Kultur

Michel Houellebecq: Deutschlands 'Unterwerfung'

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2015

Was Deutsche an Skandalautor Michel Houellebecq, von dessen neuer Polit-Fiktion Unterwerfung seit Veröffentlichung innerhalb von drei Tagen 100 000 Exemplare über deutsche Buchladentische gingen, so faszinierend finden.

Es gibt Dinge, die verstehen Deutsche an Franzosen einfach nicht und umgekehrt. Deutsche fragen sich beispielsweise, warum Franzosen täglich mehrgängige Menüs verpeisen können, ohne fettleibig zu werden (oder zumindest weniger fettleibig als andere – ein Mysterium, mit dessen Ergründung sich viel Geld machen lässt) Franzosen hingegen sind irritiert angesichts der Beliebheit, die Skandal-Autor Michel Houllebecq im Nachbarland genießt. In Frankreich selbst hat man sich ja an ihn gewöhnt – aber was bitte finden die Deutschen an diesem irgendwie ungesund aussehenden Schriftsteller? 

Nicht enden wollende Hoffnungslosigkeit, gepaart mit Langweile

Tatsächlich liebt Deutschland Houllebecq nicht erst seit seinem Instant-Bestseller Unterwerfung (veröffentlicht am 16. Januar) – an dessen Popularität aktuelle Ereignisse einen gewissen Anteil gehabt haben dürften. In seinem Roman prophezeit der Autor seinem Protagonisten, dem Hochschullehrer François, und Frankreich eine trostlose Zukunft, nachdem zu den Präsidentschaftswahlen 2022 eine moderate Islampartei gegen den Front National von Marine Le Pen gewinnt.

Nein, schon 2005 wurde Elementarteilchen von einem deutschen Regisseur mit deutschen Schauspielern in Deutschland (Berlin) verfilmt. Die gesamte Handlung, sie war plötzlich deutsch. Vielleicht ein erster Hinweis darauf, warum Houellebecq hierzulande so gut ankommt: Offenbar gibt es für ihn und sein literarisches Schaffen schlicht kein deutsches Äquivalent. 

Oskar Roehlers "Elementarteilchen" (2006)

Kein Literat mittleren Alters schreibt über Männer mittleren Alters, die eine seltsame Beziehung zu Frauen im Allgemeinen und zu ihrem eigenen Sexualleben im Besonderen haben, wie Houellebecq es tut. Die Grundstimmung seiner Bücher ist die einer nicht enden wollenden Hoffnungslosigkeit, gepaart mit Langeweile. Die Protagonisten sind meist für soziale Austausche aller Art völlig ungeeignet, mit sich selbst halten sie es aber auch nicht aus.

Deutsche finden das vor allem deswegen toll, weil es aus Frankreich kommt und daher irgendwie intellektuell und gewagt wirkt: Houellebecq hat das Image eines öffentlichen Intellektuellen und davon gibt es in Deutschland nicht so viele (und von denjenigen, die sich samt ihrem literarischen Gewicht in politischen Debatten zu Wort melden, wünscht man sich öfter, sie hätten es sein lassen).

Très français

Houellebecq hat also vor allem den Vorteil, dass er nicht deutsch ist. Er verkörpert für Deutsche mithin all das, was diese für französisch halten: Zigarette im Mund, ein Ausdruck vergeistigter Langeweile im Gesicht, schlecht sitzende Kleidung und eine mysteriöse Aura. Über seinen einzigen Auftritt in Deutschland am Montag in Köln schrieb Die Zeit, Houellebecq wirke, „als würde er einer Inszenierung aus seinem eigenen Roman folgen: schlurfend, mit zerknautschtem Gesicht, in einem schlabberigen Parka, einer viel zu kurzen Hose und einem formlosen Jeanshemd. Der personifizierte Ennui.“ Hach, diese Franzosen. So unangepasst und angeödet!

Für den Geschmack des deutschen Feuilleton war der französische Literat bei seinem Auftritt aber dann doch eine Spur zu „Mir doch egal“ aufgelegt. Schließlich hatte man sich von diesem schlecht angezogenen Menschen Antworten erhofft, von ihm, der den Roman der Stunde geschrieben hat, von der Literaturkritik gefeiert wird: Also, Monsieur Houellebecq, wie ist das denn nun mit dem Islam in Frankreich?

Dummerweise hat der Autor selbst überhaupt keine Lust, solche und ähnliche Fragen zu beantworten. Die Süddeutsche Zeitung notierte: „Wenn es um Politik geht, wird Houellebecq gern aufreizend lässig. Da sieht er sich nämlich nicht zuständig, auch wenn er einen Roman geschrieben hat, den viele für politischen Sprengstoff halten.“ Ziemlich mager für den Franzosen, den die Welt zum Nachfolger von Sartre und Foucault erklärt (zugegeben, mit Sartre teilt er den schlechten Klamottengeschmack).

Ziemlich gute Bücher

Was ist es also, was die Deutschen an Michel Houellebecq so lieben? Wahrscheinlich das gewisse Je ne sais quoi, welches Franzosen qua Geburt mitgegeben wird. Ach ja, dass Houellebecq ziemlich gute Bücher schreibt, die manchmal befremden, aber eben dadurch auch Denkanstöße geben, mag ebenfalls nicht ganz unwichtig sein.

Ergebnis: Man nehme einen geschmacklos angezogenen, schlecht gelaunten und ketterauchendenen Franzosen, kombiniere ihn mit literarischem Können und einer Nase für skandalträchtige Themen, dazu noch eine Prise Arroganz sowie ein offenbar gestörtes Verhältnis zu Frauen und Sexualität – fertig ist ein Schriftsteller, den die Deutschen lieben.