Kultur

Mit der Verfassung zum Poetry Slam

Artikel veröffentlicht am 10. August 2009
Artikel veröffentlicht am 10. August 2009
Die Europäische Union besitzt keine politische Verfassung? Zumindest erhält sie hiermit eine poetische! Monatelang haben 50 Autoren an den Artikeln in Versform, verfasst aus Sicht der Bürger und daher alternativ und kritisch, gefeilt.

Dem abgehobenen Diskurs der Politiker mit Versen begegnen. Peter Vermeersch, Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Löwen, und David Van Reybrouck sind beide Mitglieder des Brüsseler Dichterkollektivs und begeistern sich für den Zusammenhang von Politik und Linguistik. Angesichts des im Jahr 2004 gescheiterten Verfassungsprojekts haben sie ein gemeinsames Abenteuer ersonnen, das den Bürgern durch Schreiben und Lyrik „die Rückeroberung Europas“ mittels einer Neufassung des Verfassungstextes in Versen ermöglichen möchte.

Auf der Suche nach Poeten

Die beiden Ideengeber begaben sich also auf die Suche nach Autoren mit unterschiedlichem nationalem und kulturellem Hintergrund. Der ursprüngliche Plan war, Beiträge von 27 Mitwirkenden, der Zahl der Mitgliedsstaaten entsprechend, in einem Buch zu vereinen. Rasch jedoch entschlossen sie sich zu einem Aufruf an Schriftsteller auch außerhalb der EU. Erfahrene und Neulinge aus Afghanistan, der Türkei, Simbabwe und auch Autoren des Schriftstellerverbandes Shahrazad – Stories for life, der es inhaftierten Schriftstellern ermöglicht, sich schreibend an die ganze Welt zu wenden, wurden als Teilnehmer des Projekts aufgenommen.

Neben Seamus Heaney, dem irischen Literaturnobelpreisträger von1995, finden sich daher unter den Poeten auch „neue Stimmen“ wie die der 20-jährigen Bulgarin Ekaterina Karabasheva. Manche Teilnehmer sind Journalisten, andere Übersetzer, Schriftsteller, Professoren, Dramatiker oder Teilnehmer an Poetry Slams. So beispielsweise Manza, ein Brüsseler mit marokkanischer Herkunft, der den Artikel 2 geschrieben hat: „Wie das lebt, wie das brüllt, wie das tanzt, wie das singt, wie sich das engagiert, wie das strebt, wie das widerspricht, wie das lebt, wie das befiehlt, wie das befruchtet, wie das sich verklärt in jenen schlaflosen Nächten, in denen nichts verhallt und alles gelingt, sich durch blanke Offenkundigkeiten abzeichnend, starke Begierden.“ 

Kollektiver Traum und allgemeiner Zweifel

Allen Autoren gemeinsam ist die Vorstellung, dass die Lyrik einen gesellschaftlich wichtigen Beitrag leisten und sogar eine Belebung der Demokratie Europas initiieren könne. „Was uns Lyrik geben kann, ist Fantasie. Ja wirklich, Fantasie,“ meint Peter Vermeersch. „Die Europäische Union sollte mehr auf die Dichter und Schriftsteller hören, die Botschafter der Bevölkerung sind,“ fährt der Co-Autor Hedina Tahirović Sijerčić fort, der in den 80er Jahren Journalist in Sarajewo war, bevor er zuerst nach Kanada und dann nach Deutschland emigrierte. „Auch wenn Lyrik in einer so entpolitisierten Welt wie der unseren nicht alles verändern kann, kann sie doch wenigstens die Rückführung wichtiger politischer Themen ins Zentrum des öffentlichen Diskurses ermöglichen,“ ergänzt der Spanier José Ovejero.

Im äußeren Aufbau gleicht die Verfassung allerdings allen anderen: Sie besteht aus einer Präambel („Tauchen wir unsere Pinsel nicht in ein Tintenfass der Unanständigkeiten“), aus Grundsätzen, gefolgt von Grundrechten, Deklarationen, Leitlinien der Politik, Europahymne und Schlussbestimmungen. Die einzelnen Artikel sind abwechselnd ernst, wie diejenigen zur Immigration oder zur Demokratie, oder etwas verrückt, wie etwa das „Recht auf Unfug“ oder das „Recht auf Märchen“. Lustig, tiefsinnig und melancholisch veranschaulichen sie eine bürgerliche Idealvorstellung und formulieren einen kulturellen Appell an Politiker und Bürger, ein lebendiges Europa zu schaffen.

La Constitution Européenne en vers, Passa Porte 2009.