Kultur

Kulturzentrum Puerto Giesing in München: Aus alt mach' neu!

Artikel veröffentlicht am 17. September 2010
Artikel veröffentlicht am 17. September 2010
Als Folge der Wirtschaftskrise wurden zahlreiche Firmen, Unternehmen und Ladenketten geschlossen. Leerstehende Gebäude gehören mittlerweile in vielen Städten zur Realität. So wie das ehemalige Kaufhaus Hertie in München, das sich jetzt als Kulturzentrum wieder entdeckt: Das Experiment nennt sich Puerto Giesing und hat das kleinbürgerliche Bild der „nördlichsten Stadt Italiens“ revolutioniert.

Edeltraut, Bernd, Wanitta, Doris und die anderen kommen im Gänsemarsch aus dem Hauptraum im dritten Stock des Hertie-Hauses. Was daran so ungewöhnlich ist? Das Kaufhaus Hertie im Münchner Stadtteil Giesing wurde vor einem Jahr geschlossen. Bankrott.

Seit der Schließung beherbergt es ein Kulturzentrum

Wirtschaftskrise, falsche Investitionen - Hertie scheint nur eine von vielen Ladenketten zu sein, die es nicht geschafft haben und vor dem "Riesen" Kapitalismus die Waffen strecken mussten. Und doch gab es hier von Anfang an auch etwas anderes: Eine Reaktionsbewegung die bereits erahnen ließ, dass aus der Asche dieses Beton-Phönix etwas völlig Neues emporsteigen würde. Und den Scharen von jungen Leuten nach zu urteilen, die in und aus dem nun Puerto Giesing genannten Gebäude strömen, muss es sich dabei um etwas sehr Anziehendes handeln.

Der Niedergang des Wirtschaftssystems als Hauptdarsteller

Doch der Reihe nach: Vor einem Jahr macht Hertie dicht und veranstaltet einen Ausverkauf all dessen, was das Rückgrat eines jeden Kaufhauses, das etwas auf sich hält, ausmacht: Regale, Kleiderständer, Schreibtische, Tische, Stühle, alles wird für wenige Cents verschleudert. Die Menge drängt sich zusammen, beinahe im Bewusstsein, Zuschauer eines traurigen Schauspiels zu sein, dessen einziger Hauptdarsteller der Niedergang des Wirtschaftssystems ist. Bei einigen von ihnen handelt es sich vermutlich um die ehemaligen Angestellten, die der krankhaften Versuchung nicht widerstehen konnten, ihre Welt ohne jeglichen Glanz und ohne den Schmuck zu sehen, die zur Vorstellung eines jeden respektablen Verkaufsplatzes gehören – die Verführung des Kunden ist Teil des Spiels.

Im Zentrum herrscht ein Nebeneinander von alten und neuen "Bewohnern"Weitere Augen sind an jenem Tag zugegen, andere Figuren, Zuschauer und Hauptdarsteller, die in sich selbst das Geschehene zu verkörpern scheinen: Ein Heer aus Schaufensterpuppen, nackt, die zusammen mit der Kleidung auch ihr Lächeln, das sich jemand für sie ausgedacht hatte, verloren zu haben scheinen. Es ist ein makaberes, aber anziehendes Schauspiel und entgeht als solches nicht der Aufmerksamkeit einer Gruppe Fotografen, Mitglieder von hitApic, die diesen Tag dokumentieren ohne auch nur zu ahnen, dass es an ihnen sein würde, die einzelnen Phasen der „Wiederauferstehung“ dieses Gebäudes zu verfolgen.

Puerto Giesing, ein Taubenschlag

Denn was tun mit einem komplett leer stehenden Gebäude, das Gefahr läuft, monatelang ungenutzt und geschlossen zu bleiben? Die Antwort der Stadt München lässt nicht lange auf sich warten: Die Räume würden jungen Künstlern gegen einen symbolischen Obolus für die Wasser- und Stromkosten überlassen.

Seit diesem Tag gleicht Hertie, das neue Puerto Giesing, einem Taubenschlag: Junge Leute putzen, streichen, gestalten die Räume, die nun ein völlig neues Aussehen haben. Es gibt Modeateliers, Rockbands, Designer und inzwischen auch zwei neue Clubs, in denen man jede Woche Lifemusik hören, oder auch einfach nur etwas trinken kann und deren Atmosphäre so gar nichts mit den typischen Lokalen der Münchner Schickeria gemein hat. Im Erdgeschoss werden Ausstellungen organisiert, aber auch improvisierte Trödelmärkte und künstlerische Installationen.

Das Alte im Neuen

Die Gruppe hitApic, bestehend aus Wolfgang Filser, Manuel da Coll und Erwin Rittenschober hat einen kleinen Raum im zweiten Stock, eine Dunkelkammer, und ausgerechnet hier werden die analogen Fotos entwickelt - die Methode wird quasi zu einem greifbaren Symbol für die „alten Zeiten“, genau wie Hertie. Die Fotos dokumentieren die Entwicklung dieses Gebäudes und seine zweite Jugend. Auch die ehemaligen Hertie-Mitarbeiter haben inzwischen ein neues Leben, eine neue Arbeit, wurden in neue Filialen versetzt, haben neue Kollegen gefunden. Aber einmal im Monat überkommt sie die Sehnsucht, und sie treffen sich mit den alten Freunden und Kollegen in der alten Stammkneipe zu einem Schwätzchen, „weißt du noch, als die Doris… ", plaudern über den neuen Arbeitsplatz, schwelgen in Erinnerungen.

Letzten Sonntag haben sie sich im Puerto Giesing, „ihrem Hertie“ getroffen: Das Alte im Neuen, die Symbiose zweier Realitäten. Und beim Hinausgehen haben sie sich umgesehen, haben mit ein bisschen Skepsis die neuen Bewohner jenes Ortes beobachtet, der ihnen nun so fremd geworden ist.

Doch auch Puerto Giesing wird nicht von langer Dauer sein: Der Abriss des Gebäudes ist für das kommende Jahr geplant.

Fotos: ©hitApic/hit-a-pic.de; Video: ©Hauskapellmeister/YouTube