Kultur

Minsk - die Straße zur Perfektion. Des Regimes

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2008
Ordentlich, elegant und so sauber, dass man am liebsten barfuß laufen möchte. Das Lukaschenko-Regime liebt es, die Hauptstadt Weißrusslands nach diesem Idealbild zu präsentieren. Jedenfalls dort, wo die Touristen flanieren.

"Das hier ist gerade eben frisch renoviert worden, sieht es nicht perfekt aus?", fragt Andrej, ein junger Weißrusse, der sein Geld mit Visageschäften verdient. "Mit einem Visum, das normalerweise 60 Dollar kosten würde, verdiene ich mit der Provision bis zu 100 Dollar."

Während der Autofahrt zur Unterkunft auf einer der schönsten Straßen, die ich je gesehen habe, erreicht Andrejs Wagen Geschwindigkeiten von bis zu 130 Kilometer pro Stunde: makelloser Asphalt, vier Spuren pro Fahrtrichtung - getrennt durch Grünflächen im Stil der Schlossgärten von Versailles, tadellose Beleuchtung. Nur eines fehlt: die Autos.

"Perfekt scheint der Prachtboulevard auch deshalb, weil es so wenig Verkehr gibt", provoziere ich ihn. "Ist es überhaupt sinnvoll, eine so breite Zufahrtsstraße für eine Stadt zu bauen?" Andrej umklammert das Lenkrad in einem Anflug von Traurigkeit, als hätte ich auf einen wunden Punkt getroffen: "Wahrscheinlich nicht. Mittlerweile sind es nur noch etwa dreißig Flugzeuge, die in Minsk landen. Nicht so wie damals zu den Zeiten der Sowjetunion. Auch der Flughafen ist zu groß für den heutigen Flugverkehr: Minsk war früher eine wesentlich bedeutendere Stadt. Wir haben sogar eine Straße, die direkt nach Moskau führt!"

"Eines Tages begleiteten wir einen siebzigjährigen Richter nach Minsk. Er war zum ersten Mal in der Hauptstadt zu Besuch. Er war erstaunt und konnte gar nicht glauben, dass das die Hauptstadt seines Landes sein sollte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein derart perfekt aufgeräumtes Umfeld in unmittelbarer Nähe von seinem Wohnort lag, wo er sein ganzes Leben verbrachte."

"Die" wissen alles

Lino und Sandro sind Italiener und fahren mittlerweile regelmäßig nach Weißrussland. Zum ersten Mal kamen sie mit dem Fahrrad: "Es war eine lange Fahrradtour, das stimmt. Aber wir waren jung. Jetzt sind wir beide Rentner und arbeiten für eine Organisation, die sich um Tschernobyl-Kinder kümmert und sie im Sommer nach Italien bringt. Es ist unglaublich, wie sich die Situation in diesem Land verschlechtert hat." In zwanzig Jahren haben sie vieles gesehen. Inklusive Gefängnisse.

"Das ist eine Erfahrung, die einen zeichnet. Schon allein die Tatsache, dass man jederzeit überall vorsichtig sein muss. Denn "die" wissen alles." Lino macht keinen Spaß: wegen eines Artikels, der zu regimekritisch war, landete er hinter Gittern. "Veröffentlicht in einem Informationsblatt unserer Organisation! Man muss sich nur vorstellen, welche Reichweite der Artikel hatte!"

Pasolini und De Sica

Wie geleckt: Lukaschenkos Palast (Foto: GA)

Im Zentrum ist jedes Gebäude, jedes Fenster so üppig beleuchtet, dass Paris, die Stadt der Lichter, daneben erblassen würde. "Wer bezahlt denn das? Wir, und offenbar die öffentliche Hand", sagt Julia, eine junge Sprachstudentin, die, unter anderem aufgrund ihrer Lebensumstände mit ihrer Meinung über die Regierenden des Landes nicht hinterm Berg hält. Die Behörden verweigern ihr beständig die Erlaubnis, nach Italien zu fahren, obwohl sie schon lange Italienisch studiert. "Dieses Jahr haben sie wieder einen anderen Studenten ausreisen lassen, der schlechtere Noten hatte als ich", beklagt sie sich bei einer Professorin. Die Reaktion? Ein Achselzucken: "Sie weiß doch selbst, dass es hier komplexe Probleme gibt, deren Lösung nicht in unserer Macht liegt."

Julia spricht korrektes Italienisch (sogar mit Subjonktiv), kritisiert den italiensichen Autor Alessandro Baricco ("nur Das Märchen vom Wesen des Meeres lasse ich durchgehen"), liest die italienische Tageszeitung Corriere della Sera, kennt die Filme von Pasolini, weniger jedoch den Schauspieler Vittorio De Sica. "Ich habe keine Zeit, mir alles anzusehen", bemerkt sie mit einem diplomatischen Lächeln. Sie hat wenig Optimismus über die Zukunft ihres eigenen Landes. "Meine Mutter verdient 100 Euro pro Monat und ein Internetanschluss kostet 30: und da willst Du noch über die Onlinerevolution sprechen!"

"Jedes Mal, wenn mein Vater im Fernsehen Lukaschenko sieht (Präsident-Diktator von Weißrussland, Anm.d.R.), kann er sich vor Wut kaum zurückhalten. Wenn ich ihm dann sage, er solle seine Wut nicht nur zu Hause artikulieren, sagt er nur mit einem Achselzucken, das könne er nicht. Und ich verstehe ihn. Denn er würde alles verlieren: Wie soll man eine Familie erhalten, ohne eine Arbeit zu haben?"

Julia wird aber weiterhin protestieren. Auch diesmal nahm sie wieder am Europa-Marsch teil. "Weißt Du, ich habe sowieso nichts. Mir können sie auch nichts wegnehmen. Wir jungen Leute sind es, die nichts zu verlieren haben. Deshalb müssen wir kämpfen, um unser Land zu verändern." Worte ohne Achselzucken.