Kultur

Laszlo Tengelyi: Das Problem in Ungarn Philosoph zu sein

Artikel veröffentlicht am 13. April 2011
Artikel veröffentlicht am 13. April 2011
Am 8. Januar leitete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban eine Untersuchung gegen fünf Philosophen wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder ein. Der Kopf der internationalen Petition „Schützt die Philosophen!“, ein in ein Ungarn geborener Philosoph, dessen Wahlheimat mittlerweile Deutschland ist, kommt auf die Affäre zurück.

2010 wurden die ungarischen Philosophen Radnóti Sándor, Heller Ágnes, Vajda Mihály, Gábor György und Geréby György angeklagt 440 Millionen Forint (1.1 - 1.4 Millionen Euro) veruntreut zu haben. Das Geld kam aus einem staatlichen Fonds für Innovationen im Bereich Forschung und Technologie. Die Anklage entwickelte sich im Handumdrehen zur öffentlichen Polemik und wurde als „staatliche Schikane“ von Wissenschaftlern, die sich gegen den Ministerpräsidenten aussprechen, betrachtet. Eine weltweite Gemeinschaft veröffentlichte einen offenen Brief der von 60 weltweit renommierten Akademikern, inklusive Nobelpreisträgern, unterschrieben wurde. Die profilierten deutschen Philosophen Jürgen Habermas und Nida Rümelin appellierten an die EU den Fall zu prüfen und “moralische, fundamentale Rechte in Europa” zu sichern. Indes wächst die Angst, dass diese Untersuchungen nur ein Indikator einer schlimmeren Repression gegenüber dem kulturellen Leben eines Landes sei, das zur Zeit die sechsmonatige EU- Ratspräsidentschaft inne hat. Bisher liegt noch kein Ergebnis der Untersuchung vor. Aber die Ungarn werden nicht nachgeben, weder die eine noch die andere Seite.

cafebabel.com: Laszlo, worum geht es in der Affäre eigentlich?

Laszlo Tengelyi: Nach dem politischen Wechsel 1989 bis zum Jahre 2010 wurden Wissenschaftler und Akademiker so behandelt, wie in westlichen Ländern auch. Unter der regierenden, sozial-liberalen Koalition konnten sich Wissenschaftler aller Bereiche und Gelehrte der Geisteswissenschaften für einigermaßen großzügige Beihilfen bewerben (zwischen 2004 und 2005 waren es um die 360.000 Euro für drei Jahre für die Geisteswissenschaften und zehnmal soviel für die Naturwissenschaften). Ursprünglich wurde diese „nationale Stiftung” 2001 unter der Regierung des konservativen, ungarischen Bürgerbunds Fidesz, von Professor József Pálinkás gegründet. Jener war damals Kultusminister und bis vor kurzem Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (ungarisch: Magyar Tudományos Akadémia). Zuletzt wurden sechs solcher Beihilfen gestrichen. Berichten der Zeitung Magyar Nemzet (Ungarische Nation) zufolge, die der Fidesz nahesteht, gehören diese zu einem liberalen Zirkel von Philosophen, die als Begünstigte der alten Regierung betrachtet wurden. Anfang dieses Jahres fand eine polizeiliche Untersuchung gegen vier Forschungsprojekte statt. Das System an sich, das die Gelder verteilt, wurde aber nicht untersucht, obwohl die Regierung kürzlich seine Absicht erklärte zehn weitere Forschungsprojekte ins Auge zu fassen.

cafebabel.com: Stehen diese Ereignisse in Zusammenhang mit der allgemein angespannten Stimmung, die zur Zeit im ungarischen Volk und in der ungarischen Regierung herrscht?

Laszlo Tengelyi: Fidesz wurde im April 2010 mit 53% der Stimmen und einer Zweidrittelmehrheit im Parlament gewählt. Sie verabschiedeten dann anschließend einige Gesetze, die zur Demontierung der demokratischen Institutionen beitragen. Ein Mediengesetz, das mit europäischen Normen nicht vereinbar ist, war nur die Spitze des Eisberges: der Zuständigkeitsbereich des Verfassungsgerichts wurde stark beschnitten, der so genannte „Haushalts-Rat“ wurde durch eine neue Körperschaft ersetzt, deren Präsident Mitglied der Fidesz ist und auch ihr Chefankläger ist ein weiterer Fidesz-Anhänger. Vor einem halben Jahr verabschiedete das ungarische Parlament ein Gesetz, das es erlaubt Staatsbeamte massenhaft und ohne explizite Begründung zu entlassen. Fidesz stützt sich dabei auf einen Teil der Bevölkerung, der bei der politischen Meinungsbildung nach dem 2. Weltkrieg keine entscheidende Rolle spielte. 2006 wurde gemeinsam mit einigen rechtspopulistischen Organisationen gegen die damalige Koalition demonstriert. Diese populistische Aktion fiel auf fruchtbaren Boden im öffentlichen Leben Ungarns, das von Ressentiments, Aggression, nationalistischen Vorurteilen und einer antisemitischen Stimmung geprägt ist. Zu diesem Ton gehört es auch Philosophie zu verunglimpfen, genauso wie zeitgemäße Kunst, Kino, Theater und aus politischen Bewegründen sogar die Musiker Zoltán Kocsis, András Schiff und Iván Fischer abzulehnen.

cafebabel.com: Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett zog Anfang Februar seine Unterschrift auf dem offenen Brief an die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA) zurück. Wie beurteilen Sie das Engagement internationaler Akademiker?

