Kultur

Le Corps Mince de Francoise: "Scheiß auf Trends - Wir singen das, was wir sind!"

Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2009
Das Trio kommt aus Helsinki, nimmt in Berlin auf und wird vom Vereinigten Königreich aus gemanagt. Wir treffen uns in Paris, um herauszufinden, warum LCMDF in ihrem kreischendem, oberflächlich-experimentellen Pop Männer und Finnland dissen.

“Vor zwei Tagen kam ein riesiger, betrunkener Hippie auf die Bühne und fing an mich anzupoken. Das hat uns den kompletten letzten Song gekostet.” Mia, 19 Jahre alt und Gitarristin von “Le Corps Mince de Francoise”, erzählt mit starkem finnischen Akzent von ihrer schlimmsten Bühnenerfahrung, als ihre Bandkollegen in Gelächter ausbrechen. “Ich dachte, was zur Hölle mache ich hier eigentlich, ist es das wert!” ruft ihre große Schwester, die 20-jährige Leadsängerin Emma, und lispelt dabei leicht. Mit ihren Schottenkaros und dem blutroten Lippenstift sehen sie aus wie alle anderen hippen Mädels, die auf der Pariser Terrasse von La Maroquinerie einen Drink schlürfen.

Foto: ©Spela Kasal/ spelakasal.com

In einer Stunde werden sie schreiend vor 500 Leuten irgendwo im Osten von Paris auf der Bühne stehen. Auf der Bühe stehen dann Emma, Mia und Malin, die 20 Jahre alt ist, laut, glitzernd, vergnügt und ungezwungen. Jetzt im Moment sehen sie gelangweilt aus, passend zu ihren klatschenden, rhythmischen Hits wie „Cool and Bored“ oder „Bitch of the Bitches“, das wie 'Beach of the Beaches' ausgesprochen wird. “Wir spielen jeden Abend”, erklärt Emma. “Wir machen uns Sorgen um unsere Stimmen, manchmal habe ich meine eigene nicht mehr unter Kontrolle, so laut ist sie.”

Im Schlafzimmer entstanden

Die Geschichte von „Le Corps Mince de Francoise“ begann als Emmas im Schlafzimmer produziertes Soloprojekt, als sie im Sommer 2006 mit der Schule fertig war. “Ich stellte einige Songs auf MySpace. Wir waren ungefähr 17, als wir sie schrieben. Es ist viel Selbstironie dahinter, eine Art Tagebuch von Emma M. Ich erhielt auf Anhieb Rückmeldungen”, erklärt sie. “Ich fiel im zweiten Jahr meines Graphikdesign-Studiums in Helsinki durch, weil die Band so viel Zeit in Anspruch nahm.” Mia hatte zwei Jahre lang klassische Gitarre studiert, bevor sie sich für eine Show mit Emma zusammentat. “Es war das erste Mal, dass ich E-Gitarre spielte. Nach diesem Auftritt haben wir nicht mehr aufgehört, zusammen zu spielen.” Auch Malin hat einen klassischen Hintergrund. “Ich habe niemals Synthesizer gespielt, weil ich 13 Jahre lang Klavier gelernt habe. Aber Emma kenne ich seit dem Kindergarten und wir hatten schon so viele Musikprojekte zusammen durchgezogen.”

Es ist wahrscheinlich schwieriger mit zwei besten Freunden als mit Geschwistern zu arbeiten.

“Ich finde es toll, mit meinen Freunden in der Band zusammen zu arbeiten und Spaß zu haben. Das ist die Hauptsache”, erklärt Emma und vermeidet es, auf die Geschwisterbeziehung wie bei den Gallagher oder den Davies-Brüdern einzugehen. “Wir kommen echt gut miteinander klar. Es ist wahrscheinlich schwieriger mit zwei besten Freunden als mit Geschwistern zu arbeiten.” Die Mutter der Schwestern betreibt ein Landschaftsmagazin, während der “hippe, drogennehmende” Vater (sie sagen, das sei ein Scherz), die erste Radioshow für junge Leute in Finnland aufgebaut hat. “Sie sind auch beide als Autoren tätig. Dad schreibt gerade einen Roman.” 

