Kultur

Manislam: Kann es einen geschlechtsneutralen Islam Geben?

Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2014

(Meinung) In Manislam wirft die türkisch-norwegische Regisseurin Nefise Özkal Lorentzen einen genaueren Blick darauf, was es bedeutet, ein Mann und gleichzeitig ein Moslem zu sein. Ein interessanter Film über eine heikle und aktuelle Frage.

In is­la­mi­schen Län­dern haben Frau­en und Ho­mo­se­xu­el­le oft einge­schränk­te Frei­hei­ten und zu­sätz­li­che Be­schwer­nis­se im Leben. Män­ner ten­die­ren dazu, die Frei­heit an­de­rer zu be­schrän­ken und sie zum „lei­den" zu brin­gen. Ein mög­li­cher Grund dafür ist, dass in is­la­mi­schen Län­dern ein pa­tri­ar­cha­li­sches Sys­tem stark ver­brei­tet ist; an­ders als Mäd­chen sol­len Jungs stark, do­mi­nant, heiß­ge­liebt und Ent­schei­dungs­trä­ger sein - nur weil sie Män­ner sind.

Sind nun aber Män­ner in is­la­mi­schen Län­dern wirk­lich glück­lich? Wie er­tra­gen sie diese Bürde, wie schaf­fen sie es allen An­sprü­chen ge­recht zu wer­den? Wel­che Grund­wer­te wer­den bei der In­ter­pre­ta­ti­on des hei­li­gen Buchs be­rück­sich­tigt? Ne­fise Özkal Lor­ent­zen sucht in der letz­ten Film­epi­so­de ihrer Tri­lo­gie über den Is­lam Ant­wor­ten auf diese Fra­gen.

In ihrem ers­ten Film Gen­der Me (2008) stie­ßen wir auf zwei Män­ner, die so­wohl ho­mo­se­xu­ell als auch Mos­lems sein woll­ten. In der zwei­ten Epi­so­de, A Ba­loon for Allah (2011) er­zähl­te sie, wieso Frau­en im Islam un­glück­lich seien. In der letz­ten Epi­so­de Ma­nis­lam (2014) sind die Män­ner im Islam die Prot­ago­nis­ten. Die Musik der Do­ku­men­ta­ti­on wurde vom be­kann­ten tür­ki­schen Su­fi-Flö­tis­ten Mer­can Dede kom­po­niert. Der Film wurde vom Nor­we­gi­schen Rund­funk (NRK) fi­nan­ziert. Er ist das Re­sul­tat einer drei­jäh­ri­gen Ar­beit. In Ma­nis­lam stellt uns Özkal Lor­ent­zen vier mus­li­mi­sche Män­ner aus In­do­ne­si­en, Ku­wait, Ban­gla­desch und der Tür­kei vor, wel­che die Not­wen­dig­keit für ein neues Ver­ständ­nis des Is­lams in der Welt sehen, das Leben an­ders sehen als ihre Glau­bens­ge­nos­sen und es wagen, Fra­gen zu stel­len.

Die­ser Do­ku­men­tar­film ist eine kurze Ge­schich­te dar­über, wie die Män­ner den Islam sehen, wel­chen Kon­flik­ten sie be­geg­nen wäh­rend sie ver­su­chen, die do­mi­nan­te Kul­tur in ihren Län­dern zu verän­dern. Laut der Film­re­gis­seu­rin stre­ben diese vier Män­ner, die ver­su­chen, einen de­mo­kra­ti­schen und ver­ein­ten Islam zu schaf­fen, nach Frei­heit. Ne­fise Özkal Lor­ent­zens Filme sind wer­den durch Ani­ma­tio­nen und mär­chen­haf­te Er­zäh­lun­gen an­ge­rei­chert. Eben­so be­son­ders an ihr ist, dass sie in den Fil­men als Mut­ter und Frau auf­tritt, wäh­rend sie zu­gleich Re­gis­seu­rin ist.

