Kultur

Les Misérables & Co.: Revolutionskino in Zeiten der Revolte

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2013
Am 21. Februar läuft Les Misérables in deutschen Kinos an. Die Internationalen Filmfestspiele in Berlin sorgten aber nicht nur dieses Jahr für Revolutionsbegeisterung auf großer Leinwand. Warum die Revolte im Jahr drei der Arabellion immer noch Skepsis hervorruft, aber auch Hoffnung macht.

Wenn sich europäische Filmemacher wieder für die Revolution interessieren, muss etwas passiert sein in der Weltgeschichte. In den achtziger Jahren stand das zweihundertjährige Jubiläum der Französischen Revolution bevor. 1982 gruben Regisseure wie Ettore Scola (Flucht nach Varennes) und Andrzej Wajda (Danton) historische Ereignisse und Personen aus. Ein lauteres Fanal als den Fall der Berliner Mauer hätte man sich im Jubiläumsjahr kaum wünschen können. Mit Ausnahme von Sophia Coppoloas Marie-Antoinette (2006) blieb es dann lange ruhig um die Revolution.

Heute, wo in Tunesien, Ägypten und Libyen Diktatoren verjagt wurden und in Syrien der Bürgerkrieg tobt, steht Revolution wieder auf der politischen Agenda. Im Windschatten der Ereignisse werden die alten Revolutionen wiederum zum Stoffreservoir für abendfüllendes Kinoprogramm. Auf der Berlinale 2012 und 2013 bekam man auf Berlins größter Kinoleinwand das volle Programm geboten: Palastintrigen, Barrikadenkämpfe, rote Fahnen, Bajonette und Kanonen, singende Studenten und aufgebrachte Volksmengen.

Volksrevolution statt Palastintrigen

Den Anstoß für die Revolutionsrenaissance im europäischen Kino hatte der französische Regisseur Benoît Jacquot gegeben. Sein Historienfilm Les Adieux à la Reine (Leb wohl, meine Königin) gewann zwar keinen Bären, lief aber als Eröffnungsfilm der Berlinale 2012. Jacquot zeigt die Revolution aus der Sicht einer Augenzeugin. Sidonie Laborde, die königliche Vorleserin am Hofe von Versailles, durchlebt die wenigen Tage zwischen dem 14. und dem 17. Juli 1789. Der Zuschauer merkt jedoch schnell: Während in Paris Geschichte geschrieben wurde (wie er weiß, aber nicht zu sehen bekommt), ging es am Hofe vergleichsweise ruhig zu.

Man kann diese Perspektivwahl als originell und historisch gut informiert begrüßen. Das Berliner Publikum schien diese off-Version der großen Französischen Revolution aber eher zu langweilen. Wo war sie denn nun, die „wirkliche“ Revolution, wie sie auf der Avenue Habib Bourghiba in Tunis und auf dem Tahrir-Platz in Kairo gerade wieder erwacht war?

Stehende Ovationen für Barrikadenkämpfer

Tom Hooper legte in diesem Jahr einige Kohlen mehr ins Feuer. Nach seinem Oscar-Erfolg The Kings Speech widmet sich der britische Regisseur mit der Musical-Variante von Victor Hugos Les Misérables einem Stoff, den viele für abgedroschen halten mögen. Dass das Berliner Publikum sich weder am klassischen Szenario noch an der Sangesfreude der Darsteller zu stören scheint (es gibt im Film kein einziges gesprochenes Wort), spricht für seine Sensibilität in Revolutionsdingen. Nur einen Tag, nachdem in Tunesien der linke Oppositionspolitiker Choukri Belaid ermordet wurde und sich mehrere zehntausend Menschen zu seinem Begräbnis versammelten, gewinnt Hugos Romanstoff ungeahnte Aktualität.

Les Misérables

Bei Hooper sieht und hört man, wie auf dem Beerdigungszug für den populären General Lamarque zwei Jahre nach der Julirevolution wieder der revolutionäre Funke übersprang. Die Szenen aus dem Jahr 1832 halten alles bereit, was Revolution im 19. Jahrhundert ausmachte: Kanonen donnern, Schüsse fallen, die Frauen von Paris waschen das Blut der Barrikadenkämpfer vom Bürgersteig. Die Reaktion trägt den blutigen und kurzfristigen Sieg davon. Die revolutionäre Hoffnung auf eine bessere Zukunft aber wirkt fort, das jedenfalls gibt das Filmende mit einigem Pathos unmissverständlich zu verstehen.

Und das Publikum? Es feiert die anwesenden Darsteller mit Zwischenapplaus, als säße es nicht vor der Kinoleinwand, sondern in der Staatsoper. Es bedenkt Tom Hooper mit stehenden Ovationen. Es pfeift, johlt und stampft: So hat man sie sich vorgestellt, die Revolution. Im Jahr 2013 weiß man wieder: Jede Revolution frisst ihre Kinder. Aber in jeder Revolte steckt auch ein Funken Hoffnung.

Illustrationen: Fotos ©Universal Pictures International Germany; Videos Leb wohl, meine Königin (cc)trailerjoy/YouTube, Les Misérables (cc)UniversalPicturesDE/YouTube