Kultur

Kunstoffensive auf Second Life?

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2008
Künstler kreieren und vermarkten sich vielseitig auf Second Life: Die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt verschwimmen zunehmend. Aber in welche Richtung?

Second Life ist eine von der kalifornischen Firma Linden Lab entwickelte virtuelle Welt, die 2003 das Licht der Welt erblickt hat. Ihre Bewohner konstruieren Städte, entwickeln ihren eigenen Look, handeln mit der lokalen Währung - den Linden Dollars -, schließen sich in Gemeinden zusammen oder pflegen Freundschaften. Und schaffen Kunst, indem sie die reale Welt in virtuelle Welten transportieren. Dank der Werkzeuge, die das Programm zur Verfügung stellt, können verschiedene Typen von 'Kreationen”' unterschieden werden, je nach Grad der Interaktion und Experimentierfreudigkeit der Künstler mit dem Programm.

Liz Solo: Virtuelle Versionen realer Events

Sowohl im Leben als auch auf Second Life, schlüpft Liz Solo gern in verschiedene Rollen: Musikerin, Sängerin, Performance-Künstlerin. Liz lebt in Kanada, in St. John's auf Neufundland, einer Insel nordöstlich der nordamerikanischen Küste. In jüngster Zeit hat sie ihr Online-Projekt I AM COOP ins Leben gerufen und bietet virtuelle Versionen lokaler Events an: Performances, Ausstellungen, Installationen. All dies findet auf der Insel Odyssey, einem Simulator, statt, der Second Life-Künstlern Räume, technischen Support und Dienstleistungen zur Verfügung stellt. Liz lädt freundlich zur Eröffnung ihres Projektes ein: ihr Avatar mit den langen Insektenflügeln hat in letzter Zeit Wände hochgezogen, Bäume gepflanzt und entwurzelt, mit Video-Streamings experimentiert.

(Fotos: ©Marco Riciputi)

Die Einweihung verpasse ich knapp. Auch wenn es mir leid tut. Aber in Italien ist es noch früh am Morgen. Liz hat eben aus ihrem Buch Revenge gelesen. Nun ist der Dichter Anthony Brenton an der Reihe, der einige Stücke aus seinem frisch gedruckten Werk Daybreak Saint City liest. Brentons virtuellem Alter Ego sitzen einige Avatare gegenüber. Über dem Kopf des Autors überträgt ein Video-Streaming Anthonys Gedichtlesung simultan. «Second Life ist nur eine Erweiterung des realen Lebens. Es sind zwei unterschiedliche Orte, die dieselbe Realität repräsentieren», erklärt Liz Solo. «Mir gefällt die Idee, beide Welten zu vereinen, die virtuelle und die reale», fügt sie hinzu. Das Projekt I AM COOP ist soeben angelaufen und sieht regelmäßige Veranstaltungen vor. So hat Liz auch ihr neues Solo-Album alien auf Second-Life vorgestellt.

Amazing von Liz Solo

Gazira Babeli: codiertes Ambiente

Diesen Namen sollte man sich merken: Locusolus. In dieser virtuellen Ecke tummelt sich ein großer Teil der Arbeiten von Gazira Babeli. Die Italienerin ist seit Frühling 2006 aktive Künstlerin auf Second Life, und zwar nur hier. Sie produziert das, was als "Residenten-Kunst" bezeichnet wird, da sie die Werkzeuge nutzt, die allein das Programm zur Verfügung stellt. "Die Performances nutzen Verhaltens-Codes, wie das digitale Ambiente Programmierungs-Codes nutzt", erklärt Gazira. Somit sprengt sie Grenzen und geht virtuell über die menschliche Vorstellungskraft hinaus.

Auf Locusolus kann man in einen Großteil ihrer Arbeiten eintauchen. Die eigene Identität, so mühevoll konstruiert, wird von der Installation Come Together in Frage gestellt, wo sich die Avatare in einem einzigen Haufen vereinigen. Wer sich auf Avatar on Canvas setzt, wird zu einer lebendigen, surrealistischen Skulptur, die zur ständigen Mutation verurteilt ist, bis man das Programm verlässt. Nicht einmal den Teletransportern der Installation U are here soll man vertrauen, denn hier wird eine der sicher geglaubten Fähigkeiten der virtuellen Welt in Frage gestellt: das Hin- und Herspringen zwischen den Welten auf Knopfdruck.

Come Together von Gazira Babeli

Second Front: virtuelle 'Superhelden'

Die Arbeiten von Gazira wurden in europäischen Medien wie Liberazione und La Stampa in Italien, Spiegel Online in Deutschland und El País in Spanien besprochen. Die Künstlerin war auf verschiedenen Festivals zugegen, wie dem Dutch Eletronic Art Festival in Rotterdam oder der Venice Video Art Fair. Gemeinsam mit der Gruppe Second Front war die Künstlerin auf der New Yorker Performa vertreten.

Second Front, eine Schar virtueller 'Superhelden' schließt den Kreis: es handelt sich dabei um eine Avantgarde-Gruppe, die mit darstellenden Künsten in der virtuellen Welt experimentiert und aus acht Mitgliedern besteht, inklusive Gazira und Liz Solo. Die Gruppe macht zum ersten Mal im November 2006 durch ihren Angriff auf den virtuellen Sitz der Nachrichtenagentur Reuters (die erste Agentur, die eine Redaktion auf Second Life eröffnet hat) auf sich aufmerksam und landet auf der New Yorker Performa07, der Biennale für innovative, visuelle Kunst-Performances. Hier hat Gazira - in einem unterhaltsamen Remake von King Kong, angelehnt an den Stil des unvergessenen Videospiels Donkey Kong aus den achtziger Jahren - gegen den Gorilla Kong gekämpft.

Aber auch für Second Front ändern sich die Zeiten. Wie auf dem offiziellen Blog angekündigt, könnte sich die Arbeit in der Gruppe reduzieren: viele Mitglieder sind vermehrt mit Ausstellungen ihrer auf Second Life realisierten Arbeiten im 'realen Leben' beschäftigt. Ernsthafte Kunst kann doch nur in der Realität geschaffen werden? Der einst durch Codes und intelligente Wese zum Leben erweckte Ort hat sich jedenfalls zu Gunsten des 'Real Life' entvölkert.