel ein aktives und kreatives Potenzial, das nach einem mikrostrukturellen Muster funktioniert. Als Kontrastprogramm zum kapitalistischen Profitkonzept gedacht, bietet es eine Alternative zur traditionellen Plattenindustrie. So resümiert es Antina in ihrem Buch, das auf glaubwürdige Weise die Philosophie von netlabel vermittelt. Kein Zufall also, dass das erste große netlabel-Festival (mit einem Budget von rund 50.000 Euro) in der deutschen Hauptstadt stattfand. Denn die Popkomm, DAS Berliner Ereignis der Plattenindustrie schlechthin, musste abgesagt werden. Stattdessen fand All together now statt, ein Versuch, unter Berücksichtigung traditioneller Strukturen der Musikindustrie neue Formen miteinzubeziehen.

Krise und Alternativen

Für Antina steht fest: netlabel ist eine ernstzunehmende Alternative zur etablierten Plattenindustrie, deren Strukturen obsolet sind, und die sich darum in einer tiefen Krise befindet. Allerdings hält sie es für ungerecht, ausschließlich das Internet für diese Krise verantwortlich zu machen. Auch hier weiß sie um die Hintergründe. Während ihrer jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema, hat sie viele Musiker kennengelernt, deren Werke von den großen Labels niemals herausgegeben wurden. Ohne das Prestige, das eine solche Verbreitung mit sich bringt, verpufft die Arbeit der Musiker im Nichts. “Ich kann nicht sagen, ob das Absagen der Popkomm ein gutes Zeichen für netlabel ist, aber es war ein Signal dafür, dass sich die Dinge verändert haben.”

Fragt sich nur, ob der zunehmende Einfluss von netlabel diesen subversiven Unternehmergeist verschwinden lässt.

Das hört sich wie eine Ohrfeige für die großen Plattenlabels an, die ihrerseits immer argwöhnischer gegenüber den neuen Formaten werden. Fragt sich nur, ob der zunehmende Einfluss von netlabel diesen subversiven Unternehmergeist verschwinden lässt. Ein Gedanke, der netlabel gleichwohl so verlockend macht. Antina ist überzeugt, dass es kompliziert werden wird. Vor allem, weil das anarchische, selbstgesteuerte Netzwerk es der traditionellen Plattenindustrie zukünftig sehr erschweren wird, sich der netlabel-Strukturen zu bemächtigen.

Derzeit bemüht man sich darum, das Festival dauerhaft zu etablieren. 2010 findet dank der Kooperation zwischen der deutschen und britischen netlabel-Szene das nächste Netaudio Festival in London statt. Wenn alles funktioniert wie geplant, wird es zukünftig in beiden Hauptstädten gleichzeitig zelebriert. Im Jahr 2011 ist Berlin wieder an der Reihe. Gut möglich, dass weitere Städte hinzukommen: Netlabels gibt es schließlich auf der ganzen Welt.