Kultur

Lokstoff: Spielen, wo das Leben ist

Artikel veröffentlicht am 4. März 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 4. März 2008
Kein Vorhang, keine Bühne. Keine gepolsterten Sitzreihen, kein Guckkastenprinzip. Lokstoff spielt mitten im urbanen Raum. Da, wo die Menschen sind. Ob Flughafen, Bahnhof, U-Bahnstation oder fahrender Linienbus: die Stuttgarter Theatergruppe holt das Theater nach draußen.

Ein Linienbus, mitten in Stuttgart. Eine ganz normale Haltestelle, ein Mann steigt ein. Alle Plätze besetzt - er bleibt in der Mitte stehen, hält sich fest und schaut verwirrt. Warum kichern die denn alle? Irgendwas stimmt hier nicht. Nächste Haltestelle: Die Fahrgäste kichern immer noch. Sichtlich verunsichert ergreift der Mann die Flucht und steigt aus. Was das war? Ein 'Unfall': Der Bus kein echter Linienbus, sondern ein Theaterbus. Drinnen keine echten Fahrgäste, sondern Zuschauer und Schauspieler. Und der Fahrgast, der da versehentlich an der Haltestelle eingestiegen ist, unfreiwilliger Akteur im Stück Vorher/Nachher - frei nach Franz Kafkas Die Verwandlung.

(Foto: ©Lokstoff)

2002 von den drei Schauspielern Kathrin Hildebrand, Wilhelm Schneck und Andrea Leonetti gegründet, hat sich Lokstoff einen hervorragenden Ruf im Stuttgarter Kulturbetrieb erspielt. "Gerade junge Leute oder Menschen, die eigentlich nicht zu den klassischen Theatergängern zählen, sehen sich unsere Vorstellungen an - das freut uns natürlich besonders", sagt Lokstoff-Manager Tom Schößler.

Lokstoff stellt die Regeln auf den Kopf, legt erst den Spielort fest und sucht dann das Stück dazu aus. Einzige Bedingung: Jeder muss Zugang zu diesem Ort haben. "Ein idealer Spielort muss auf jeden Fall eine öffentliche Rolle spielen", sagt Schößler. Leute müssen vorbeikommen - wie zum Beispiel an der U-Bahnstation Charlottenplatz in Stuttgart. Ein Drehkreuz der Stadt. "Mit schmuddeligen, dreckigen Ecken", erzählt Schößler. "Da kommen täglich viele Menschen vorbei. Und wir wollen mit unserem Theater die Leute für die Orte in ihrer Umgebung sensibilisieren. Wir wollen aus dem Ort möglichst etwas rauskitzeln, das man auf den ersten Blick nicht sieht."

Lokstoff-Trailer

Jede Vorstellung ist eine neue Herausforderung, in der nicht nur der Inhalt des Stücks und die Schauspieler den Verlauf des Abends bestimmen, sondern auch Spielort, Zuschauer und Passanten eine ganz eigene Rolle übernehmen. Lokstoff-Gründerin Hildebrand: "Das Besondere als Schauspielerin ist, dass jeder Vorstellungsabend durch die Konfrontation mit der Realität anders und aufregend ist."

Theater am Gate

Und nicht nur an Haltestellen lauern die Schauspieler den Passanten auf, sonder auch in U-Bahnstationen, am Hauptbahnhof oder am Flughafen. Kathrin Hildebrand erinnert sich an einen Zwischenfall während einer Aufführung von Top Dogs am Stuttgarter Flughafen: "Wir spielten in einer Wartelounge im Sicherheitsbereich und ich war Trainerin einer Outplacementagentur, die entlassene Manager wieder fit für den Arbeitsmarkt macht. In einer Szene konfrontierte ich einen Kollegen damit, dass er entlassen wird und er sich jetzt mit seiner Situation in der Outplacementagentur abfinden muss. Mein Schauspielerkollege musste daraufhin extrem reagieren, herumschreien und sich die Kleider vom Leib reißen.

'Top Dogs'-Vorstellung am Stuttgarter Flughafen (Foto: ©Lokstoff)

Plötzlich erscheint ein 'echter' Manager, nass geschwitzt, total hektisch, zwischen den Zuschauern. Ich solle ihm sofort sagen, wo der Flug nach London abgeht. Ich sagte ihm, er solle sich beruhigen, dass er bestimmt ein anderes Seminar gebucht habe, und schickte ihn zur Flughafeninformation. Der 'echte' Manager hat daraufhin wütend eine Diskussion mit mir begonnen und ist nach einer Weile schimpfend davongelaufen. Die Vorstellung ging dann weiter, aber den Zuschauern war in diesem Moment nicht mehr klar, ob das jetzt 'echt' war oder ob der Mann auch ein Schauspieler war."

Hamlet im Hauptbahnhof

Das nächste Lokstoff-Projekt steht kurz vor der Premiere: Ab April spielt die Thetaertruppe im Stuttgarter Hauptbahnhof. Als Stück zu diesem neuen Spielort haben sich die Schauspieler einen Klassiker von Shakespeare ausgesucht: Hamlet wird am Bahnhof - zwischen Gleisen, Anzeigetafeln und hektischen Menschen - zum Sinnbild für den modernen Menschen in einer immer komplexeren Welt.

Passanten schauen bei den Proben im Bahnhof zu, das macht den Schauspielern aber nichts aus. "Im Gegenteil", sagt Schößler, "wir haben bislang nur gute Erfahrungen gemacht. Die Leute schauen zu und fragen dann, wann das Stück gezeigt wird und wo sie Karten bekommen können." Da sind die Passanten schon wieder mittendrin, im Lokstoff-Theater. Das gehört schließlich zum Konzept. Schößler: "Wir nehmen uns die Freiheit, dort zu spielen, wo das Leben ist."