Kultur

Liebenswert, traurig, surreal

Artikel veröffentlicht am 20. April 2007
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 20. April 2007
Die wichtigsten Ereignisse 2006 wurden auf Fotos festgehalten. Am 22. April werden die besten bei der Preisverleihung der World Press Photos 2007 in Amsterdam gewürdigt.

1955. Ein schwarz-weißes Foto eines verunglücktes Motorrades, dessen Fahrer seine Beine zum Himmel streckt, als er auf die Fahrbahn stürzte, war das erste Nachrichtenfoto, das den World Press Photo Award bekam. Die Momentaufnahme aus Dänemark wurde zum Präzedenzfall für Fotografen aus den ganzen Welt. Sie schickten ihre besten Bilder ein.

Heute reichen die Kategorien des Awards von „Allgemeine Nachrichten“ und „Sport“ bis hin zu „Portraits“ und „Geschichten“. „Wir sind an den Bildern interessiert, die die Nachrichten am besten visuell kommunizieren“, erklärt die Pressesprecherin von World Press Foto, Kari Lundelin. „Diese Bilder haben eine psychologische und emotionale Wirkung, die einem im Gedächtnis hängen bleiben oder die man nicht vergisst“. Eine Jury von 13 Experten aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich sowie einigen Leitern von Fotoagenturen bewerteten die eingegangen Bilder. Wir stellen die Siegerfotos des Jahres 2007 vor und haben die Fotografen aus den USA, Frankreich, der Schweiz und Spanien um eine kurze Stellungnahme gebeten.

Foto: Spencer Blatt, USA, Getty Images

Spencer Blatt – Siegerfoto 2007

Dieses Foto wurde am 15. August 2006 aufgenommen und zeigt junge Libanesen, die durch ein zerstörtes Viertel Beiruts fahren. „Für mich war klar, dass ich dieses Foto auf einen Wettbewerb schicken wollte“, sagt der Fotograf Spencer Blatt. „Es strahlt eine Dynamik aus, die vielen Fotos oft fehlt“, erklärt der Preisträger Platt von Getty Images. „Das Missverhältniss und die surrealen Elemente können nur in einer Gesellschaft gesehen werden, die einen Krieg durchmacht. Die Jury hat die Widersprüche des Bildes betont und dass das Bild eine ungewöhnliche Geschichte über den Krieg erzählt. Das Foto ist weder gestellt noch wurde es in irgendeiner Weise manipuliert.

Momente wie diese können uns viel über Kulturen und Individuen erzählen und darüber, wie die Menschen in einem Krieg durchhalten. Die Leute in dem Auto haben diesen Sommer ihre Familie und Freunde verloren – so wie viele tausende Libanesen in diesem Krieg. Wir sind alle von der totalen Zerstörung tief betroffen. Dieses Bild hätte nirgendwo anders auf der Welt geschossen werden können. Es geht das liebenswerte, traurige und surreale Beirut.“

Foto: Denis Darzacq, Frankreich, Agence Vu

Denis Darzacq – Gewinner in der Kategorie „Kunst und Unterhaltung“

„Wie bei den meisten Gewinnern des World Press Photo Awards, die für Zeitugen oder Zeitschriften arbeiten, werden meine Arbeiten größtenteils in Galerien ausgestellt“, sagt der Pariser Fotograf Denis Darzacq. „Mit der Verleihung des Preises an mich wagte die Jury einen neuen aber auch wichtigen Schritt.“

Darzacq, der für den das Verhältnis von Dokumenation und Kunst einer „umkämpften Hochzeit“ gleicht, machte in der Fotoserie La Chute (Der Fall) im Norden von Paris Bilder von jungen Leuten, die auf den Boden fallen. „Ich fragte einige athletisch aussehende Männer, ob sie für mich in den neutralen Hintergrund springen könnten. Es ist nicht zu sehen, wo die Bilder gemacht wurden, ob nun in einer armen oder reichen Gegend oder vielleicht sogar in London, Berlin oder Paris. 95 Prozent der Serie habe ich mit einem Film für eine Handkamera aufgenommen.

