Kultur

Mudschahidin Khan: 'Wir wissen nicht, wer die Taliban zurzeit anführt'

Article published on 10. April 2008
Article published on 10. April 2008
Afghanistan bleibt eines der Sorgenkinder der Nato und Thema des Gipfeltreffens, das vom 2. bis 4. April in Bukarest stattfindet.

Mudschahidin Khan ist Tadschike - zumindest seiner Herkunft nach. 30 Jahre lang kämpfte er gegen Sowjets, Taliban und Afghaner, um Land zu sichern. Davon zeugt bis heute sein Namenszusatz. Beim Blick in die Zukunft bekommt er Angst, wie eine Gruppe estnischer Journalisten im August 2007 erfuhr. Sie trafen ihn bei sich zu Hause in dem von Kabul 150 Kilometer entfernten bildschönen Panjshir-Tal im Hindukusch.

Mudschahidin Khan über:

... die neunjährige Invasion der Sowjets von 1978-1989

In Afghanistan war es ruhig zu dieser Zeit. Der Anführer Ahmad Shah Massoud war ein starker und mutiger Mann. Für ihn war es unvorstellbar, dass Russland jemals ganz Afghanistan übernehmen könnte. Als sie uns 1978 mit Gas angriffen, gab es niemanden mehr in Panjshir. Die Menschen flüchteten in die Berge. Über 90 Prozent der Bevölkerung waren bewaffnet. Waffen erhielten sie von den Sowjets. Nach drei Tagen rächten sich die Einheimischen an uns. Dabei gab es zu Beginn nur 36 Leute in der Mudschahidin. In den letzten 14 Jahren hatte ich mit dem Dschihad zu tun. Ich habe nicht gearbeitet, kümmerte mich um meine Familie und um meine Eltern.

... die Herrschaft der Taliban von 1996-2001

Niemand aus der Provinz Panjshir oder Nangarhar würde jemals Taliban unterstützen. Ich kämpfte gegen Mullah Omar, Osama bin Laden, Mullah Dadullah und andere bekannte Führer der Taliban. Die Taliban konnten Kabul einnehmen, weil unser Führer Massoud nicht noch mehr Menschenleben aufs Spiel setzen wollte. Nur aus diesem Grund mussten sich die Mudschahidin in das Panjshir-Tal zurückziehen.

Die Taliban sind unmenschlich. Sie töten sich selbst mit Bomben. Inzwischen bombardierten auch US-Truppen unsere Provinzen. Sie töteten unsere Leute, in dem Bewusstsein, sie würden Taliban töten. Dabei machten sie ihnen nur den Weg frei. Wir wissen nicht, wer die Taliban zurzeit sind. Vielleicht werden wir ihnen bald wieder gegenüberstehen.

Panjshir-Tal im Hindukusch

Klicken Sie auf 'x' oben rechts, um die Slideshow erneut zu sehen (Fotos: Kadri Kukk)

… Entwicklungshilfe und Afghanistan

Als Hamid Karzai 2001 Präsident wurde, dachten wir, dass Afghanistan ein großartiger und wieder funktionierender Staat werden würde. Ich denke, dass wir die UN nicht zur Unterstützung gebraucht hätten. Sie hätten eine gute einstweilige Regierung in Afghanistan mit Afghanen und nicht mit Ausländern aufstellen sollen. Jetzt ist alles nur noch schlimmer als vorher. Wenn andere Staaten Afghanistan helfen, dann will jeder ein Stück vom Kuchen abhaben. Es ist eine schlechte Angewohnheit der Afghanen, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht zu sein. Jedes Land und insbesondere die UN hat Afghanistan geholfen. Nur leider kriegen wir davon nie etwas zu sehen. Darüber hinaus ist es den Leuten egal, was mit unserem Land jetzt und in Zukunft passiert. Sie interessieren sich mehr für ihr Auto. Jeder denkt nur an sich.