Die Män­ner hin­ter der Maske

Özkal Lor­ent­zen lässt uns in Ma­nis­lam mit den Män­nern sym­pa­thi­sie­ren und ihren Schmerz mit­füh­len. Ihr Charaktere tei­len mit uns sehr per­sön­li­che Er­in­ne­run­gen. İhsan Eliaçik ist unter den An­hän­gern des Ge­zi-Auf­stan­des in der Tür­kei wohl­be­kannt. Er lei­tet eine Ak­ti­vis­ten­grup­pe in der Tür­kei, die sich An­ti-Ka­pi­ta­lis­ti­sche Mus­li­me nennt. Der Re­gis­seu­rin verbindet mit ihm die Hoff­nung, dass sich der ech­te Islam von fundamentalistischen Strömungen in der Tür­kei ab­gren­zen kann. Eliaçik ist ein mus­li­mi­scher Theo­lo­ge und denkt, dass Re­li­gi­on im all­täg­li­chen Leben ver­an­kert sein soll­te, und macht auf Un­ge­rech­tig­keit wie Hun­ger oder Um­welt­pro­ble­me auf­merk­sam. Sei­ner Aus­sa­ge nach seien die Pro­ble­me mit der Männlichkeit nicht im Islam sel­ber ver­wur­zelt, son­dern fal­sche In­ter­pre­ta­tio­nen und das do­mi­nan­te pa­tri­ar­cha­li­sche Sys­tem dräng­ten die Män­ner zu Gier nach Macht und Be­sitz.

Der Ban­gla­de­scher Im­tiaz Pavel er­fand ein Rät­sel-Brett­spiel, das er mit Dorf­kin­dern spielt, damit sie schon in jun­gen Jah­ren wis­sen, dass Män­ner und Frau­en gleich­ge­stellt sind. In den mus­li­mi­schen Dör­fern, die Pavel be­sucht hat, spie­len Mäd­chen in kur­zen Hosen Fuß­ball, wäh­rend die Jun­gen sie an­feu­ern. Naif Al-Mu­ta­wa ist Psy­cho­lo­ge aus Ku­wait und der Schöp­fer von The 99, dem ers­ten Su­per­hel­den-Co­mic in der is­la­mi­schen Welt. Seine Ge­schich­ten stel­len die Aben­teu­er von 99 Su­per­hel­den, von denen jeder einer der 99 Namen Al­lahs trägt, dar. Er glaubt an die Macht des Er­zäh­lens und hat be­merkt, dass es in der is­la­mi­schen Welt kei­nen Su­per­hel­den, wie Su­per­man oder Bat­man in der westlichen Welt, gab.

Syal­di Se­hu­de und vier an­de­re junge Män­ner klei­de­ten sich in Mi­ni­rö­cke, zogen den Stra­ßen von Ja­kar­ta ent­lang und skan­dier­ten Pa­ro­len gegen Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Die­ser klei­ne An­lass hatte  lan­des­wei­te Wir­kung und wurde zur Schlag­zei­le in der Ja­kar­ta Post. Diese Män­ner glau­ben, dass sich zu­erst Män­ner be­frei­en müss­ten, damit sich Frau­en eman­zi­pie­ren könn­ten. Sie soll­ten eben­so emo­tio­nal sein und wei­nen kön­nen wie Frau­en.

Ist es zeit für eine is­la­mi­sche Re­vo­lu­ti­on?

Neben dem Auf­zei­gen männ­li­cher Be­schwer­den ent­blößt Ne­fise Özkal Lor­ent­zens Film eben­falls eine wich­ti­ge Tat­sa­che, die in der heu­ti­gen Welt be­rück­sich­tigt wer­den soll­te: Men­schen aus mus­li­mi­schen Län­dern wer­den nach der vor­herr­schen­den Re­li­gi­on, aber nicht nach ihren in­di­vi­du­el­len Per­sön­lich­kei­ten oder Fä­hig­kei­ten be­ur­teilt. Der schlech­te Ruf des Is­lams führt zu Vor­ur­tei­len und Dis­kri­mi­nie­rung. Das Chris­ten­tum un­ter­lag im 16. Jahr­hun­dert der Re­nais­sance. Diese Re­for­ma­ti­on der Re­li­gi­on be­grün­de­te eine neue Ära in der Ge­schich­te. Der Islam er­leb­te bis­lang keine Re­form. Al-Mu­ta­wa, Eliaçık, Pavel und Se­hu­de könn­ten als Pio­nie­re einer is­la­mi­schen Re­form an­ge­se­hen wer­den. Ma­nis­lam zeigt uns, dass diese Re­form drin­gend Un­ter­stüt­zung braucht. Die Tri­lo­gie des Is­lams von Lor­ent­zen soll­te in allen Län­dern ge­zeigt wer­den, damit die Men­schen rea­li­sie­ren, dass der Islam, den wir heute er­le­ben, nicht die rich­ti­ge Aus­le­gung ist. Zudem kann die Ste­reo­ty­pi­sie­rung von Mus­li­men keine ak­tu­el­len Welt­pro­ble­me lösen und eine is­la­mi­sche Re­form soll­te von wah­ren Mus­li­men in die Hand ge­nom­men wer­den.