Kultur

Marius Ivascevicius, Suche nach den eigenen Wurzeln

Artikel veröffentlicht am 23. September 2006
Artikel veröffentlicht am 23. September 2006
Der litauische Regisseur, Dichter und Dramaturg Marius Ivaskevicius, 33, macht sich im Gespräch mit cafebabel.com Gedanken über den Unterschied von west- und osteuropäischer Literatur.

Wir treffen Marius Ivaskevicius an einem frühlingshaften Spätnachmittag auf der Bracka-Straße, direkt neben dem Krakauer Marktplatz. Er ist wegen der Festspiele „Verschwindendes Europa“ nach Polen gekommen. Während dieses Festival führt er zusammen mit anderen Künstlern aus ganz Europa, nostalgische Gespräche über das, was vergangen ist und über verlassene und verrate Orte, die nun von niemandem mehr gebraucht werden.

Warum bin ich hier? Mir hat die Idee der Festspiele sehr gut gefallen, sagt er. Ein Moment des Nachdenkens, seine verträumten Augen beginnen nach etwas im Innern des Cafés zu suchen. Eine unheimliche Freude hat mir immer das Forschen gemacht, besonders das Forschen nach Kultur. Mein Beitrag zu diesen Festspielen ist wie eine Untersuchung meiner Lebensgeschichte. Unweit des von mir beschriebenen Ortes haben meine Großeltern gewohnt, die ich jedes Jahr in den Ferien besucht habe. Dort spielten sich die wichtigsten Szenen meiner Kindheit ab.

Dann ruft er sich den Bahnhof in Wierzboow, im Norden seines Heimatlandes, in Erinnerung: Er ist ein Symbol der Pracht und des Reichtums des damaligen zaristischen Russlands. Ich war aber auch Zeuge seiner Zerstörung und habe gesehen, wie die Geschichte ihm tödliche Schläge versetzt hat.

Melancholische Vieldeutigkeit

Marius Ivaskevicius wurde 1973 geboren und lebt heute in Vilnius. Er repräsentiert die neueste Welle litauischer Künstler – Er ist gleichermaßen Prosaist, Dramaturg und Regisseur. Direkt nach seinem Philologiestudium begann er die Mitarbeit bei der Wochenzeitung „Respublika“, widmete sich dann aber nach einigen Jahren ganz der Arbeit als Schriftsteller und Regisseur. Zur Zeit leitet er das Kulturprogramm Cultural trap im litauischen Fernsehen. Er veröffentlichte auch eine Zusammenstellung von Novellen Komu dziatek, Erzählungen wie Istorija nuo debesies, („Geschichte aus der Wolke“), Zieloni („Die Grünen“) sowie die Dramentrilogie Ssiad („Der Nachbar“).

Das Internet spuckt nicht sehr viele Informationen über Marius Ivascevicius aus. Wer ist er wirklich? Die Frage stellt er sich vermutlich auch, denn er antwortet nicht sofort. Man gewinnt den Eindruck, dass er es bereut, so weit vorwärts gekommen zu sein, dass er sich hat in eine Schublade stecken lassen. Mein Leben ist das, was ich in Erinnerung habe, antwortet er sehr diplomatisch, sie ist es, die so eine Art Gedenkstein setzt, eine Grundlage unserer selbst

Literatur des Westens oder des Ostens

Wir fragen ihn nach der universellen und zeitlosen Wirkung von Literatur, doch auf seinem Gesicht macht sich Widerwille breit. Jeder Autor hat seinen für ihn typischen Nährboden, aus welchem er entstanden ist. Einen Kontext, aus welchem sein Werk entsteht. Das lässt sich nicht so einfach vermitteln. Ivascevicius sieht ein Ungleichgewicht zwischen dem Osten und dem Westen in der europäischen Literatur heraufziehen. Wer anders denkt, schreibt auch anders. Die Literatur des Ostens ist metaphernreicher, sie enthält mehr Symbole. Künstler aus dem Osten können nicht direkt sprechen, sie hüllen ihre Botschaft in ein Gewand. Er nennt Dostojewski und Tschechow. Diese Art zu schreiben hält er für einen Trumpf: Das lobt man an uns, fügt er zufrieden hinzu. Westeuropäische Bücher gelten als zu realistisch.

Auf die Frage nach der Identität Europas reagiert er unerwartet schnell und enthusiastisch: Eine starke europäische Identität ist nicht möglich. Zuerst muss man seine jetzige Identität ablegen, um eine neue anzunehmen. Dies ist jedoch nicht so einfach, da jeder fest in dem verwurzelt ist, dem er entsprungen ist. Sicher, die Idee eines gemeinsamen Europas ist richtig, aber, so betont er, Europa, verstanden als Synonym für Demokratie, Menschenrechte, die Achtung der Freiheit des Einzelnen. Das, und nichts anderes.

Rückkehr zu den Wurzeln

Hoffnung ist jedoch erlaubt: Jetzt, da Europa nicht mehr geteilt ist, da man Ost und West nicht mehr künstlich zu trennen versucht, beginnen sich die schriftstellerischen Neigungen langsam zu vermischen, zu durchdringen. Das ist sehr positiv. Vielleicht kommt endlich die Zeit, in der die Autoren aus dem Osten von ihren Freunden im Westen lernen, wie man gute Erzählungen schreibt, denn davon sind wir noch weit entfernt, sagt Ivascevicius lächelnd.

Ivascevicius zufolge verbessern Festspiele wie „Verschwindendes Europa“ die europäische Gegenwartsliteratur. Sie öffnen sie für neue Herausforderungen und zeigen die Welt auf eine neue Art. Der Vergessenheit zu entrinnen, verborgene Winkel zu entdecken, wird nachfolgende Generationen inspirieren. Was das angeht, ist Marius Ivascevicius ein großer Optimist. Er betont; dass Je jünger die Menschen sind, die jetzt wieder nach ihren Wurzeln suchen, desto besser werden sie...