Fotos ©Spela Kasal/ spelakasal.com

Malin zuckt da nur die Schultern, ihre Eltern seien ganz “normal” und arbeiten als Lehrer. Aber der Name “Le Corps Mince de Francoise” (dt. “Francoises dünner Körper”) zollt ihrer verstorbenen, magersüchtigen Katze Respekt und erzählt so ein interessantes Detail aus ihrem Familienleben. Als die Myspace-Songs in angesehenen Musikblogs wie Big Stereo und Discobelle gepostet wurden, unterschrieb die Band im Vereinigten Königreich. “Wir lieben London und die Kultur”, sagt Emma. “Wir haben dort oft gespielt. In Großbritannien haben wir zwar keine Fans, aber viel Unterstützung von der Musikindustrie.” Als Haupt-Songwriterin arbeitet Emma mit einem Producer in Berlin zusammen, dorthin ist sie auch im Januar gezogen. “Wir werden viel unterwegs sein,” überlegt Mia, “also bleibe ich noch ein Jahr oder auch zwei in Helsinki, um bei meinen Freunden zu sein. “Das ist echt erholsam, wenn man lange weg war.” “Ich fühle mich in Helsinki pudelwohl,” fügt Malin hinzu. “Aber Berlin ist viel billiger”, antwortet Emma. “Ich zahle die Miete, aber ich bin nie da”. Helsinki ist weit im Norden, echt klein und so teuer wie Paris, nur dass man für denselben Preis viel weniger erhält.”

Die dunkle Seite der finnischen Musik

Jetzt sehen die Finnen “Le Korrps Mince de Frankoisy” (so wird der Bandname im Finnischen ausgesprochen) auf lokalen TV-Sendern, auf Coverseiten und in ausgewählten Locations in Helsinki. Die Band verdankt ihren Erfolg der Entscheidung, nicht auf kleinere Plattenfirmen in ihrer Heimat sondern auf globale Netzwerke setzen. “In Finnland gibt es keine Musikindustrie”, beschwert sich Emma, “und wenn dann sind die Unternehmen so klein, dass jeder jeden kennt. In Schweden ist das ganz anders, da ist das viel größer. Finnland hat viel schwermütige Musik, in Richtung Emo. Ich denke, wir sind die erste Elektro-Pop-Band, die Englisch singt,” sagt sie und spricht “pop” aus wie “pope” (dt. Papst).

Manche finden uns peinlich, aber wenigstens machen wir etwas.

“Am Anfang waren die Leute von uns echt genervt.” Es ist aber nicht so, dass die Türen jungen Leuten nicht offen stehen würden. “Niemand macht irgendwas”, sagt Emma und zuckt mit den Achseln. “Die finnische Kultur ist zu zurückgezogen und man zeigt grundsätzlich nichts, bevor es nicht perfekt ist. Mein Garagen-Demo war öffentlich zugänglich, deshalb haben die Finnen das Potential darin nicht entdeckt. Es gibt viele Neider. Manche fragen mich, wie das möglich sei. Oh mein Gott, du solltest das beruflich machen! Ich bin nur ein Mädchen! Jedenfalls gibt es ein finnisches Online-Forum, das sich schnell ausgebreitet hat und in dem sich viele junge Leute des Landes tummeln. Manche finden uns peinlich, wie im letzten Jahr, aber wenigstens machen wir etwas. Ich schreibe jetzt schon fast finnische Musikgeschichte.”

Die typischen Fans der Band sind “Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren und Männer im Alter von 25 bis 35 Jahren. Die findet man praktisch auf jedem Konzert. In der ersten Reihe die Mädels, hinten die Jungs. Wir haben irgendwas an uns, das Freaks anzieht. Ich liebe es.” Ihr nächstes Album wird wieder poppig, aber auch experimentell. Werden sie auch ihre Männer-verunglimpfenden Songs wie „Ray Ban Glasses“ beibehalten, die in der Vergangenheit schon die Journalisten von The Guardian verängstigt haben? (“I won’t date a guy if he’s still wearing Ray Ban glasses” - dt. “Ich werde keinen Typen mit Ray-Ban-Sonnenbrille daten.”) Wir machen Hipster und uns selbst gleichzeitig runter,” erklärt Emma und hat dabei eine Ray-Ban auf der Nase. 

“Wir sagen einfach: Scheiß auf Trends - wir singen über das, was wir sind. Wir sind einfach eine Pop-Band, mehr nicht. Wir machen einfach nur Musik. Von diesem feministischen Zeug hab ich die Nase voll. Die Leute stecken dich in Schubladen, in die du nicht gehören willst. Und es gibt so viele Jungs, die Zeilen wie “shake that booty” schreiben, lacht Emma. “In dem Moment, in dem du mit Worten rumspielst und es um Jungs geht, ist jeder gleich beleidigt.” “Ha, ha, I don't wear a bra-hah” (dt. - “Haha, ich hab keinen BH an”), sie fauchen, passend zu ihren berüchtigten Zeilen.

Die Mädels von LCMDF sind diesen Herbst auf Tour in Deutschland, UK und Frankreich:

18 Oktober Karlstorbahnhof, Heidelberg, 26 Oktober The Lexington London, 28 Oktober The Cavern Club Exeter, 29 Oktober We Are The Universe beim New Herp Brighton, 30 Oktober Korova Liverpool, 31 Oktober Kitsune Maison Party @ Hearn St Warehouse/ w Yuksek, Delpic, Two Door Cinemaclub London, 1 November Kasbah Nightclub Coventry (UK), 3 November Les Inrocks Festival Paris, 14 November Le Cargo, Caen (Frankreich)