Kultur

MasturbArt mit David Cernys "Entropa" in Brüssel

Artikel veröffentlicht am 2. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 2. Februar 2009
Mit leichten Anzeichen politischer Inkorrektheit lehrt der bilderstürmende, tschechische Künstler Touristen in Brüssel europäische Erdkunde. Seine "Entropa"-Installation übertreibt europäische Klischees und bleibt ein heißdiskutiertes Thema unter Politikern und Neugierigen.

"Ist das eine Beleidigung der Italiener oder was soll das?" möchte Ciccio, ein junger Student der ©antaldaniel/flickrWirtschaftwissenschaften an der Universität von Taranto im Süden Italiens, wissen. Wir sind in Brüssel und stehen unter dem Glasdach der großen Eingangshalle des Justus Lipsius Gebäudes - Sitz des Europäischen Rates. Dutzende neugierige Besucher stehen vor den Sicherheitsschleusen am Eingang, um 'Entropa', die umstrittene Arbeit des tschechischen Künstlers David Cerny zu fotografieren. So umstritten übrigens, dass der tschechische Botschafter auf eine verärgerte Reaktion Bulgariens hin, nach Sofia einbestellt wurde. Das Land wurde mit einer Ansammlung von Stehtoiletten porträtiert.

Eine Gruppe italienischer Wirtschafts-Trainees auf Studienfahrt läuft in der Mitte des Raumes umher und reckt die Hälse, als ob es um eine Sonnenfinsternis ginge, entsetzt über die Darstellung ihres Landes - ein Fußballplatz voller Spieler, die mit Fußbällen masturbieren, mit obszönen Bewegungen und allem Drum und Dran. "Ist Italien das einzige Land, das provoziert wird?" fragt Anna, eine andere Studentin, bevor sie sich erleichtert setzt. Kein Mitgliedsstaat wurde verschont.

Zur gleichen Zeit entdeckt sie, dass Schottland kein Mitgliedsstaat ist und dass es sich bei dem Gebilde, das wie ein fingerzeigendes Totenkopfäffchen aussieht, in Wirklichkeit um Irland handelt. Das Vereinigte Königreich? Ein leerer Raum - seine Euroskepsis ist klar erkennbar.

Die kleineren Länder der EU müssen häufig Absonderliches bemühen, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Es ist ein Medienerfolg gewesen, oder ein "Buzz", wie es gewöhnlich im Cyberspace heißt. Zu verdanken ist es aber Herrn Cerny, der die tschechische Regierung etwas hinters Licht geführt hatte. Der Künstler gab vor, eine Gruppe von 26 europäischen Künstlern für die Installation engagiert zu haben. Am Ende habe er sich jedoch dafür entschieden, das Projekt selbst zu übernehmen, um es komplett zu kontrollieren.

"Ich bin sicher, dass jemand Bescheid wusste. Das ist ein viel zu großes Ding, als dass man es im Verborgenen hätte organisieren können, mit Broschüren und was sonst noch dazu gehört. Wenn nicht, dann muss die tschechische Regierung dumm gewesen sein", versichert ein europäischer Ratsangestellter, der es vorzieht, anonym zu bleiben.

Ignasi Guardans, ein spanischer Europarlamentarier der liberalen Fraktion, hatte noch keine Gelegenheit, sich das Werk anzusehen. Er glaubt aber, dass "es positiv ist und dass Kunst uns zwingt, über europäische Klischees nachzudenken und sie in Frage zu stellen". Eine ähnliche Sicht vertritt die ungarische MEP der Konservativen Lívia Járóka. Sie meint, dass "Europa Sinn für Humor braucht".

Ihre sozialistische Mitstreiterin und Landsmännin Zita Gurmai stimmt da nicht völlig zu: "Es ist Zeit, über die positiven Seiten Europas zu sprechen, anstatt uns immer mit allem Negativem zu ersticken". Von denen, die an der Online-Befragung über die Installation teilgenommen haben, die von der alle sechs Monate rotierenden und derzeit tschechischen EU-Präsidentschaft organisiert wurde, sehen 71 % das Kunstwerk als positiv. Im Allgemeinen freuen sich die Leute, wenn sie sich die neue Arbeit Cernys ansehen. Sein Sarkasmus ist genial, und er reinigt das verstaubte Gewissen der "political correctness", das Europa fest im Griff hat.

Cernys Europa-Vision

Deutschland wird als eine Carrera-Autobahn in Form eines Hakenkreuzes dargestellt

Spanien ist nicht mehr Strand, Sonne oder Flamenco, sondern eine Betonwüste

©Fernando Navarro SordoFrankreich befindet sich im Streik ... was sonst!

Griechenland verschwindet unter seinen brennenden Wäldern

Litauen ist voller Kinder, die auf Russland pinkeln, den traditionellen Sündenbock für alles.

Die Niederlande sind komplett überschwemmt, nur die zahllosen Minarette seiner neuen Moscheen sind zu sehen

In Polen stellen Priester die regenbogenfarbige, homosexuelle Fahne des Stolzes an die Stelle, wo der katholische Sender Radio Mariya anfing

Tschechien ist jetzt ein Bildschirm, auf dem die besonders euroskeptischen Äußerungen des Präsidenten Václav Klaus gezeigt werden

Rumänien wird natürlich mit dem Schloss von Graf Dracula porträtiert