Kultur

'Monsieur Chat': Auf Samtpfoten von Häuserdächern ins Museum

Artikel veröffentlicht am 4. März 2008
Artikel veröffentlicht am 4. März 2008
Zwischen Underground und Aufsehen erregender Öffentlichkeit: die Graffitis von Monsieur Chat haben es erst den Passanten angetan und werden nun sogar im Museum gezeigt.

Von hoch oben schaut eine Katze herab. Urban grinsend. Dreist und schelmisch. Seit einigen Jahren hinterlässt M. Chat, alias Mister Cat, lässig seinen gelben Kater mit dem Zahnpasta-Lächeln auf den Mauern von Paris, Genf, Frankfurt, New York oder Wien. Die graphische Schöpfung aus der Feder eines Unbekannten trat ihre Reise 1997 in Orléans an, bevor sie sich in alle Himmelsrichtungen vervielfachte und die Neugier von Passanten und Bewohnern weckte. Wer ist diese reisende Samtpfote? Wer steckt hinter dem Miezengesicht? Und vor allem: was soll diese rätselhafte Figur bedeuten?

Im vergangenen März, nach 10 Jahren in heimlicher Existenz, fällt die Maske: ein gewisser Thomas Vuille wird beim Sprühen erwischt und festgenommen. Mister Cat - das ist er! Der 30-jährige ehemalige Kunststudent, der mit schwererziehbaren Kindern arbeitet und ihnen das Zeichnen beibringt, sieht seine künstlerischen Einflüsse zwischen Post-Graffiti und Pop Art. In der Nacht wird er zum Tagging-Kleinkrieger: maskiert, Spraydose in der Hand, taumelnd auf Dachrinnen und Schornsteinen.

Von oben herab

Ein bisschen abgedreht, ein bisschen "autistisch" lebt der Künstler schon seit über zehn Jahren von Sozialhilfe. Im ständigen Auf und Ab. Mister Cat sei für ihn eine Art zu kommunizieren, geradezu eine Art von Lebensgrundlage. "Es ist sein sozialer Avatar", sagt Gilles Flouret, Gründer des Collectif Chat, das vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde, um das Projekt und seinen Macher zu unterstützen. "Thomas will gesehen und erkannt werden, aber ohne sich dabei hervorzutun."

(Fotos: ©Collectif CHAT)

Ob Egotrip oder Stilikone, sein grinsender Kater ist im Laufe der Jahre ein echter Profi ungewollter Kommunikation geworden. Denn er fällt auf. Und das ironischer Weise mitten im Herzen des Werbedschungels und der urbanen Hektik. Die städtische Suche nach Mister Cat ähnelt einer Schnitzeljagd; ein aufmunterndes Augenzwinkern, dessen Bedeutung von der Fantasie des Betrachters abhängt, eben von jenen, "die ihn gesehen haben". Mal in der Nähe von République, dann wieder bei Clignancourt, an den Ufern der Grachten von Amsterdam und auf der 7th Avenue.

Auf den Fahnen der Pariser Demonstranten

Trotz ihres Daseins im Stillen, fährt er die Krallen aus: im Jahre 2002 sieht man Mosieur Chat auf Plakaten während der Demonstrationen gegen den Irakkrieg oder gegen den rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen in der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen: "Je ris jaune" ("gelbes Lachen" - in etwa "gute Miene zum Bösen Spiel machen"), miaut er.

Monsieur Chat bei den Demos gegen den Außenrechts-Kandidaten Jean-Marie Le Pen, der zu den Präsidentschaftswahlen 2002 in der Endrunde gegen Jacques Chirac antrat (Foto: ©Collectif CHAT)

Bereits 2004, als sein Erfinder noch unbekannt war, sorgt der Dokumentarfilmer Chris Marker in seinem filmischen Tagebuch über die Pariser Abenteuer für internationale Bekanntheit des gelben Katers. Durch eine Zeichnung 'in Originalgröße' auf dem Pflaster von Beaubourg, dem großen Platz vor dem Pariser Centre Georges Pompidou, und eine Sonderausgabe der französischen Tageszeitung Libération nimmt das Phänomen seinen Lauf. Galeristen interessieren sich für das attraktive Tierchen. Immer mehr wollen eine Zusammenarbeit, von Frankfurt bis Hongkong.

