Kultur

Lesegewohnheiten zum Weltfrauentag: Frauenliteratur? Auf keinen Fall!

Article published on 8. März 2011
Article published on 8. März 2011
US-Frauenrechtlerin Gloria Steinem erklärte einst: „Die Wahrheit wird dich frei machen, aber zuerst macht sie dich wütend. “ Am 8. März ist Weltfrauentag, ein Tag an dem Frauen weltweit (hauptsächlich in Europa und Nordamerika) die Tatsache feiern, dass wir heute gleichberechtigter sind als je zuvor. Es ist auch ein perfekter Tag, um wütend darüber zu sein, wie viel es noch zu tun gibt.

Nehmen wir beispielsweise die Literatur. Nach Branchen-Schätzungen wird circa 60% der englischsprachigen Literatur von Frauen geschrieben. Im Jahr 2005 berichtete hingegen der britische Guardian, dass vier von fünf Männern angaben, der letzte Roman, den sie gelesen hätten, wurde von einem Mann geschrieben, während Frauen geneigt sind, gleichermaßen Bücher von Männern oder Frauen zu lesen. Viele Männer konnten sich nicht einmal daran erinnern, wann sie zuletzt ein Buch von einer Autorin gelesen hatten.

Eine informelle Umfrage, die gestern gemacht wurde, lässt vermuten, dass dieses Ungleichgewicht selbst unter gebildeten, fortschrittlichen Kosmopoliten - auch bei Mitwirkenden von cafebabel.com - besteht. Literaturpreise erzählen eine ähnliche Geschichte: In den letzten 20 Jahren war der Prozentsatz der männlichen Preisträger durchweg deutlich höher als der der Frauen: 65% beim Pulitzer-Preis für Belletristik, 70% beim Man Booker-Preis und beim Nobelpreis, 80% beim Georg-Büchner-Preis und sage und schreibe 85% beim Prix Goncourt. In den letzten zehn Jahren hat nur eine Frau den Kafka-Preis gewonnen und nur drei Frauen haben den Neustadt-Preis gewonnen. Bei Preisen für Poesie, Drama, Sachliteratur und Journalismus ist die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern noch größer.

Links zum Weiterlesen auf cafebabel.com: Award-gekrönte Frauenliteratur von Virginie Despentes, Lucia Extebarria, Doris Lessing oder Elfriede Jelinek.

Diese Zahlen besagen keinesfalls, dass Frauen daran scheitern, literarische Meisterwerke zu produzieren. Sondern es liegt zum Teil an den Marketingentscheidungen der Verlage, die die Bücher von Frauen oft der gutverkäuflichen, aber belächelten „chick lit“- Kategorie zuordnen, indem sie ihnen Schokoladenschachtel-Covers und bedenkliche Klappentexte verpassen, auf denen es von typischen Klischees wimmelt („lebensbejahend“, „berührend“, „bittersüß“, warmherzig“).

Zum anderen liegt es an bestehenden Ungleichheiten in der Boulevardpresse: die meisten etablierten Schriftsteller, Redakteure und andere „stilprägende Personen“ sind immer noch Männer. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht über Frauen im Journalismus (WiJ) offenbarte, dass 74% der Journalisten in britischen Zeitungen Männer sind, und dass in acht der zehn wichtigsten Zeitungen fast doppelt so viele männliche wie weibliche Redakteure sitzen. Zum Teil ist auch die Kulturkritik daran Schuld: die Ergebnisse der VIDA-Studie für 2010 zeigen auf, dass quer durch die einflussreichsten englischsprachigen Kunst-, Politik und Kulturzeitungen und - Zeitschriften Frauen an weniger als einem Viertel der Rezensionen in Feuilletons und Besprechungen mitwirken. Außerdem ist es 75% weniger wahrscheinlich, dass ihre eigenen Bücher rezensiert und besprochen werden, als bei ihren männlichen Kollegen.

Trotz Annäherungen in Richtung Gleichberechtigung, haben Frauen in der Literatur noch einen weiten Weg vor sich. Wenn weibliches literarisches Schaffen weniger Presse bekommt, dann wird es weniger gelesen, erhält weniger Preise, wird seltener besprochen und es ist somit weniger wahrscheinlich, dass es Teil des Kanons der großen Literatur wird. Liebe Frauen, mischt diese selbstbeweihräuchernde Männerdomäne gehörig auf. Und ihr, liebe Männer, solltet darüber nachdenken, mal neue Wege im Buchladen einzuschlagen.

Bücher von Frauen: Das haben Babelianer zuletzt gelesen

The Notebook, The Proof, The Third Lie: Three Novel (1997), Agota Kristof (Ungarn)The Pocket Atlas of Women (2008), Sylwia Chutnik (Polen)Purge (2010), Sofi Oksanen (Finnland)The News Where You Are (2010), Catherine O'Flynn; The Still Point (2010), Amy Sackville; The Sea, The Sea (2007), Iris Murdoch (UK)Die Leiden einer jungen Kassiererin (2009), Anna Sam (Frankreich)Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963), Hannah Arendt (Deutschland)

Illustration: (cc)andrewhefter/andrewhefter.com/flickr