„Ich bin 45 Jahre alt und kann denken und schreiben, um mich auszudrücken. Die erste Sprache der Jugend ist ihr Körper. Wir leben in einer Welt, in der wir Angst vor allem haben – China, dem Islam, den USA. Sich fallen lassen drückt das Gefühl der Dringlichkeit aus. Es geht um die Haltung und das Warten.

Mein Bild ist weniger als Kommentar zu den sozialen Umständen gemeint, sondern drückt das Verlangen aus, stärker zu sein, als man ist. Es hat sowohl ästhetischen als auch politischen Wert. Aber jeder sollte in dem Foto das lesen, was er möchte. Das Bild wirft mehr Fragen als Antworten auf.“

Foto: Nicolas Righetti, Rezo

Nicolas Righetti: Gewinner in der Kategorie „Portraits“

„Letztes Jahr fuhr ich einige Male nach Turkmenistan. Zu der Zeit war der diktatorische Präsident Saparmurat Nijayow noch am Leben (er starb im Dezember 2006)“, erinnert sich der in Genf geborene Nicolas Righetti, „Das Bild des Präsidenten hing im Badezimmer meines Reiseführers und zwar genau da, wo sonst normalerweise der Spiegel hängt. Sogar wenn er sich die Zähne putze, hatte er seinen klug und charmant drein schauenden König vor Augen.

Zuvor war ich in Nordkrea. Ein weiteres Land, das für die Welt tabu ist. Hier hatte ich nicht die Möglichkeit, mit den Menschen zu reden. In Turkmenistan dagegen schaffte ich es, die Sprachbarriere und die Zensur zu überwinden.

Beim Fotojournalismus geht es um Symbole. Ein Foto ist eine kleine Momentaufnahme der Zeit; ein Schnappschuss, der eine Geschichte erzählt. Heutzutage hat jeder eine Kamera. Aber ein gutes Foto erzählt eine Geschichte. Und genau darin besteht die Kunst.“

Foto: José Cendón

José Cendón: Gewinner der Kategorie „Zeitgeschehen“

„Ich war gerade in Ruanda, um für AFP etwas über die Region der großen Seen zu machen“, erklärt der Spanier José Cendón. „Ich fand es erstaunlich, dass in einer Region mit so hohen Todesraten und Kriegsherden fast niemand im Gesundheitsbereich arbeitet. Dieses Foto machte ich in einer neuropsychologischen Klinik von Kamenge in Bujumbura, die Hauptstadt des früheren ostafrikanischen Burundi. Der Patient lag auf einer Art Steinbett in einem isolierten Raum. Ich nahm ihn in dem Moment auf, als er mit großem Kraftaufwand aufstand. Er sieht mit den vielen Linien auf seinem Körper aus wie eine griechische Statue.

Diese Geschichte ist Teil einer größeren Arbeit über Geisteskrankheit in Afrika in der Gegend der großen Seen. Sie heißt ‚Die Angst in den großen Seen’. Ich versuchte über die Leiden der Insassen auf ganz persönliche Art und Weise zu erzählen. Ich wollte die Leute treffen, die sich meine Bilder anschauen. Ich glaube nicht daran, dass ich viel mit meinen Bildern ändern kann. Aber ich kann zumindest da sein, wo ich sein will und etwas sagen.“

Die Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von „World Press Photo“ veröffentlicht.

Die World Press Photos 2007 in ihrer Nähe

24. April – 17. Juni: Amsterdam, Oude Kerk

26. April – 27. Mai: Hamburg, Gruner + Jahr Pressehaus

27. April – 27. Mai: Athen, Athens International Airport

27. April – 20. Mai: Poznan, Cultural Centre Zamek

30. April – 27. Mai: Knokke-Heaist, Cultureel Centrum Scharpoord

6. Mai – 21. Mai: Mailand, Galleria Carla Sozzani

8. Mai – 21. Mai: Split, Akvarij