Kultur

Marc Augé: Die Einsamkeit der Nicht-Orte

Artikel veröffentlicht am 26. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 26. Oktober 2012
Am 2. September ging in Sarzana das 9. Festival della Mente [Festival des Geistes, A.d.Ü.] zu Ende. Ein Wochenende lang füllte das europäische Ereignis kreativer Denker die Gassen eines kleinen Städtchens in der Provinz La Spezia [Stadt im norditalienischen Ligurien, A.d.Ü.] mit Begegnungen und Debatten von Denkern, Neugierigen und Gästen. Cafebabel.
com hat den Vordenker der Nicht-Orte, den französischen Anthropologen Marc Augé, trotzdem verorten können.

Mit dem Franzosen Marc Augé, dem Theoretiker der Nicht-Orte (so genannte non lieux) verabredet zu sein, ist an sich schon ein komplizierter Vorgang. Ich kann euch nicht sagen, ob die Empfangshalle des Hotels Locanda dell’Angelo in Sarzana als ein solcher Nicht-Ort definiert werden kann. Aber es ist der Ort, an dem ich eine intensive Stunde mit ihm verbringen und an diesem lauen, frühherbstlichen Morgen ein hochgradiges Gespräch führen werde. Es ist Samstag und Augé ist gerade dabei, seinen nachmittäglichen Beitrag für das italienische Festival della Mente vorzubereiten. Der Ethnologe ist schlicht angezogen und wenn er redet, landen seine Augen in den kurzen Pausen auf meinem Gesicht.

„Sicher werden gerade andere Nicht-Orte geboren“, beginnt Augé. „Die Möglichkeiten des Menschen vervielfältigen sich, die Bevölkerung wächst weiter. Und so wächst auch die Notwendigkeit zu kommunizieren, nicht nur verbal, sondern eben auch auf anderen Kommunikationswegen. Und diese neuen Wege sind die Orte, an denen die Urbanisierung heutzutage stattfindet. Man kann eigentlich nicht mehr von der Stadt an sich sprechen, sondern von Aggregaten unverbundener Personen, die dem Konzept des Zentrums einen neuen Sinn geben.“ Während die historisch bedeutenden Stadtzentren zu Museen würden, verschöben sich die wahren neuralgischen Zentren des menschlichen Lebens woandershin, so Augé. Sie vervielfältigten sich und flüchten vor dem Blick und dem Verständnis der Soziologen.

Das Phänomen des modernen Nicht-Ortes

„Uns steht ein epochaler Übergang von der Dimension des Menschen zu der des Erdbewohners bevor.“

„Dieses Phänomen dehnt sich immer weiter aus, nicht nur, weil im Orient und in Afrika neue Wirtschafts- und Machtzentren entstehen“, bekräftigt Augé, der noch weiter geht: „Überall tauchen Nicht-Orte auf, Kopien, aber ausgestattet mit lokalen Charakteristika. So gleichen die Slums von Lahore, Mumbai und Johannesburg nicht unbedingt den Roma-Unterkünften in Vorstädten oder den Favelas in Rio.“ Das alles passiere während die Fosters und Calatravas [britischer und spanischer Architekt, A.d.Ü.] vom Dienst weiter ihre alles vereinheitlichenden Marken aus Europa in die Welt exportierten, der Louvre mache in Abu Dhabi auf und die Scheiche aus Katar kauften alle Vermögenswerte des alten Kontinents, seien es Luxusmarken oder ganze Fußballmannschaften. „Ich glaube, dass dieser Trend eine größere Dynamik in sich birgt“, erklärt Augé.

„Wir stehen vor einem epochalen Übergang in der Menschheitsgeschichte: Wir wechseln gerade von der Dimension der Menschen zur Dimension der Erdbewohner“. Augé meint damit, dass die Menschen ihre individuelle Identität verlieren und der wachsenden Anzahl von sinnentleerten Funktionsorten ausgesetzt sind. Dem französischen Philosophen zufolge erklärt diese Tendenz auch die Zunahme der „UNESCO-Weltkulturerbe“-Stätten. „Unsere Sorge zu schützen und aufzubewahren führt dazu, dass wir möglichen Lebensräumen einige besonders empfindliche Zentren unserer Geschichte vorenthalten.

Es handelt sich dabei um einen Prozess der Kristallisierung, der die Verdrängung der wahren schlagenden Herzen der Städte noch beschleunigt.“ Deshalb übertrage sich heute das Gefühl der sozialen Dynamiken in Rom von der berühmten Via dei Condotti im Stadtzentrum ins moderne EUR-Viertel [entstanden ist die einheitliche Architektur des Viertels im Faschismus, A.d.Ü.], vom Pariser Stadtteil Marais in den modernen Bürovorort La Défense, vom historischen Jaffa in die Umgebung von Tel Aviv. „Das ist, als würden wir uns auf die Ankunft von Außerirdischen auf der Erde vorbereiten, denen wir so gut wie möglich einen Überblick über das menschliche Leben geben müssen.“ Unausgesprochen bleibt in den dialektischen Ausführungen Augés die Tatsache, dass diese Zusammenfassung ein unechtes Foto des heutigen Lebens wäre. Der Außerirdische würde also mit einem völlig verzerrten Bild von der irdischen Existenz wieder in seine Galaxie abreisen.

Transparenz in Zeiten von Google Maps

Die Lebenserfahrung – nennt man sie nun menschlich oder irdisch – als „schlüsselfertiges“ Paket zeigt sich Augé zufolge auch in der Darstellung von Territorium: dort, wo einst das große Angebot von Karten die Ansicht eines bestimmten Ortes auf der Erde unendlich vervielfacht habe, sorge die grafische und inhaltliche Standardisierung in Zeiten von iPhone und Google Maps nun dafür, dass es nur noch eine Art gibt, die Realität um uns herum wahrzunehmen. „Alles ist um dich herum“ und du bist mit einem einfachen Fingerzeig als leuchtender Punkt auf einer faltbaren Karte wiedererkennbar. „Wenn erst einmal die Verschiebung der Menschen zu Erdbewohnern vollständig vollzogen ist, verlieren wir nicht nur die Möglichkeit unentdeckte Gebiete zu erforschen, sondern auch die, uns dort verstecken zu können. Das wird Transparenz in ihrer reinsten Bedeutung sein.“ Nicht die Transparenz der Glasnost von Gorbatschow und Gefährten, sondern die eines Lebens, das sich irgendwann in einer Folge von unendlichen Check-ins auflösen werde. Auf bestimmte Art und Weise würden wir so die Utopie ausleben, nach der wir bereits jetzt streben.

Illustrationen: Foto ©veDro l'Italia al futuro/flickr