Kultur

Mónika Miczura, jenseits der Klischees

Artikel veröffentlicht am 26. August 2006
Artikel veröffentlicht am 26. August 2006
Die Roma-Sängerin Mónika Miczura, 37, lebt ihre musikalische Freiheit zwischen Instinkt und Modernität. Und weigert sich, in die Zigeuner-Schublade gesteckt zu werden.

Paris, Fête de la Musique 2006: einige Techniker eilen beschäftigt hin und her um eine provisorische Bühne auf den Stufen der Kirche Saint-Sulpice zu errichten, während sich die großen dunklen Wolken, getrieben durch einen kalten Wind, ansammeln. Einige Straßen weiter, in einem Winkel des ungarischen Institutes versteckt, pafft eine kleine Frau Zigarette nach Zigarette. In einer Stunde wird Mónika Miczura auf der Bühne stehen. Um die Wartezeit auszutricksen, knabbert die grazile Musikerin an einem Häppchen Käse.

Während ich die Tür zu ihrer improvisierten Garderobe durchschreite, springt sie hoch und nähert sich mir, während sie mich entschlossen mit ihren schwarzen Augen anblickt. Sicher, sie spricht kein Englisch, aber ihr Blick sagt mehr als tausend Worte. Mit ihren tiefschwarzen Haaren, ihrem metallischen Lächeln und ihren klimpernden Armbändern gleicht sie einer schrecklichen, unwiderstehlichen Zigeunerin.

Doch die Sängerin, die man „Mitsou“ nennt, hasst Etiketten wie die Pest, „Ich habe niemals darauf bestanden, eine Folklore-Sängerin zu sein“, sagt sie. „Ich singe, wie ich bin. Niemand kann mir vorschreiben, wie ich das machen soll“. Mónika Miczura gibt den Ton vor. Die Stimme meiner Gesprächspartnerin schwankt zwischen kindlichem Tonfall und einer rauen Wortwahl voller exotischer Wörter. Die Originalität ihrer Stimme ist ihr Herz und ihre Waffe.

Exotisches Tier

Bevor sie zum Chanson kam, wuchs Miczura „in einem ungarischen Dorf im Kreise einer Familie auf, in der Musik und Tanz einen Teil des täglichen Lebens darstellten.“ Sie war es gewohnt sich, auf den traditionellen Festen der Region zu präsentieren und begann anschließend eine Theaterkurs. Mit 16 Jahren zogen ihre Eltern nach Budapest, doch Miczura konne nicht auf das dortige Gymnasium für dramatische Kunst zu gehen. „Ich hatte zu schlechte Noten, besonders in Französisch“, berichtet sie mit einem Augenzwinkern.

Später nahm sie an einer Sommerwerkstatt für junge Roma teil. Dort wurde sie von Jenö Zsigól entdeckt, Produzent der in den 80ern in Ungarn populären Band „Ando Drom“ (Auf der Straße). „Zu dieser Zeit blühte die Zigeunermusik auf und erlebte eine Periode der Erneuerung“, erinnert sich Miczura. „Gruppen wie ‚Kaly Jag’ (Schwarzes Feuer) oder ‚Ando drom’ haben dazu beigetragen, dass die Lieder der Roma einem großen Publikum bekannt wurden. Dadurch wurde das Zigeunerrepertoire eine eigene Kunstform“.

15 Jahre nach ihrem Treffen mit Zsigól wurde Mitsou die Sängerin von ‚Ando drom’. „Alles ging sehr schnell und wir wurden zu einer kleine Familie“. Das Abenteuer dauerte acht Jahre, voller Konzerte und Festivals in einem Zigeuneruniversum. Dann kam der Bruch. Mitsou wirkt beschämt, als sie davon erzählt. „Es gab unterschiedliche Ansichten innerhalb Gruppe, sowohl in menschlicher als auch in künstlerischer Hinsicht“. Sie entschied sich, aufzuhören. „Drei Jahre lang habe ich nichts mehr gesungen. Das war sehr schwer. Ich wartete darauf, meine eigene Musik machen zu können. Ich habe nur Vorschläge akzeptiert bei denen ich mich wohl gefühlt habe, so wie bei den Filmen von Tony Gatlif“. Nachdem sie in dem „Gadjo Dilo“ (1998) die Sängerin Nora Luca verkörperte wurde sie Mitglied der Band „Swing“.

Angesagte Mischung

2003 gründet sie dann ihre eigene Gruppe, « Mitsoura » und lässt nun ihrer Kreativität freien Lauf. Sie verwendet eine Gesangstechnik, die aus der indischen Provinz Rajasthan stammt, sie arbeitet mit elaborierten Studiotechniken und reichert ihre Auftritte mit visuellen, hypnotischen Effekten an. « Die Lieder die wir nachspielen stammen aus verschiedenen Roma-Traditionen, es sind Reise- oder Begräbnislieder, die von meiner Mutter oder alten Zigeunern gesungen wurden, deren Talent ich nie erreichen werde ». In ihrer Musik finden sich hier und da Elektroakkorde und andere Rock-, Jazz- und Klassikklänge. Alles wird vermischt, seien es indische Klangfarben oder Schlaginstrumente aus dem Balkan.

Das klingt originell, ist aber dennoch sehr angesagt. Recycling fürs Marketing ? « Ich habe nicht den Eindruck, irgendjemanden zu verraten », rechtfertigt sie sich sofort und wirft mir dabei einen bösen Blick zu. « Was man über die Roma-Musik sagt, ist falsch und reduktiv. In der Musik geht es vor allem um die Ränder der Einflüsse : Jedes Instrument bringt eine ganz besondere Stimmung ». Miczura weiß, dass ihr gewagter Musikmix « gewisse Leute enttäuschen könnte » will aber so weiter machen, wie sie will. Mit Instinkt.

Der reine Künstler

Denn « ich singe vor allem aus Leidenschaft, ich will kein anderes Leben führen. Ich habe weder die Kraft noch die Absicht mich für Zigeuner-Liebhaberein zu engagieren », führt sie aus und führt dabei ein Glas Rotwein an ihre Lippen. « Ich glaube, dass meine Musik die Kraft hat, Grenzen zu überschreiten. Und ich hoffe, dass sie eines Tages international bekannt wird. Ich bin eine Frau des 21. Jahrhunderts. Ich bin in einer Roma-Familie aufgewachsen, die offen für die Welt war und musikalisch modern dachte ». Der Nachdruck, den sie ihren Worten verleiht, zeugt von der Schwierigkeit, sich in dem manchmal machistischen Roma-Millieu durchzusetzen.

Trotz ihre wachsenden Popularität weigert sich Miczura, eine Sprecherin der Roma-Gemeinschaft zu werden. Ungarn zählt 600 000 Mitglieder und stellt damit die viertgrößte Gemeinde von weltweit zwölf Millionen Roma, nach Rumänien, Bulgarien und Spanien. Trotz ihrer augenscheinlichen Distanz weist die Sängerin darauf hin, dass « die Integration der Roma in Europa viel mehr Zeit benötigen wird, als man glaubt. In Ungarn wird viel zu wenig Geld für die Zigeuner-Kultur ausgegeben », fährt sie fort. « Das Land ist so klein, dass unter den Eliten eine Art von Blutsbrüderschaft entsteht. Das sind dieselben Leute, die zum selben Zeitpunkt über dieselbe Sache entscheiden. »

Mitsou selbst hat entschieden, niemals die Gleiche zu sein. Weder hier, noch woanders.

Vielen Dank an Kristina Rády für ihre Hilfe als Dolmetscherin