Kultur

Leonardo Moro: "Das Kino ist frei wie die Poesie"

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2013

Leonardo Moros erster großer Film „Goodnight Sofia“ ist um die ganze Welt gereist. Von Buenos Aires bis nach Melbourne wurde der Streifen des jungen italienischen Filmproduzenten gezeigt, ermöglicht durch die Creative Commons-Lizenz. Dies ist die Geschichte eine Films, der in den Straßen der bulgarischen Hauptstadt geboren wurde und mit einem Klick um die Welt reiste, frei wie die Poesie.

„Goodnight Sofia“ heißt der Films den Leonardo Moro mit seinem besten Freund und Studienkollegen Lorenzo Robusti auf Weltreise geschickt hat. Die beiden 27-Jährigen aus Spoleto, Norditalien, hatten ein Startkapital von 2000 Euro und schufen damit einen Streifen, der von Buenos Aires über Sarajevo bis Kuala Lumpur über Kinoleinwände flimmerte. Ihr Geheimnis? In zwei Worten: Creative Commons. Kein Firmenzeichen, stattdessen freie Verteilung des Films. „Ich möchte präzisieren, dass der Film alleine um die Welt reist, wir haben nicht das Geld, um mit ihm mit zu reisen“, lacht Leonardo.

Die Macht der Creative Commons

Um einen Film zu produzieren, brauche es eigentlich nur einige kleine Tricks und ein Quäntchen Klugheit, meint Leonoardo. „Wir haben etwa 1000 Euro als Startkapital festgelegt“, erzählt er. „Dann haben wir versucht, zu sparen.“ Leonardo lächelt und erinnert sich daran, wie das Filmteam auf die Nacht gewartet hat, um ungestört in den Straßen Sofias drehen zu können - und somit auch keine Gebühren für eine Genehmigung musste. Die Kommunikation ist über Skype erfolgt und helfende Hände wurden im Freundeskreis gesucht. „Momentan interessiert mich am meisten, wie ich meinen Film weit verbreiten kann“, erzählt Leonardo, der unbedingt wollte, dass Goodnight Sofia unter der Creative Commons-Lizenz verfügbar ist. Damit kann jeder, der eine Vorführung organisieren möchte, nach einer Kopie fragen und den Film bald danach gratis von der Seite downloaden.

Im Unterschied zu der wachsenden Anzahl von Künstlern, Regisseuren und Projektentwicklern auf der Suche nach der innovativsten Methode, um ihre künftigen Projekte zu finanzieren – vom Crowdfunding bis zu staatlichen Subventionen – ist Leonardo Moro nicht auf der Suche nach Geld. „Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand Goodnight Sofia anschauen und mir danach Geld anbieten wird.“ Sein Ziel sei es nicht, viel Geld zu sammeln, um immer größere und ambitioniertere Projekte umzusetzen. „Ich möchte Filme mit immer weniger Geld und mit immer kleineren Teams produzieren. Wir suchen keine Mäzene“, sagt Moro und erzählt dann von Filmfestivals, auf denen junge Regisseure Produzenten umgarnen, oft sogar richtiggehend bedrängen, um an Finanzierungsquellen zu kommen. „Wir haben keine Unterstützung bekommen, aber wir haben auch bei niemandem angefragt.“

Das Team von Goodnight Sofia möchte den Film allerdings nicht online streamen. „Ich glaube nicht an Kino im Web“, bekräftigt Leonardo. „Das Internet ist der ideale Ort, um unabhängig Inhalte zu verbreiten. Aber der Film selbst ist für die große Leinwand reserviert.“ Er erklärt, dass der Computer seiner Meinung nach nur für kurze Unterhaltungen, Blitzmeldungen und Nachrichten taugt. Dieser Grundgedanke steckt wahrscheinlich auch hinter dem nächsten Projekt von Leonardo und seiner Agentur: „The Book of Memory“. Der Film soll eine Reihe von Portraits junger Menschen zeigen, die über ganz Europa verstreut leben. Als ob eine Kamera sie neugierig aus ihren Fenstern beobachten und ihren Alltag filmen würde… ein Film, irgendwo zwischen dem Vorhang des Fensters und einem Drehbuch.

In den Straßen Sofias

Leonardos aktueller Film war von Beginn an für die große Leinwand bestimmt. Die Idee zu Goodnight Sofia wurden in einem Telefonkabel geboren, in einer dunklen bulgarischen Nacht, mit den letzten Worten seines Vaters. Leonardo befand sich in Sofia, als er das letzte Mal mit seinem Vater telefonierte, der sich zwei Monate später das Leben nahm. Im Film gibt es aber keine Spuren seiner persönlichen Erlebnisse. „Der Film ist meinem Vater gewidmet. Aber er ist nicht über ihn“,  hat Leonardo in vielen Interviews betont. Im Film spaziert die Protagonistin, Lucia Telori, durch die Straßen von Sofia und begibt sich vor dem städtischen Hintergrund auf eine innere Reise, auf der Suche nach Erinnerungen, entflohenen Gesprächen und halbvergessenen Eindrücken aus der Kindheit. Weitere Darsteller sind Domenico Pelini und Nikolina Yancheva, eine bekannte bulgarische Schauspielerin, die sich bereit erklärt hat, am Film mitzuwirken.

Leonardo hat seinen ersten Film vollkommen unabhängig geschrieben und produziert. Beruflich bezeichnet er sich als freien Videomacher. Zwischen Beruf und seiner privaten Leidenschaft zieht er eine klare Linie. Vor allem aber ist er ein überzeugter und kompromissloser Unterstützer des freien Kinos, das seiner Meinung nach sorglos und zügellos wie die Poesie sein soll. „Das leichte, simple Kino mag ich jedoch nicht besonders“, erklärt er. „Ich bevorzuge Experimente, den Gebrauch einer Bildsprache, die nicht sofort allzu offensichtlich ist.“ Als Vorbilder nennt er den Franzosen Chris Marker und die belgischen Regisseure Boris Lehman und Jim Jarmusch. „Mir gefällt es ganz gut, mich selbst als jungen europäischen Regisseur zu sehen, nicht bloß als Italiener, der versucht, Filme in Italien zu machen“, erzählt Leonardo. In Bulgarien hat er eine Stimmung vorgefunden, die er nicht erwartet hatte. „Da gab es so viel Lebenslust und Optimismus! 15 Tage haben gereicht, um das zu fühlen. In Italien habe ich all das bis jetzt noch nicht gefunden.“

Video credits: (cc) bbmfilmproductions/YouTube