Kultur

Mai-Li Bernard: „Frauen sind in der Welt der Comics unterrepräsentiert“

Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2016

In Mai-Li Bernards Universum ist Schweigen Gold und Fusel macht Kopfschmerzen. In Mortelle Vinasse (Tödlicher Fusel) - für das Comicfestival in Angoulême ausgewählt - zeichnet sie die Krise, in der sich drei Freundinnen in ihren Beziehungen befinden. Volltrunken schmieden sie geniale Pläne zur Beseitigung ihrer Partner. Interview mit der Comiczeichnerin über schwarzen Humor und ihr scharfes Auge.

cafébabel: Wie ist Mortelle Vinasse entstanden? 

Mai-Li Bernard: Vor einigen Jahren hatte ich eine kürzere Version der Geschichte für Freunde entwickelt. Diese sollte in einer gemeinsamen Zeitschrift veröffentlicht werden, die allerdings leider nie das Tageslicht erblickt hat. Einige Zeit später habe ich sie erneut aufgegriffen und weiterentwickelt. So kam es zu Mortelle Vinasse. Ich bin ausgegangen von der Idee mehrerer Morde, bei denen die Mörder sich untereinander austauschen. Ich fand das Thema amüsant; es knüpft an viele Dinge an, die ich im Kino gesehen habe.

cafébabel: Wovon handelt Mortelle Vinasse und was lässt sich über die zentrale Bedeutung des Weins in dieser Geschichte sagen?

Mai-Li Bernard: Der Wein ist der rote Faden in Mortelle Vinasse. Die Protagonisten saufen sich das ganze Buch über die Birne zu. Sie ertränken ihren Kummer in Alkohol. In ihren Augen haben die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, mit ihren jeweiligen Partnern zu tun, weswegen sie beschließen, diese aus dem Weg zu räumen. Tatsächlich löst das ihre Probleme allerdings nicht wirklich.

Irgendwo kommt auch ein Zusammenhang mit Abhängigkeit vor. Aber ich wollte vor allem die Situation einer Depression zeigen, in der man sich befindet, wenn man mit jemandem zusammen ist, den man liebt und den man nicht verlassen kann. Eigentlich müsste man aber gehen, weil man unglücklich ist. Ich erzähle Geschichten, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen, aber trotzdem keine autobiographischen Berichte sind. Die Lösungen, die die Heldinnen in Mortelle Vinasse finden, sind radikal. Ich habe eine gute Prise schwarzen Humors hinzugefügt und mich damit amüsiert, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Das ist für mich eine indirekte Art, über Themen zu sprechen, die mich berühren, und dabei zugleich eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren.

cafébabel: Mortelle Vinasse ist ein Comic ohne Worte. Warum eine Erzählung ohne Text?

Mai-Li Bernard: Mit Worten kann ich nicht so gut umgehen. Paradoxerweise habe ich ein ausgesprochenes Interesse an sprachlichen Werkzeugen und allem, was mit den Mechanismen der Sprache zu tun hat. Das ist der Grund, warum ich Comics ohne Text mache. In meiner Master-Abschlussarbeit habe ich mich zudem mit dem Lesevorgang bei stummen Comics beschäftigt.

Diese Abwesenheit von Text muss ich durch meine Arbeitsweise ausgleichen. In Wirklichkeit gibt es jedoch viele Dialoge in meinen Comics, in denen eigentlich sehr viel kommuniziert wird! Ich habe eine sehr minimalistische, quasi-autonome Sprache benutzt, die sich dem Piktogramm annähert. Der Leser ist gezwungen, die Bilder zu analysieren. Ich habe die Geschichte so konstruiert, dass er sich beim ersten Lesen mit Hilfe der Informationen zurechtfindet. Ich wollte etwas Spielerisches, das ein partizipatives Lesen erfordert.

In meinem ersten Buch - Pigmentation d'un discours amoureux (Pigmentierung der Ansprache eines Liebhabers) - drücken sich die Personen nur mit Hilfe bunter Klebepunkte aus. Das ist ein dialogisches Spiel, ein rhetorisches Spiel, das allein aus Farbkombinationen besteht.

cafébabel: Woher kommt deine Inspiration und welcher Comicschule fühlst du dich zugehörig?

Mai-Li Bernard: Ich wurde von einigen Illustratoren zu Beginn des Jahrhunderts beeinflusst, die Comics fast ohne Worte veröffentlicht haben, wie Otto Soglow in den 1930er Jahren. Unter den zeitgenössischen Comicautoren ist Nicolas Mahler eine Quelle der Inspiration für mich.

Jeder Autor und jede Autorin gehört mehr oder weniger zu einer Familie, einer Schule. Was mich betrifft, so denke ich, dass den AutorInnen der OuBaPo-Bewegung (Ouvroir de Bande dessinée Potentielle), nahestehe, die mit bestimmten formalen Vorgaben arbeiten. Das ist das Äquivalent zu OuLiPo (Ouvroir de Littérature Potentielle), das von Raymond Queneau und François Le Lyonnais gegründet wurde.

cafébabel: Sie sind Mitglied des Collectif des créatrices de BD contre le sexisme, des französischen Kollektivs Comicschaffender gegen Sexismus. Wie hast du reagiert, als das Festival d'Angoulême eine rein männliche Kandidatenliste für den Grand Prix 2016 vorgestellt hat?

Mai-Li Bernard: Als das Kollektiv entstanden ist, habe ich sofort unterschrieben. Ich finde die Initiative beispielhaft. Frauen sind im Comic- und im Kulturbereich im Allgemeinen nicht gut vertreten. Was die Liste der Nominierten für den Grand Prix beim Comicfestival in Angoulême angeht, so war ich überrascht, dass in diesem Jahr keine einzige Frau nominiert war, während in den letzten Jahren immer mindestens eine dabei war. Das wirft Fragen auf hinsichtlich der Rolle, die Frauen in der Welt der Comics und Graphic Novels spielen.

Ich denke, dass ich persönlich nicht genügend Distanz zum Geschehen habe, um darüber zu sprechen. Was ich weiß, ist, dass ich allein für meine Arbeit anerkannt werden möchte, die ich für geschlechtsneutral halte, insbesondere, was die Zielgruppe innerhalb der Leserschaft angeht.

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Das Buch: Mortelle Vinasse (The Hoochie Coochie/2015)

Ich bin ein Pariser. Dieser Artikel stammt von unserem Localteam La Parisienne de cafébabel