Kultur

Kunstexplosion Lissabon

Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2007
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2007
Wer sind die Künstler? Was wird gekauft? Wer kauft Kunst? Wer stellt aus? Eine Bestandsaufnahme des ungerechtfertigten kreativen Pessimismus in der Lissabonner Kunstszene.

Ein Morgen bei Culturgest

Miguel Wandschneider, Culturgest

Culturgest ist die größte, vermögendste und aktivste Stiftung für moderne und zeitgenössische Kunst in der portugiesischen Hauptstadt. Sie gehört zu einer der großen Banken Portugals, der Caixa Geral de Depósitos. Miguel Wandschneider, 38 Jahre, Kurator und Direktor der Abteilung für Visuelle Kunst, erzählt, dass es eine neue künstlerische Bewegung in Portugal gäbe, unter denen u.a. Künstlergestalten wie Pedro Reis und Vasco Araujo herausragen. Als Kurator hat es sich Wandschneider seit 2004 unter anderem zum Ziel gemacht, neben portugiesischen Künstlern "große Namen der internationalen Kunst wie The Atlas Group oder Robert Moulène anzuwerben, um exklusive Eigenproduktionen und Projekte speziell bei Culturgest umzusetzen." Dies hat viele junge Künstler motiviert. Nach 10 Jahren als Kurator glaubt Wandschneider, "dass die Situation Portugals in seiner Randlage viele lokale Künstler daran hindert, sich zu öffnen und ihre Kunst außer Landes zu zeigen." Er fügt hinzu, dass "die Anhängerschaft moderner Kunst in Lissabon sehr klein sei, was auf die fehlende Konkurrenz zwischen Kunststiftungen, Galerien und Künstlern zurückzuführen ist".

Galerie ZDB: der letzte Schrei

Im Lissabonner Trendviertel Bairro Alto befindet sich eine Einrichtung und eine Gemeinschaft unabhängiger Künstler, die 1994 gegründet wurde, erklärt uns Natxo Cheka, der seit 39 Jahren in Lissabon lebt: Das Kollektiv Galeria ze dos Bois (ZDB). Die zentrale Idee dahinter war immer, dass die Künstler ihre eigenen Projekte ohne kommerzielle Hindernisse umsetzen können. Hier mischen sich Künstler, die an neuen Projekten arbeiten, mit bereits ansässigen, die ihre Werke ausstellen." Bei so vielen neuen Werken mangelt es nicht an Kunstsammlern und Kuratoren aus ganz Europa, da in der Einrichtung ganze Projekte produziert und verkauft werden: Fotografien, Malerei, mixed media, Installationen und eine ganze Reihe von Performances. Cheka glaubt, dass "es heute weniger Hindernisse für einen einheimischen Künstler gibt, der seine Werke im Ausland ausstellen will".

Der junge angolanische Künstler Yonamine bei ZDB

ZDB berücksichtigt die internationale Kunstszene. Der 32-jährige, angolanische Maler Yonamine arbeitet in diesem Winter an einem neuen Werk, das 2008 präsentiert werden soll. Er ist seit 2 Monaten in Lissabon und glaubt, dass "diese Erfahrung ihm von großer Hilfe sein wird, um die Vorstellungen in seinem Kopf perfekt umzusetzen". Er schränkt ein: "Es gibt keinen idealen Ort, um Kunst zu erschaffen. Das wichtigste seien die Menschen, die den Ort gestalten."

Francisco Vidal, ZDB

In einem anderen Stockwerk von ZDB treffen wir einen weiteren Künstler, der fieberhaft an einem Projekt arbeitet. Francisco Vidal ist in Lissabon geboren und aufgewachsen. Er hat hier Kunst studiert. Dies ist sein zweites Projekt für ZDB. Er glaubt, dass "Lissabon und ZDB der ideale Ort sind, um Kunst zu erschaffen."

Módulo: Pionierarbeit

Teixeira in seinem Büro

Nächster Halt: Galerie Módulo, ein Ausstellungsraum, der auf visuelle Kunst spezialisiert ist. An seinem Direktor und Besitzer, dem 50-jährigen Mario Texeira da Silva, führt im Bereich der zeitgenössischen, portugiesischen Kunst kein Weg vorbei. Seit den siebziger Jahren nimmt er an bedeutenden Kunstmessen teil. "Zu jener Zeit waren die Grenzkontrollen streng, die Ausfuhr von Kunstwerken fast unmöglich", erinnert er sich. Er versichert, dass es heute eine neue Generation junger Künstler mit wichtigen Werken gäbe. Trotz seiner positiven Meinung über die neue portugiesische Kunst und den Freiraum, den die EU geschaffen hat, beharrt er darauf, dass "es für einen Künstler in Portugal nicht leicht sei groß herauszukommen. Gründe dafür sind eine nicht existierende staatliche Unterstützung sowie die Tatsache, dass viele Konservatoren und Künstler es eilig haben, Werke auszustellen, die nicht hundertprozentig ausgereift erscheinen".

Unser Favorit: Catarina Botelho

Die Fotografin Catarina Botelho, die vor 26 Jahren in Lissabon geboren wurde, wollte eigentlich Malerin werden. Sie glaubt, "dass zwar mehr Bewegung und Dynamik unter den neuen Lissabonner Künstlern" herrscht, man aber nicht von einem Boom sprechen könne. Sie reiht sich in die pessimistische Sichtweise der vorherigen Interviewpartner ein und erzählt, wie schwer es für einen Fotografen sei, an europäischen Ausstellungen teilzunehmen. "Was die Fotografie angeht", präzisiert sie, "so gibt es keine Schule oder Kunstrichtung, weil es hier auch keine Tradition derselben gibt". Ihr ist bewusst, dass sie nur Erfolg haben kann, wenn sie die Grenzen Portugals überschreitet.