Kultur

Mein Name ist Boy, 'Oh Boy': der Anti-James-Bond

Artikel veröffentlicht am 23. November 2012
Artikel veröffentlicht am 23. November 2012
Seit Jahren suggerieren uns die Medien, dass unser Männerbild ins Wanken geraten ist. Der Macho-Mann soll Vergangenheit sein – aber ein neues Ideal ist noch nicht gefunden. Jan-Ole Gersters Debütfilm Oh Boy zeigt Männerbilder im Jahr 2012.

Oh Boy beschreibt einen Tag im Leben von Niko Fischer (gespielt vom jungenhaften Tom Schilling). Die Hauptfigur ist Mitte 20, pleite und scheint die Orientierung im Leben verloren zu haben. In dem Film ist Männlichkeit etwas Negatives – und greift damit eine tiefergehende Entwicklung in unserem Verständnis von Geschlechterrollenbildern auf.

Traditionell standen sich Maskulinität und Femininität als Gegensätze unvereinbar gegenüber. Ersteres war verbunden mit Stärke, Leistung und Rationalität, zweiteres mit Schwäche, Passivität und Emotionalität. Doch auf der Leinwand – und nicht nur dort – tut sich etwas. Männliche Figuren stehen nicht mehr länger in Opposition zu ihren Frauen oder Schwestern, sondern zu ihren Vätern. Am eindrucksvollsten wurde dieser Konflikt wohl in Stephen Daldrys Tanzfilm Billy Elliot (2000) beschrieben.

Wer ist hier das Problem?

In Gersters Oh Boy begegnet Tom Schilling als Niko unterschiedlichen Männerbildern, mit denen er sich nicht identifizieren kann. Da wären sein Vater – ein ehrgeiziger, golfversessener Unternehmer; der nervige Nachbar, der seine Zeit mit Tischfußballspielen gegen sich selbst verbringt und schließlich die Typen auf der Straße, die sich an Nikos Auserwählte ranmachen. Niko kann und will in diese Kategorien „Mann“ einfach nicht pressen lassen. Ganz anders als sein zielstrebiger Vater hat er schon vor ein paar Jahren die Uni geschmissen und hat wenig Lust auf eine Freundschaft zu seinem Nachbar, die sich nur um Alkohol und Fußball dreht.

Also ist Niko allein. „Kennst du das, wenn man das Gefühl hat, dass die Menschen um einen herum merkwürdig sind und wenn du ein bisschen länger drüber nachdenkst, wird dir irgendwie klar, dass nicht die anderen, sondern du selbst das Problem bist?“, fragt er im Film. Als Zuschauer bekommt man das Gefühl, dass sich Niko seine Einsamkeit irgendwie selbst zuzuschreiben hat. Diese ironische, unkommunikative Art, mit der Niko seinen Mitmenschen begegnet, führt letztendlich auch dazu, dass die Beziehung zu seiner Freundin in die Brüche geht.

Männer sind Macher

Nikos Passivität ist der größte Dorn im Auge seines Vaters. Echte Männer sind für ihn Macher. Der Prinz rettet die Prinzessin aus ihrem Turm/vor der Hexe/ der bösen Stiefmutter, der Sammler und Jäger der Steinzeit versorgt die Familie mit Nahrung und James Bond rettet schon seit 50 Filmen die Welt.

Niko schafft es trotzdem nicht, aktiv zu werden und etwas zu tun. Der impressionistische Stil des Schwarz-Weiß-Filmes steht sinnbildlich für den Lebensstil des Taugenichts, der durchs Leben schlendert, ohne wichtige Entscheidungen zu treffen oder große Ziele vor Augen zu haben. Wie Tom Schilling bei der Oh Boy-Premiere in Paris über seinen Filmcharakter sagt: „In unserer heutigen Welt geht es immer nur darum, dass Leute etwas tun oder werden. Seine Passivität ist mutig. Leute diskutieren darüber, ob Niko ein Idiot, ein Faulenzer oder ein Träumer ist. Er ist halt nicht Bruce Willis, der die Welt rettet!“

Er ist halt nicht Bruce Willis, der die Welt rettet!

Dass Niko am Anfang des Films der Führerschein entzogen wird, zeigt gleich: Hier geht es um jemanden, der lieber andere lenken lässt als es selbst zu tun. Er verfolgt keine vorgeschriebene Route, sondern verbringt die Zeit lieber damit nachzudenken, wie er seinem Vater sagt.

Schlussendlich ist das Männlichkeitsbild, das der Film vermittelt, aber nicht vollkommen hoffnungslos. Niko ist ungleich sensibler und verständlicher als die anderen männlichen Charaktere, auf die er im Film trifft. Niko begegnet der Erlösung aus seiner Situation in Form von zwei älteren männlichen Charakteren - die ebenso Einzelgänger wie er - trotzdem zeigen, dass der Selbstschutz der ironischen Distanziertheit aufgehoben werden kann und dass man nicht immer seinen Weg kennen muss, um im Leben weiter zu kommen. Was stattdessen wichtig ist, sind alltägliche Dinge wie gemütliche Sitze, Fahrräder oder eine simple Tasse Kaffee, auf die man lange warten muss.

Der Mann von 2012 hat sich damit abgefunden, wer er ist.

Männer im Jahr 2012 machen sich wenige Gedanken über ihre Männlichkeit. Ganz anders als noch vor zehn oder 15 Jahren, als Männer in Filmen hart und stark sein mussten und Gefühle etwas waren, gegen das es sich zu wehren galt. Während sich Männer heute nicht mehr gegen Gefühle sträuben müssen, zeigte der Kampf gegen sie ein viel tiefer liegendes Problem mit dem, was für Männlichkeit steht. Heute haben Männer andere Probleme. Der Mann von 2012 hat sich damit abgefunden, wer er ist. Jetzt muss er nur noch wissen, wo es hingeht.

Nicht alle Filme zeigen jedoch dieses neue Männlichkeitsbild. James Bond wird wahrscheinlich immer James Bond bleiben, der ultimative britische Macho. Auch das letzte Abenteuer des Geheimagenten, Skyfall, hat das gezeigt. Doch auch Bond scheint das immer gleiche Spiel Leid zu sein. Eigentlich undenkbar für einen Helden wie ihn, ist seine Treffsicherheit gefährdet und in einer Szene mit Co-Star Javier Bardem gibt es gar homosexuelle Anspielungen.

Auch Bond hat die alte Leier von der Männlichkeit satt...

Die Einstellung des Frauenverstehers hat sich nicht gewandelt, die Gesellschaft aber schon. Einige Fans haben sich beschwert, dass Bond in Skyfall zuviel Zeit mit Grübelei und Trübsalblasen vergeudet. Vielleicht sollte Bond sich einfach mal eine Scheibe von Niko abschneiden.

Illustrationen: Oh Boy ©X-Verleih, Skyfall ©Sony Pictures, Video (cc)xverleih/YouTube