Kultur

Mama, was ist Kommunismus? - Papa, was ist Ramadan?

Artikel veröffentlicht am 9. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 9. Oktober 2007
Yasmin, Cihan, Mani, und Christian sind die Protagonisten des deutsch-französischen Filmprojekts Mon monde - meine Welt, das bitter-fröhlich aufzeigt, dass es zum Thema Immigration in Europa keine Pauschalantworten gibt.

Im "Bistrot am Britz" visiert der junge Deutsch-Türke Cihan, der seinem Vater gegenüber an einem Tisch der Berliner Vorstadtbäckerei Platz genommen hat, sein Gegenüber mit der Kamera an. Kurzer Blick auf seinen Zettel. "Papa, was würdest Du eigentlich sagen, wenn ich eine deutsche Freundin mit nach Hause bringen würde?" Der Vater lächelt verstimmt. Bei ihm sei das nicht möglich gewesen, aber er solle nur die Probe aufs Exempel machen. "Eine muslimische Freundin?" Das käme für Pawel, einen jungen Deutsch-Polen niemals in Frage. Er sei "polnischer Patriot", gibt er im Film lautstark und nicht ohne Stolz zu verstehen. Christian, dessen Familie 1994 aus Ruanda geflohen ist, fragt seine Mutter Béatrice, was ihr hier in Frankreich fehle. "Der Geschmack, fiston, und wie man in Ruanda lebt. Hier lebt man in Kisten in- und aufeinander gestapelt."

Zum 20-jährigen Bestehen des Freundschaftsabkommens zwischen Paris und Berlin nehmen sich zwei junge Regisseure, der Wahlberliner Christian Stahl (37) und die Ur-Pariserin Isabelle Foucrier (24), in ihrem Filmprojekt Mon monde - meine Welt des Themas Immigration an. "Logisch", für Christian Stahl, "beide Städte sind Meltingpots - europäische Metaphern für Einwanderung". Das Filmprojekt entstand im Rahmen des Kunstprojekts "Impression" zwischen Paris und Berlin, das neben dem Film auch einen Galerienaustausch zum Thema Immigration beinhaltet. Das deutsch-französische Duo darf an der Berliner Rütlischule filmen. Sie gehen in die Pariser Vororte, dringen bis in die Wohnzimmer vor. Ihr Trägerkonzept: Immigrantenkinder befragen ihre Eltern. Gehöre ich hierher? Warum sind wir hier geblieben? Cihan, Mani, Christian, David erzählen ihre Welt, ihre Visionen. "Unser Film könnte auch 9 Wohnzimmer und eine Bäckerei heißen", so Christian Stahl.

Ohne über einen Kamm zu scheren

Der Film verweigert sich Bildern, die alljährlich aus dem Mediensäckel gezogen werden, wenn das Sommerloch nach Themen giert. Prügelnde Kinder und Messerstechereien an der Rütlischule in Berlin-Neukölln. Lehrer, die der Gewalt nicht länger Stand halten. Brennende Autos, Tränengas und Polizeiaufgebot in den Pariser Banlieues, wo sich die 'racaille' tummelt: der 'Abschaum', wie Sarkozy die Bewohner der Vororte der französischen Hauptstadt während seines Wahlkampfes betitelt hatte. Es sind die Bilder einer scheinbar gescheiterten Integration.

Bilder, die Mon monde - meine Welt komplett außen vorlässt. Warum sie nicht auch diese Seite der Immigration gezeigt haben? "Es geht uns nicht um Probleme", gibt Christian Stahl zu verstehen. "Sondern um die Grundfrage nach der Bereicherung oder Spaltung. Wir haben bewusst nach 10 Familien aus verschiedenen Spektren gesucht, nach Familien, deren Kinder die Rütlischule besuchen bis hin zu Intellektuellen und Künstlern. Von Créteil bis Charlottenburg-Wilmersdorf."

Welten voneinander entfernt

Da ist Manis Mutter - früher Top-Anwältin -, die sich heute sowohl in Frankreich als auch im Iran entwurzelt fühlt. Oder das kroatische Pendant zu Johnny Hallyday - Darko Rundek, der mit seiner damals schwangeren Frau vor dem Krieg geflohen ist. Die 13-jährige Pariserin Nastassia, deren Mutter aus dem Kaukasus stammt und die sich strikt weigert, Russisch zu lernen. Die Stärke des Films besteht darin, dass er keine Antworten geben möchte. Einseitige Thesen wie „wenn Du gebildet bist, kannst Du Dich integrieren“, stimmen so einfach nicht mehr, sagt Isabelle Foucrier.

Eine kroatische Journalistin hat sich und ihren Beruf scheinbar aufgegeben, während die polnische Familie glucksend von ihrem Glück und den herrlichen Zeiten im Asylantenheim berichtet. So schön sei es damals in Berlin gewesen; das wolle man Deutschland jetzt über die gute Erziehung der Kinder wieder zurückgeben. Fröhlichkeit reibt sich an beißender Melancholie. "Du kannst nichts generalisieren", so Stahl. "Aber den Kindern ist der Blick in die Wohnzimmer und in die Herzen der Menschen, den Du als Journalist nicht schaffst, gelungen. Und was da hochgekommen ist, das hat mein Weltbild erschüttert: Ich habe keine Antwort - ich habe tausend Fragen."

Was bedeutet Immigration heute in Europa? "Die Menschen, ob sie nach Frankreich oder Deutschland gehen, haben die gleichen Probleme. Auch in Italien, Spanien oder Polen wird es nicht anders sein", vermutet Isabelle Foucrier. "Das Interessante dabei ist, dass wir über den Blick der Immigranten auf das Land, uns selbst und unser Land besser kennen lernen. Welche Integrationspolitik kann Europa eigentlich vorschlagen, wenn es sich nicht einmal selbst kennt?"

Definiert sich Immigration nun über eine fremde Sprache, eine Hautfarbe, einen Bleiberechtsantrag? Nichts von alledem. Mon Monde - meine Welt zeigt äußerst eindrucksvoll gerade die Schwammigkeit des Begriffs: "Es geht einfach um etwas anderes, um den Menschen. Egal ob Du in Kroatien, Deutschland oder Frankreich bist: die Leute erleben das Gleiche!", so Stahl. "Hey - hört auf mit Euren einfachen Antworten."

Mon monde - meine Welt