Das Internet ist ihm auf den Spuren: Googlemap veröffentlicht eine Landkarte mit den rund 350 Katzen weltweit und Flickr eine Reihe von Fotogalerien. Das stille Kätzchen schleicht sich Schritt für Schritt an seine Beute, eine Maus namens Marketing! Das Graffiti als neuer Vermittler, als neues Medium weckt das Interesse von Kunsthändlern. Es entsteht ein kleines Business: T-Shirts, Anhänger, Postkarten… In Frankreich verlassen Mitstreiter von Mister Cat, wie Miss.Tic, Space Invaders oder Blek le Rat [siehe Box] den Untergrund und stellen ihre Werke nun offiziell in Galerien und Museen aus.

10 Jahre, Zeit für Vernunft

Nach seiner Verhaftung wird Vuille zu einer Strafe von 300 Euro verdonnert und verspricht das Ende der Anonymität: er bekennt sich zu seinem zweiten Ich. Schluss mit Underground-Tags. Zu ihrem 10. Geburtstag lässt sich die weltreisende Mieze im Kunstmuseum von Orléans nieder und gibt sich die Ehre mit einer lebensgroßen Ausstellung auf den Werbeplakaten von J.C. Decaux, dem größten französischen Unternehmen für Außenwerbung. Ironie des Schicksals? "Wir wollten eine Aktion von akademischer Seite starten und gleichzeitig die ganze Stadt einnehmen, um offen und zugänglich für das Publikum zu bleiben", erklärt Gilles Flouret.

Weg von der Gosse, kann Vuille nun in einer Künstlerwohnung leben, die ihm der Conseil régional von Poitou-Charentes finanziert. Danke Ségolène Royal [die ehemalige Präsidentschaftskandidatin ist aktuell Vorsitzende des Regionalrates in Poitou-Charentes; A.d.Red.]? "Es geht nicht darum, seine Arbeit von der Politik einnehmen zu lassen", widerspricht Flouret. "Thomas ist immer enthusiastisch, egal wie der politische Wind gerade weht: eine neutrale Haltung, die sich vielleicht aus seiner Schweizer Herkunft erklären lässt. Die Katze ist mittlerweile ein wirtschaftlicher und öffentlichkeitswirksamer Faktor geworden. In Zukunft kann Thomas sich seiner künstlerischen Arbeit widmen." Stellt sich die ewige Frage: kann man sich anpassen und dabei kreativ bleiben?

Straßenszenen von 'Blek le Rat'

Seine Schwarzweiß-Figuren in Lebensgröße flanieren über die Betonmauern der Städte und hinterlassen einen Hauch Poesie auf den Backsteinziegeln im Herzen der Metropolen. Bereits seit den Achtzigern schwingt der französische Straßenkünstler Blek le Rat die Spraydose - die Schablone hat er dabei stets in der Tasche.

Anlässlich der Veröffentlichung eines dem Künstler gewidmeten Buches hat die Buchhandlung Artazar in Paris eine kleine Ausstellung ins Leben gerufen, die Poster und Grafiken von Blek le Rat zeigt. Über die komplette Fensterfront am Eingang erstreckt sich die Zeichnung eines schlafenden Mannes. Passanten bleiben stehen.

Blek le Rat zeichnet vornehmlich Heimatlose und Menschen, die auf der Straße leben. Aber nicht nur: auch improvisierte Schafe und Ratten, unzüchtige Jesus-Figuren oder Porträts großer Künstler wandern über die Mauern der Städte. Die ausgestellten Werke zeigen Bleks Schablonentechnik, die der Künstler nach einer saftigen Strafe wegen Beschädigung öffentlicher Güter später durch Sticker und Plakate ersetzte.

Galerie Artazart, 83, quai de Valmy, im 10. Arrondissement in Paris. Ausstellung vom 21. Februar bis zum 30. März 2008

Buch: Blek Le Rat, en traversant les murs von Sybille Prou und King Adz (Hrsg: Thames & Hudson).

Autorin: Jane Mery

(Homepage-Foto: ©Cé/flickr; Buchcover 'Blek le rat': ©Thames & Hudson)