Kultur

Little Broken Hearts: Norah Jones musikalisches Roadmovie

Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2012
Zehn Jahre nach „Come Away With Me“ - von dem 40 Millionen Exemplare verkauft wurden – und einer Reihe von jazzigen Alben ist Norah Jones nun mit einem neuen Album zurück, das seit Mai in den Plattenläden liegt: Little Broken Hearts (Blue note/EMI).
Mit 33 Jahren, nach Erfolgen und Enttäuschungen in der Liebe, liefert uns Norah Jones ein dramatisches und einfühlsames Album, das der Soundtrack eines alten amerikanischen Films sein könnte.

Ein Cadillac steuert durch eine nordamerikanische Wüste. Das Gesicht der Frau am Lenkrad ist sanft und gelassen. Auf ihren Lippen zeichnet sich ein stummes Lächeln ab. So in etwa könnte die erste Szene eines Films, aber auch das Ende einer Geschichte aussehen. Der Zuschauer würde sich fragen: Was hat sie wohl getan, um so heimtückisch zu lächeln? Ist sie auf der Flucht? Hat sie einen Mord begangen? Diese Filmszene könnte den Song „Good Morning“, mit dem das neue Album von Norah Jones beginnt, begleiten. Ein Lied, das einen Neuanfang nach einer großen Verzweiflung, falschen Hoffnungen und ebenso tiefem Schmerz ausdrückt. Nach einer beruhigenden Melodie beginnt die gequälte Geschichte eines Menschen.

Norah Jones neue Platte Little Broken Hearts (Mai 2012) wurde von Danger Mouse (Gnarls Barkley) produziert und zum Teil auch komponiert. Das Album kommt immer noch sehr „smooth“ daher, aber geht viel weniger in Richtung Piano-Jazz als die vorherigen Alben. Die junge Frau hat alle Gitarren- und Bassparts selbst eingespielt. Die Neuorientierung wir sogar innerhalb eines Songs deutlich: Der eigentlich eher düstere und gewaltige Song „Take It Back“ beginnt mit einer Klaviermelodie und wird dann ganz subtil auf der Gitarre weitergespielt, die plötzlich im Vordergrund steht. Norah Jones hatte sich bereits mit dem Album The Fall (2009) eher in Richtung Folk orientiert. Mit Little Broken Hearts Album liefert sie uns mehr Blues-Rhythmen mit leichter melancholisch-hypnotischer Pop-Note.

Eingefleischte Fans könnten wohl enttäuscht sein. Doch die seidene Stimme der Tochter des Sitarspielers und Komponisten Ravi Shankar verliert keineswegs an Kraft - ganz im Gegenteil. Jones schmerzhafte Erfahrungen – ihr Freund wurde ihr von einer anderen Frau ausgespannt – geben ihr eine übermäßige und teilweise sogar beängstigende Stärke, die manchmal auch bei der Sängerin Cat Power zu finden ist.

Lasst euch nicht von der Single „Happy Pills“ und den ersten beiden sanften und kessen Songs des Albums verunsichern, der Rest ist sehr dunkel, fast beängstigend. Im Video zu „Happy Pills“ bringt eine Brünette den Mann, der sie betrogen hat, mit Chloroform um und ertränkt ihn anschließend. Auf ihrem Gesicht ist keinerlei Emotion zu erkennen.

Eine derartig genervte und rachsüchtige Norah Jones – das ist explosiv. Aber die Explosion kommt ruhig, sorgfältig,  stilvoll daher. Nicht umsonst spielt das Album-Cover deutlich auf das Plakat des Russ Meyer-Films Mudhoney (1965) an, der weiß, wie man Frauen sanft aber auch machiavellistisch in Szene setzt. Little Broken Hearts hat einen filmischen Touch, der einem das Gefühl gibt, in einem Roadmovie über unerbittliche Frauen gelandet zu sein. Die Lieder auf dem Album geben alle möglichen Emotionen und Szenarien wieder, von Wut bis hin zu Resignation, von Trennung bis hin zu Qual und Verzweiflung. Es gibt sehr friedliche und freundliche Songs wie „Travelin'On“ und „Say Goodbye“, die an den Norah Jones-Film My Blueberry Nights erinnern. Dann wiederum gibt es eher harte Songs wie „Out on the Road“, die thematisch an Thelma und Louise erinnern. Und wenn die Heldin - rachsüchtig und bedrohlich - zur Kill Bill Black Mamba Beatrix Kiddo mutiert, dann hört ihr höchstwahrscheinlich gerade „Little Broken Hearts“ oder „Miriam“. In diesem Song rächt sich eine Frau und tötet jene Frau, die ihr den Mann ausgespannt hat (nachdem sie selbst den Mann bereits in „Happy Pills“ umgebracht hat). Ohne jegliche Reue beglückwünscht sie sich mit einer unglaublichen Freude zu ihrer Tat: « Oh Miriam / That’s such a pretty name / And I’ll keep saying it / Until you die. Funny and creepy. »

Das Album endet mit „All A Dream“, einer langen Litanei, in der sich die Frau darüber klar wird, dass sie nun alles verloren hat. In einer schmerzhaften Resignation wird ihr klar, dass ihre Romanze nichts anderes war als ein Traum: « My stomach starts to churn / And the curtains in the wind begin to burn / And now I know it’s all a dream. » Was geschieht mit der Frau, die in dem Cadillac sitzt? Sie hat alles hinter sich gelassen: lässig und erfüllt.

Illustrationen: Teaserbild Offizielle Facebookseite ©Norah Jones ; Videos : "Little Broken Hearts" (cc)YoutTube/SexReflex , "Happy Pills" (cc)YouTube/norahjones