Kultur

La Rue Kétanou: „Religionen, Dealer und die Bullen“

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2014

Die Lieder der Rue Kétanou sind zu Schlagern der französischen Jugendbewegung geworden. Inspiration für ihre Musik finden die drei Musiker meistens auf der Straße, wenn sie dort ihre Gitarre auspacken. Wir sprechen mit Mourad über seine Jugend in der Vorstadt, die Angst der Franzosen und warum er nie in Saudi Arabien auftreten wird.

Die Zeiten für das französische Chanson waren schon mal besser. Serge Gainsbourg, Georges Brassens und Édith Piaf, haben zu ihren Zeiten Frankreich ein geheimnisvolles, abgründiges und einzigartiges Image eingebracht. Heute heißen die französischen Exportschlager David Guetta und Daft Punk, und die hören sich gar nicht mehr so einzigartig an. Mit Asterix und Obelix könnte man sagen, dass die Rue Ketanou eines der letzten Dörfen ist, das noch Widerstand leistet und mit französischen Chansons erfolgreich ist – immerhin schon seit anderthalb Jahrzehnten. Die Rue Kétanou ist die Kurzform für „la rue, qui est a nous“  („die Straße, die uns gehört“) und im Gegensatz zu anderen Bandnamen, ist der Name auch Programm: noch bis heute ist die Straße der wesentliche Bezugspunkt der Gruppe. Die drei Musiker Mourad Musset, Oliver Leite und Florent Vintrigner haben Wurzeln in Marokko, Portugal und Belgien. Wir treffen Mourad zwei Stunden vor seinem Auftritt beim Solidays Festival auf einer großen Wiese nicht weit vor den Toren Paris‘.

La Rue Kétanou - La Rue Kétanou

Kein Patriot

„Zum ersten Mal ist die Rue Kétanou zusammen auf einer kleinen Insel vor La Rochelle aufgetreten“, erzählt Mourad, der extra auf uns gewartet hat. Dort feierten sie ihren ersten kleinen Erfolg mit einem Straßentheater, das von ihren Liedern begleitet wurde. „Auf der Île de Ré haben wir auf der Straße gespielt und am Strand geschlafen. So mussten wir nicht campen.“ Heute haben sie ihren eigenen Tourbus, aber „wenn wir uns für eine Zeit trennen und in verschiedene Städte fahren, dann spielen wir einfach auf der Straße, um Leute kennenzulernen“, erzählt uns Mourad. Das hört sich nicht nach einer Entschuldigung dafür an, dass sie jetzt seltener auf der Straße auftreten. Eher wie ein Grünenpolitiker, der einst in der außerparlamentarischen Opposition gekämpft hat und heute trotz Abgeordnetenmandat immer noch zu jeder Demo rennt.

Im Hintergrund hört man die Schreie von Mädchen, die gerade den Bungeesprung von dem Kran auf dem Gelände wagen. Mourad ist aus Versehen mit seiner brennenden Zigarette gegen den Luftsessel gekommen, auf dem er sitzt. Jetzt sinkt der rosa Plastikstuhl langsam in sich zusammen. Schnell setzt er sich mit breitem Grinsen auf das Luftsofa gegenüber unter die weißen Rosen und erzählt weiter: „Wir wollen den Leuten, die uns hören, Hoffnung geben. Ich habe viele kleine Brüder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen.“ Er legt jetzt den Oberkörper nach vorne und zündet seine erloschene Zigarette wieder an. Seine Stirn ist in Falten, wenn er uns erzählt: „Ich bin kein Patriot, aber wenn mir mein kleiner Bruder sagt: ‚Ich ficke Frankreich‘, dann finde ich das komisch.“

Religionen, Dealer und Bullen

Mourad selbst ist in der Vorstadt groß geworden. Wanderer haben ihm dort das Gitarre spielen beigebracht. Reich wäre dort keiner gewesen, aber alle hätten dort friedlich beieinander gelebt, erinnert er sich. Heute gäbe es kaum noch jemanden, der versuchen würde, die Mauern zwischen verschieden ethischen Gruppen  zu überschreiten. Warum hat sich in der Vorstadt der Wind gedreht, wollen wir wissen. „Angst. Die Krise. Die Stigmatisierung einiger Kulturen und Religionen.“ Mourad wohnt dort nicht mehr, aber er kommt sooft wieder, wie er kann dorthin.

Die Lieder der Rue Kétanou ertönten schon zu ihrer Anfangszeit Ende der 90er Jahre auf Demonstrationen von Schülern und Studenten in Frankreich. Davon bekamen sie allerdings erst später mit. „Das machen wir nicht mit Absicht. Da wir jetzt alle Kinder haben, ist die Musik für uns die Möglichkeit zu sagen, dass hinter den grauen Mauern vielleicht ein buntes Feld verborgen ist.“ Die Gruppe tritt regelmäßig vor Gefangenen in Gefängnissen auf. Ganz freiwillig. Mourad sagt, „auch ich habe Dummheiten gemacht, als ich jung war.“ Mourad möchte nicht vergessen, wo er herkommt. In einem Theaterstück, in dem er mitspielt, trifft ein Junge, der in der Vorstadt aufwächst auf „Anhänger verschiedener Religionen, Dealer und die Bullen.“ Er versucht sich selber zu erklären, was Jugendlichen, die heute in Frankreich aufwachsen, angeboten wird. Mourad spricht immer klar, nie zweideutig. Während des Interviews wird er kein einziges Mal sarkastisch. Jemand, der an das glaubt, was er macht.

La Rue Kétanou - La guitare sud Américaine

Saudi Arabien

Musikalisch hat es die Rue Kétanou geschafft. „Wir haben unser eigenes Label, wir produzieren unsere eigene Musik, wir kümmern uns um alles vom Anfang bis zum Ende.“ Ihren Prinzipien kann die Gruppe so treu bleiben. Neulich kam ein Angebot aus Saudi Arabien. Der Gruppe wurde eine „vulgäre Summe“ für einen Auftritt angeboten. „In einem Land, das die Scharia praktiziert, habe ich keine Lust aufzutreten: das ist physisch nicht möglich. Wie sie mit den Immigranten und Frauen dort umgehen ist furchtbar.“ Bevor wir ihn später auf der großen Bühne beim Konzert von ganz weit hinten sehen, möchte er uns noch etwas über Saudi Arabien mit auf den Weg geben. „Wenn man nicht in aller Ruhe ein Bier trinken kann, dann ist das kein Land, sondern ein Flughafen.“