Laszlo Tengelyi: Das ist keine einfache Episode. Und umso bedauerlicher, wenn man bedenkt, dass die internationale akademische Gemeinschaft großen Einfluss auf das politische Leben in Ungarn ausgeübt hat. Es ist schwer für westliche Wissenschaftler sich ein verlässliches Bild einer Kontroverse machen, wenn sie die Sprache, in der der Streit geführt wird, nicht verstehen. Nichtsdestotrotz wird die Kampagne noch vehementer fortgesetzt und neue Interventionen werden benötigt. Neun bedeutende philosophische Gesellschaften in Deutschland haben den offenen Brief an den ungarischen Ministerpräsidenten und den Präsidenten der MTA unterschrieben.

cafebabel.com: Wie wird die Affäre höchstwahrscheinlich ausgehen?

Laszlo Tengelyi: Es wird sicherlich eine Reihe von Gerichtsverfahren gegen einige der angeklagten Philosophen geben. In Ungarn werden selbst die grundlegenden juristischen Prinzipien nicht immer respektiert.

cafebabel.com: Werden ungarische Philosophen das Land verlassen? Warum haben Sie sich beispielsweise vor zehn Jahren entschieden im Ausland zu unterrichten?

Laszlo Tengelyi: Die ältere Generation wäre schon fähig dazu, aber sie werden auf keinen Fall davonlaufen. Die jüngere Generation wird alles tun, um einen Job im westlichen Ausland zu finden - eine natürliche Option für einen mittel-osteuropäischen Wissenschaftler, der kürzlich ein Bürger der EU geworden ist. 2001 habe ich mich um eine Professur an einer deutschen Universität beworben, als ich noch Professor an der Eötvös Universität Budapest war. Damals ging es darum meine Forschungsprojekte fortzusetzen und auf einem höheren Niveau zu unterrichten sowie das intellektuelle Erbe meiner Vorgänger zu übernehmen und fortzuführen. Heute wird die Bedeutsamkeit dieser Alternative durch die offensichtlichen politischen Gründe noch verstärkt.

3 Fragen an Daniel Dennett cafebabel.com: Daniel, wie kamen die Informationen, die für Ihre Entscheidung relevant waren, ans Licht?

Daniel Dennett: Akademische Freunde in Ungarn aus verschiedenen Fachbereichen hatten mich per Mail mit einigen Details kontaktiert. Sie sagten mir, dass ich nur eine Seite der Geschichte gehört hätte. Da es sich um gute und vertrauenswürdige Personen handelte, die gegensätzliche Meinungen zum Ausdruck brachten, habe ich meine Beurteilung zurückgezogen. Ich weiß nicht genügend über die Sache und kann mich nicht ausreichend damit beschäftigen, um mir eine Meinung darüber zu bilden, wo nun letztendlich die Wahrheit liegt.

cafebabel.com: Sie haben angegeben, dass Ihre Entscheidung auch darauf beruhte, dass sie unfreiwillig in eine “polarisiserte Atmosphäre“ hineingezogen wurden.War das ein Grund für Ihren Rückzieher?

Daniel Dennett: Wenn ich mit noch mehr vertrauenswürdigen Informanten gesprochen und ein Dutzend Texte gelesen hätte, dann hätte ich es wohl gemacht. Aber ich beherrsche die ungarische Sprache nicht, habe mit sogut wie allen Leuten gesprochen, die ich in Ungarn kenne, und war mir der Sache trotzdem nicht sicher, um für irgendetwas anderes als Prinzipien die Hand ins Feuer zu legen.

cafebabel.com: Denken Sie, dass die ungarischen Philosophen, die sagen, sie würden strafrechtlich verfolgt, auf die Hilfe ihrer internationalen Akademikerkollegen angewiesen sind?

Daniel Dennett: Philosophen, die behaupten verfolgt zu werden, muss auf jeden Fall zugehört werden. Ihre Behauptungen müssen auf jeden Fall energisch und unparteiisch untersucht werden - und zwar von Leuten, die auch die Kompetenzen dafür haben. Ob ihnen mehr Unterstützung gebührt, ist eben die Frage, die ich momentan nicht beantworten kann.

Illustrationen: Homepage (cc)Josh Pesavento (broma)/joshpesavento.com/flickr; Daniel Dennett in Deutschland 2008 (cc)Mathias Schindler/Wikimedia