Kultur

Musical: Renaissance einer vergessenen Industrie

Artikel veröffentlicht am 5. September 2007
Artikel veröffentlicht am 5. September 2007
Das Musical ist in Europas Metropolen zurückgekehrt - mit neuen Themen, neuem Publikum und in neuen, technologisch aufgemotzten Sälen.

Seit sich Europas urbane Bevölkerung in den siebziger und achtziger Jahren vom Theater abwandte, steckte die Entertainment-Branche in einer tiefen Krise. Damals erwiesen sich auch Musical-Aufführungen als nicht mehr rentabel in Europa. Anstatt musikalisch begleiteter Theateraufführungen, bot man dem Publikum nur noch Operetten und Neuinszenierungen alter, aus der Mode gekommener Stücke. Nur in London wurde die Tradition der großen Musical-Aufführungen im New Yorker Broadway- Stil - oder besser gesagt im Londoner West-End-Stil - beibehalten: "Die Leute gehen nach London, um sich große Musik-Inszenierungen anzuschauen und nach Paris, um sich den Bauch mit Essen voll zu schlagen", bestätigte der französische Produzent Jérôme Savary.

Neue Drehbücher

Bis Ende der achtziger Jahre zeichnete sich mit innovativen Inszenierungen wie dem Phantom der Oper, Starmania oder Les Miserables erstmals wieder eine Tendenz zum Wandel ab, die auf einen Paradigmenwechsel zurückzuführen war. Statt Musicals im Broadway-Stil mit Orchester, wurden die Aufführungen mit Auftritten von Rock- und Popgrößen kombiniert und die Textbücher für das Publikum in die jeweilige Landessprache übersetzt. Plötzlich waren die "einfachen Geschichten, Melodien und bevorzugten Romanzen" für ein breites Publikum besser verständlich. "Das Publikum muss in seinem Kopf einen Film sehen", erklärte im Jahr 2000 ohne Umschweifen ein anderer französischer Produzent, Gérard Louvin, in der Tageszeitung Libération. "Die Ozonschicht und die Verkehrsprobleme überlassen wir den Rappern." Doch auch die enormen Werbekampagnen in Fernsehen, Radio und Kino leisteten ihren Beitrag zum Come back des Musicals.

Besonders die Siebte Kunst spielte eine Schlüsselrolle in der Renaissance der Musical-Industrie. Die neuen Produktionen hatten eine Generation zur Zielgruppe, die mit Videoclips, Zeichentrickfilmen und Comics groß geworden war. Daher auch der triumphale Durchbruch von Tim und Struppi im Sonnentempel in Brüssel, Die Schöne und das Biest in London oder König der Löwen in ganz Europa. Das Prinzip der Tourneen sowie die Vergabe von Lizenzen haben dann den Rest getan, um dem Genre zu wirtschaftlicher Rentabilität zu verhelfen: Wenn ein Produzent die Lizenz für ein Erfolg versprechendes Musical erwirbt, tritt sie selbige anschließend den Firmen anderer Länder ab, um den eignen Gewinn zu maximieren. Für das Musical Phantom der Oper wurden in 20 Jahren über 100 Millionen Tickets verkauft. Les Miserables tourten über den gesamten Kontinent.

(Foto: ©Stage Entertainment)

Wie abzusehen war, hat die Annäherung an das Medium Kino zur Renovierung vieler Theater geführt, um Bühneneffekte den Special Effects der Großleinwand so gut wie möglich anzupassen. Die Theater Nuevo Apolo oder Lope de Vega in Madrid, das Operettenhaus der deutschen Muscial-Metropole Hamburg oder , seit diesem Jahr, das Mogador-Theater in Paris profitieren von dieser Welle. Im Mogador wird ab dem 4. Oktober der König der Löwen aufgeführt. Der neue Eigentümer des Theaters, der holländische Produzent Stage Entertainment, erwarb ein angrenzendes Grundstück, um die bestehende Anlage zu erweitern. Es sollen nicht einfach bequemere Sitzplätze geschaffen werden, sondern laut Stéphane Millet, Architekt des Umbauprojekts, ein "wirkliches Unterhaltungsgelände, Bars und Bereiche zum Schlendern". Ein Ticket soll dann zwischen 25 und 90 Euros kosten.

Stage Entertainment: die Lizenz zum Verteilen

Die holländische Firma Stage Entertainement scheint am besten erkannt zu haben, dass für das Musical neue Zeiten angebrochen sind und weiß das Genre mit Unterstützung von zahlreichen Leinwandgrößen in Szene zu setzen. Die Firma erzielt heute einen Jahresumsatz von 600 Millionen Euro, ist in 12 Ländern vertreten und ihre Theater werden jährlich von 3 Millionen Zuschauern besucht. Nicht umsonst ist ihr Geschäftsleiter, Joop van den Ende, dafür bekannt, gemeinsam mit John de Mol, Endemol, den zweitgrößten Fernsehproduzenten der Welt, der auf die Produktion von Reality Shows spezialisiert ist, ins Leben gerufen zu haben.

Stage Entertainment besitzt Theater in allen europäischen Metropolen (von den 11 Musikaltheatern in Hamburg gehören der Firma allein 5). Produktionen, von denen der ganze Kontinent spricht, stammen meistens aus ihrem Hause: Fame, Cats, Mamma Mia!, Jesus Christ Superstar, Die Schöne und das Biest, Die drei Musketiere, Der König der Löwen, Evita. Die Liste ließe sich ewig fortsetzen. Es ist kein Zufall, dass viele Sänger nach den sukzessiven Ausgaben von Reality-Formaten wie der französischen Star Academy oder dem spanischen Operación Triunfo, ihre Karriere in der Musical-Branche fortgesetzt haben. Edurne, einer der spanischen Finalisten von Operación Triunfo, landete anschließend in den Musicals Peter Pan und Grease in Madrid. Im Grunde genommen ist jeder Weg recht, um das Produkt zu bewerben: "Wir setzen hauptsächlich auf Pre-Premieren, um die Mund-zu-Mund Propaganda anzuregen", erklärt Anna Malmquist von Stage Entertainment. Ein konkurrierendes Theater in Paris verschenkte seinerseits kürzlich Eintrittskarten an Taxifahrer, Friseure und Rezeptionisten. Die neue Saison ist gerade angebrochen: Vorhang auf.