Kultur

Movida in Budapest: Auch hier das Ende alternativer Nächte

Artikel veröffentlicht am 4. April 2011
Artikel veröffentlicht am 4. April 2011
Man sollte sich beeilen, bevor es zu spät ist. Die alten, baufälligen Hinterhöfe, die sich in den letzten 20 Jahren zu Hochburgen alternativer Kultur Budapests gewandelt haben, sind gerade dabei eine Mietschlacht gegen die neue rechte Stadtverwaltung von István Tarlóset und die dem Konformismus verschriebenen Anwohner zu verlieren.
Ende März, wurde eine Benefizveranstaltung organisiert, um das kulturelle Zentrum Tűzraktér, das Tacheles von Budapest, zu retten. Dieses ist, wie viele andere auch, von der Schließung bedroht.

Vor Ort nennt man diese Knotenpunkte romkocsmák (Singular: romkocsma, ausgesprochen: romkotschma, übersetzt Ruinen-Pubs). Was auch immer die Wurzeln jedes einzelnen dieser Orte sind, sie haben eines gemeinsam - ihr Dekorum: verfallene Wohnhäuser, baufällige Mauern, die durch Bilder oder Fotografien belebt werden, vielsagende Graffitis und Vintage-Möbel, die zur Bestuhlung oder als Aushilfsmobiliar dienen. Die kultigsten von ihnen befinden sich in der Nähe des alten jüdischen Ghettos von Budapest, im VII. Bezirk bzw. dem Viertel Erzsébetváros. Genau hier erfolgte auch die erste Schließung der Ära Tarlós. Das Mumus, Anfang der 2000er Jahre gegründet, feierte letzten November seinen Ausstand. Einige Straßen weiter scheint die Szene-Kneipe Szimpla Kert, dessen Freiluftkino und verwinkelte Gänge einen Umweg lohnen, noch nicht besorgt zu sein.

Der Bruch: Die Tragödie im Club West 

Nichtsdestotrotz beginnt auch hier - in der größten Stadt Mitteleuropas - das bleierne Schweigen. Aufgrund einer Tragödie, die sich Anfang dieses Jahres, bedingt durch verschiedene Faktoren, unerwartet zugetragen hat, hat der Stadtrat mehrheitlich eine strengere Reglementierung des Budapester Nachtlebens angekündigt. Die Stadtverwaltung weist darauf hin, dass die Leitung des West Balkán verantwortlich sei für den Tod dreier junger Mädchen während einer Massenpanik, die innerhalb der Mauern des Clubs entstanden ist. Deshalb wurde nun beschlossen, die Sicherheitsstandards in den Bars und Clubs der Stadt wesentlich zu erhöhen und im Falle von Zuwiderhandlungen hohe Geldstrafen an die Betreiber zu verhängen. Die romkocsmák sind von diesen Maßnahmen selbstverständlich noch ausgespart.

Junge Leute in Budapest erinnern sich mit einem Meer an KerzenDiese Budapester Orte der Nacht werden als Symbole des Freiheitswindes betrachtet, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs über Zentraleuropa wehte, und auch als letzter Unterschlupf für Vintage-Gegenstände, die traditionsgemäß noch aus der Zeit des Kommunismus stammen. Die ausgehöhlten Trabbis erinnern ohne Zweifel an die Ostalgie-Welle, die Ostdeutschland in den 2000er Jahren überkam und deren bekanntester Fahnenträger der Film Goodbye, Lenin! ist. Doch die Ruinen-Pubs sind viel mehr als nur ein Kult längst vergangener Zeiten und gelten im Allgemeinen als am wenigsten verschleierte Beispiele einer sehr dynamischen städtischen Kultur, die vor allem von einer Generation junger Akademiker und politisch fortschrittlich Denkender getragen wird.

Ein Stein im Schuh von Spekulanten

Trotz einem Preis des Ministeriums für Nationales Kulturerbe und dem Innovationspreis Euregio, droht die SchließungIn ihrer Gestalt sind die romkocsmák vergleichbar mit der Offenlegung einer latenten Gentrifizierung, ähnlich wie sie auch in populären Stadtvierteln von Städten wie Paris (Belleville), London (Docks), Berlin (Kreuzberg) und New York (Harlem) in den letzten Jahren zu beobachten war: Es wird investiert, die verfallenen Immobilien des Stadtzentrums werden einer Nutzungsänderung unterzogen, das bauliche Erbe wird in seinem Wert gesteigert und es folgt eine soziokulturelle Veränderung des Viertels.

Was ähnlich wie in Berlin nunmehr auch in der ungarischen Hauptstadt zu beobachten ist, dass alternative Viertel nicht an sich den Wegzug seiner ursprünglichen Bewohner provozieren (Erzsébetváros ist nie ein beliebtes Viertel gewesen). Im Gegenteil, sie sind ein Stein im Schuh von Spekulanten, die nicht zögern die Wohnhäuser im alten Budapest dem Erdboden gleich zu machen, um an deren Stelle prestigeträchtige Gebäude im zeitgenössischen Stil zu errichten. Mit öffentlichen Plätzen und Ruhe für die Einwohner - das versteht sich von selbst - um dem neuen Losungswort 'Sicherheit' zu entsprechen.

Die Spekulanten sind gerade dabei die Schlacht gegen die alternativen Plätze zu gewinnen. Das nächste angekündigte Opfer ist das kulturelle Zentrum Tüzraktér, dessen Miete von 1050 [symbolische Summe von 4 Euro] auf 3 Millionen Forint [ca. 11.300 Euro] erhöht wurde! Am 25. März wurde ein letzter Abend zum Kampf gegen die bevorstehende Schließung organisiert, für einen Ort, der doch unzählige Male dankbare Anerkennung erfahren hat. Also zögert keine einzige Sekunde. Geht los und nutzt die letzten Überbleibsel des Rausches einer bald verschwundenen Zeit zwischen zwei Welten, nutzt die sanfte Mischung aus wiedergefundener Freiheit und freudiger Melancholie. Zieht los, um euch einfach nur wohl zu fühlen in jenen von der räumlichen Expansion des globalisierten Kapitalismus noch ausgesparten Knotenpunkten. Nutzt die Zeit, bevor die post-kommunistische Untergrundszene vollständig begraben ist.

Fotos: (cc)Tamiro/flickr; Hommage: (cc)Salander/flickr; Kulturzentrum: (cc)serenity_now/flickr