Kultur

Monsieur Roux: Früher war alles besser kleine Tussi!

Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2009
14 Uhr in den Studios von Universal. Ich warte geduldig in den eher unpersönlich eingerichteten Räumen. Erwan alias Monsieur Roux gibt gerade noch ein anderes Interview. Seit der Veröffentlichung seiner beiden Alben P‘tite pouff (auf Deutsch „kleine Tussi“; A.d.R.) und Petit rasta (auf Deutsch „kleiner Rastafari“; A.d.R.
), die ich zufällig im Internet entdeckt habe, ist Monsieur Roux kräftig durchgestartet.

Die Tür geht auf, ich begrüße Erwan. Er macht den Eindruck als würde er sich nicht so ganz wohl fühlen in seiner Haut, aber im Laufe des Interviews verstehe ich, dass er wohl von Natur aus so ist.

Ich frage ihn sofort nach den Europawahlen, die am 6. und 7. Juni stattfanden und deren Wahlbeteiligung bei nur 43% lag. Erwan fühlt sich angesprochen. Er wähle „nützlich“: „Das Prinzip des nützlich Wählens zeigt deutlich, wie man seine Ideale und Utopien zu Gunsten einer pragmatischeren Sichtweise aufgibt. Es ist okay zu träumen und hohe Ideale zu haben, aber die Realität ist meistens viel komplizierter.“ In seinem Lied Le vote utile (auf Deutsch „die nützliche Wahl“; A.d.R.) erklärt er das so: „Man hat mir so viele Male erzählt, dass man nicht das mache, was man eigentlich gerne machen würde, bis ich diese Anweisung, mich mit wenig zufrieden zu geben, schließlich verinnerlicht habe. Ich werde essen, was man mir zu essen gibt, und ich werde mir dabei sagen: So ist es eben. Ich werde auf die Ideale und die unnützen Träume, die ich einmal hatte, herabblicken und ich werde nützlich wählen.“ So ist Monsieur Roux eben: Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern sagt klipp und klar, was er denkt. Das kann man durchaus als etwas störend empfinden. Gleichzeitig verwendet er einfache Worte, die oft auch Verwirrung stiften können.

„Bevor ich Monsieur Roux war, habe ich als Erzieher mein Geld verdient und den Rest meiner Zeit mit Musik und Reisen verbracht.“ Während eines Segelturns im Indischen Ozean hat er dann die schicksalhafte Bekanntschaft mit einem Musiker aus Rennes gemacht, der ihm vorgeschlagen hat, als Vorband bei seinen Konzerten zu spielen. Seitdem folgt ein Auftritt dem nächsten. Zuerst ist Erwan in der Bretagne aufgetreten, dann in ganz Frankreich und schließlich sogar in Belgien und Kanada. Zwischen all diesen Auftritten hat es Monsieur Roux auch geschafft, die Mitglieder seiner Skandalband um sich zu scharen: einen Kontrabassisten (Kevin Gravier), einen Gitarristen (Bertrand Thepaut) und einen Schlagzeuger (Matthieu Lesiard). Sie kommen alle vier aus verschiedenen Welten, aber haben doch Eines gemeinsam: die Vorliebe für Texte, die vor allem die negativen Seiten des Lebens beschreiben.

Greise, Huren und tollwütige Hunde

Für diejenigen, die hässlich sind und verfaulte Zähnte haben, für Greise mit Alzheimer, tollwütige Hunde oder Huren, die zugeben, mit welchem Gewerbe sie ihr Geld verdienen, für die von der Gesellschaft Geächteten will Monsieur Roux da sein. Mit spitzer Feder zeichnet er ein ergreifendes und amüsantes Porträt der Personen, die von der Gesellschaft kritisiert werden. Seine Kritik fällt aber in der Regel zu streng aus. Ist Monsieur Roux vielleicht gar nicht so ein bad boy mit einer so bösen Zunge, wie alle meinen? „Ich ziehe Leute, denen das Leben übel mitspielt, denen vor, die alles im Griff haben. Ich kann mich viel leichter mit ungeschickten und unsicheren Leuten identifizieren als mit solchen, deren Leben in geregelten Bahnen verläuft. Perfektion interessiert mich nicht wirklich. Für mich ist die verrückte Seite an Menschen viel interessanter und ich finde daher für armselige Loser viel sanftere Worte.“

Wer also zu den den Reichen und Schönen der Gesellschaft gehört, dessen Geschichte wird Erwan nicht unbedingt in einem seiner Lieder verwerten. Nicht einmal wenn es sich um den französischen Präsidenten (Nicolas Sarkozy; A.d.R.) handelt, der ihn laut eigener Aussage nicht sonderlich fasziniere, ohne dabei aber weiter ins Detail zu gehen. Monsieur Roux ist aber auch jemand, der gerne über seine Ferien spricht und der mich sogar fragt, ob er „ nicht wie ein alter Idiot rüberkommt“, wenn er bei seinem jungen Nachbarn klingele, wenn der morgens um drei die Musik voll aufdrehe.

Monsieur Roux ist sicher eine etwas eigenartige Persönlichkeit, aber es wäre zu einfach, ihn auf das Klischee einer harten Schale mit weichem Kern zu reduzieren. Ich hake weiter nach und frage ihn, ob er sich selbst als glücklichen Pessimisten beschreiben würde. Nach kurzem Zögern verneint er das schließlich. Er glaube sogar ganz im Gegenteil an „die Fähigkeit des Menschen, unaufhörlich etwas Neues zu schaffen“ und auch „an all die schönen Dinge, die die Menschheit hervorbringt:“ Es fällt schwer das zu glauben, vor allem wenn man ihn das erste Mal sieht und sich seine Lieder anhört, die nur so vor schwarzem Humor triefen.

Früher war eben doch nicht alles besser

Wir spitzen die Ohren für seinen Song C’était mieux avant (auf Deutsch „früher war alles besser“; A.d.R.), in der er unseren Eltern, unseren Großeltern und all den Fans dieses Satzes, den sie bei jeder Gelegenheit immer wieder gerne anbringen, das Maul stopft: „Ich denke nicht, dass früher unbedingt alles besser war, sondern eher, dass die Gesellschaft dazu neigt, immer nach Höherem zu streben. Ein Beispiel: Wenn du älter wirst und auf deine Vergangenheit zurückblickst, dann empfindest du sie als eine beruhigende Konstante, weil es daran nichts mehr zu rütteln gibt. Deshalb sagst du dir, dass früher alles besser war. Aber wenn du ganz ehrlich bist, dann hattest du früher wie heute das gleiche Gefühl von Unsicherheit. Das ist ein etwas gemeines Lied, in dem ich älteren Leuten ganz eindeutig zu verstehen gebe, dass es in Anbetracht der Art, wie sie früher waren, nicht viel schlimmer hätte kommen können.“

Ich schließe daraus, dass wir trotz der Wirtschaftskrise, der in die Höhe schießenden Preise und unserer leidigen Neigung, alles schwarz zu sehen, heute trotzdem ein besseres Leben als vor 30 Jahren haben. Warum denn auch nicht? Monsieur Roux hat sicherlich Recht, wenn er sagt, dass es den Jugendlichen unserer Generation noch nie wirklich schlecht ging.