Kultur

Live aus Washington DC: Obamas Amerika-Remake

Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2009
In Amerika hat das Wort „Remake“ zwei Bedeutungen: Zum einen bedeutet es, etwas wieder aufzubauen oder etwas erneut zu tun, zum anderen bezeichnet es die Neuverfilmung eines Filmstoffes. Die Handlung bleibt die gleiche, nur die Besetzung ist neu. Am 20. Januar 2009 hat Obama das perfekte Drehbuch für ein neues Land geschrieben.

Laut Medienberichten befanden sich mehr als zweieinhalb Millionen Menschen auf der Mall, der langen Promenade vor dem Kapitol, auf der der Obelisk steht. Manche standen bereits seit dem vorherigen Tag dort, einige besser ausgestattet als andere, aber alle trotzten sie der eisigen Kälte. Für jemanden wie mich, der aus Malaga stammt, fühlte es sich an wie in Sibirien.

©Estefanía Martínez

Obwohl wir um halb fünf in der Frühe eintrafen und die Mall nicht vor sieben Uhr geöffnet wurde, war die Schlange so lang, dass wir nicht näher heran kamen als auf die zweite Stufe in der Nähe des Lincoln Memorial, wo sich die gigantische Statue des ehemaligen Präsidenten befindet.

Tausende von Freiwilligen mischten sich unter die Leute, begrüßten uns und statteten alle mit amerikanischen Flaggen aus. Welcome! High five! Leute tanzten zu Aufzeichnungen des Konzerts vom vergangenen Abend, auf dem unter anderem Bon Jovi, Bruce Springsteen und Shakira gespielt hatten. Es wurde gesungen und getanzt. Und obwohl sich hier und da jemand darüber beschwerte, dass er seine Zehen vor Kälte nicht mehr spüren könne, herrschte Partystimmung. Stars wie Oprah Winfrey, Dustin Hoffman und John Cusack standen von Kameras umringt und winkten dem Publikum zu.

Als Busch eintraf, schwenkte keiner die Flagge.

Ab etwa zehn Uhr trafen die Kongressabgeordneten ein. Jedesmal, wenn einer von ihnen das Podium betrat, wurde er mit Flaggenschwenken und Jubelgeschrei begrüßt. Als Busch hingegen eintraf, schwenkte keiner die Flagge, und niemand jubelte. Einige buhten ihn aus, andere begleiteten seinen Auftritt mit den Worten „Ladies und Gentlemen, der schlechteste Präsident aller Zeiten“, und andere winkten ihm nur fröhlich zum Abschied.

©Estefanía MartínezUnd dann kam Barack Obama. Die Menge geriet völlig aus dem Häuschen, hüpfte wie wild und hörte gar nicht mehr auf, mit Flaggen zu winken und seinen Namen zu rufen. Mich erinnerte das Ganze eher an Fußballfans in einem Stadion. Dass das Schauspiel einem Politiker galt, mutete etwas befremdlich an. Der Geräuschpegel senkte sich leicht, als Aretha Franklin die Bühne betrat und die Nationalhymne sang.

Während Obama den Amtseid leistete und seine Rede hielt, herrschte völlige Stille, nur gelegentlich unterbrochen von einem yeah, man, als ob die Worte des Präsidenten ein Abkommen zwischen dem Präsidenten und den Zuschauern wäre, welche Verantwortungen das Land nun übernehmen müsse. Einige Leute weinten, andere lächelten, aber alle strahlten Zuversicht aus.

Die Rede handelte hauptsächlich von der Erneuerung des Amerikabildes, blieb aber auch Obamas erster Rede in Chicago treu, auch wenn sie sich viel stärker auf politische Maßnahmen und die Stärkung der Beziehungen zu anderen Ländern konzentrierte. Obama sprach gemäßigt und ruhig. Er sagte dem amerikanischen Volk voraus, es werde der Welt zeigen, dass Amerika ein Land der Freiheit und der Möglichkeiten sei. An diesem Punkt war ich beinahe so weit, eine Träne zu vergießen. Ich bin nicht sicher, ob es daran lag, dass der Augenblick mich an eine dramatische Szene in einem Hollywoodfilm erinnerte, oder ob ich wirklich stolz darauf war, Einwohner eines Landes mit einem Mann wie Obama an der Spitze zu sein.

Vor allem wegen Ihrer Filme sind wir ein bisschen neidisch auf die Amerikaner.

Vor allem wegen Ihrer Filme sind wir ein bisschen neidisch auf die Amerikaner. Diese Filme geben unseren Träumen und Hoffnungen Nahrung. Deshalb ist ein Remake manchmal eine zweischneidige Sache. Es gibt eine Studie, die belegt, dass Hollywoodfilme das Publikum frustrieren, weil sie Erwartungen schaffen, denen das richtige Leben nicht gerecht werden kann.

Das Problem mit Obama ist, dass seine Karriere seit ihren Anfängen in Illinois stets mit der Abraham Lincolns verglichen wurde, der die Sklaverei abgeschafft und das Land durch den amerikanischen Bürgerkrieg geführt hat. Wenn irgend möglich, muss Obama noch größere Leistungen vollbringen. Zu hohe Erwartungen könnten ihn zunichte machen, bevor er überhaupt richtig angefangen hat. Obama muss die Finanzkrise in den Griff bekommen und die Amerikaner nach dem Krieg, der in diesem Fall im Ausland stattfand, wieder einen.

©Estefanía MartínezViele Amerikaner beginnen zu ahnen, dass ein Film, dessen Drehbuch einfach zu gut ist um wahr zu sein, nicht glücklich ausgehen kann. „Obama ist zu gut um wahr zu sein“, sagen sie. Er ist vom Himmel gefallen, er ist der Erlöser und er ist mitten in diesem puritanischen Land gelandet. Die Amerikaner glauben, dass nun, da Obama im Weißen Haus sitzt, alles besser wird. Aber die Dinge verändern sich nicht von einem Tag auf den anderen, und erst recht nicht kann ein einzelner Mann all diese Veränderungen bewirken. Es ist die Aufgabe aller Amerikaner, ihr Land wieder neu aufzubauen.

In diesem Punkt war Obama sehr deutlich. Schließlich kann „Remake“ zwar bedeuten, dass dieselbe Geschichte noch einmal erzählt wird. Aber vor allem heißt es auch, etwas neu aufzubauen. Obama hat mit dem schwierigsten Teil schon begonnen: das Fundament einer ganzen Nation zu stärken und dieser Nation die Sicherheit zu geben, dass sie stark genug ist, dieses Gebäude zu tragen.