Kultur

Kubas Kreativität der Straße

Artikel veröffentlicht am 24. März 2008
Artikel veröffentlicht am 24. März 2008
Der erste Artikel unserer 'rock & backpack' Serie führt uns in das kulturelle Zentrum Kubas - nach Havanna, wo jeder kreativ werden kann, aber nur wenige davon Gebrauch machen.

Eine seltsame Mischung aus Mangoduft und Benzingeruch liegt in der Luft. So riecht Havanna. Die abgeblätterten und verblichenen Fassaden der Herrenhäuser werfen ihren dekadenten Schatten in diese Stadt der Gegensätze, die im Inneren ihres labyrinthisch verschlungenen Straßengewirrs kleine Schätze verbirgt. Der wichtigste unter ihnen ist zweifellos die Callejón de Hamel - die Hamelgasse. Eine bunte Enklave inmitten des grauen und glanzlosen Stadtteils Cayo Hueso: Die Mauergemälde sind die ersten, die der afrokubanischen Kultur gewidmet wurden.

Callejon de Hamel (Kuba) - Indianapolis Museum of Art

Wundergasse

Dieses facettenreiche Gebiet kanalisiert alle Arten künstlerischen Ausdrucks. Spirituelle Bilder - Orishas (Heilige), Nkisis (Geister) und Götter - und niedergeschriebene existenzielle Gedanken bedecken die Wände dieses öffentlichen Durchgangs.

Bildhauerische Figuren entfliehen den Wänden und hauchen den Kindern von Hamel Leben ein. Nach der Legende kommen und gehen die Kinder in die Gasse, ohne gesehen zu werden. Dabei spielen sie und vergnügen sich mit den seltsamen Recycling-Müllfiguren, die sie auf der Straße finden. Ostereier, die Telefonleitungen verstecken, alte große Badewannen, die über Köpfen schweben, riesige Totems auf der Suche nach dem Himmelreich oder ein allgegenwärtiges Wandbild eines Auges, das den Betrachter im Vorbeigehen zu mustern scheint.

Der Künstler schafft für seine Gemeinschaft

Am Eingang bietet eine kleine Bude Devotionalien an: Samen, Halsketten, Wurzeln und Tränke. Der Glaube an die Verkörperung der Geister in der Natur stammt aus der katholischen Religion und von afrikanischen Gottheiten. Zauberei, Aberglaube und Rituale fließen zusammen. Auf diesen magischen Verkaufsstand folgt die Werkstatt von Merceditas Valdés. Hier bietet der aus der Stadt Camagüey stammende Salvador González Escalona seine Werke an. Der künstlerische Ruf des Bildhauers und Malers - der seine Inspiration aus der afrokubanischen Tradition schöpft - sowie seine enge Verbindung mit dem Menschen lassen den Künstler seit mehr als 20 Jahren eine nützliche Wirklichkeit schaffen.

Dazu nutzt er die dort ansässige Gemeinschaft, die er mit seinen eigenen Werken unterstützt. "Das Ziel meines Projekts ist es, die schaffende Kunst zum Volk zu bringen, weil sie Teil ihrer eigenen Identität ist", erzählt er. Weit davon entfernt sich auf Ausstellungsräume zu beschränken, bietet die Gasse eine Unmenge an Bildungs- und Vergnügungsaktivitäten, die vor allem an die Jüngsten gerichtet sind. Die Gemeinschaft organisiert Theateraufführungen, Lesungen, Malkurse und Konzerte. Den Rhythmus bestimmen die traditionellen kubanischen Klänge, wie Bolero, Feeling, Swing oder der Danzón, die Zeiten von politischer Unruhe und musikalischem Glanz in Erinnerung rufen.

Klicken Sie auf 'x' in der oberen linken Ecke, um die Slideshow noch einmal zu sehen. (Fotos: ©Marc Paso Mateu)

Gemeinschaft und Kommunismus sind nicht das gleiche

Die Mauerphilosophie in der Callejón de Hamel nimmt eine neue Dimension an. Im Gegensatz zu dem, was auf den revolutionären Wänden und Fassaden Kubas zu sehen ist, beansprucht die städtische Kunst, die Salvador kreiert, sowohl die ethischen und historischen Werte als auch die ästhetischen zu zeigen. Die Situation der Kunst auf Kuba, die auch den Machtmechanismen geschuldet ist, kleidet sich in hohle Verheißungen wie Innerhalb der Revolution: Alles! Gegen die Revolution: Nichts!. Die 'Führung' zerstreut jeden Versuch, der Revolution zu entkommen, indem sie zirka 200 Kunsteinrichtungen und die Postproduktion ihrer Werke kontrolliert.

1989 bildete sich langsam eine Art Schirmorganisation für Projekte und Programme kultureller Entwicklung heraus. So wurde 1990 das Projekt Callejón de Hamel ins Leben gerufen. Die Gründung fiel in einen Krisenmoment, in dem Kuba durch das Verschwinden der UdSSR noch mehr von der Welt isoliert wurde. Daneben gibt es Projekte, wie das des El Callejón del Poeta, La Casa del Niño und La Casa de la Niña oder das Stadtteilbüro für integrale Umwandlung (Taller de Transformación Integral). Diese künstlerischen Initiativen haben außerdem zu weniger Jugendkriminalität in Havanna geführt.

Hamel: Händler und Held

In einer in die Wand eingelassenen Ecke erzählt ein älterer Mann, als würde es sich um eine alte Piratengeschichte handeln, wie dieses kleine künstlerische Paradies geboren wurde und sich weiterentwickelte: "Fernando B. Hamel war ein berühmter französisch-deutscher Waffenhändler gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Nachdem er versucht hatte Florida zu erreichen, kam er auf der Flucht vor den Nordstaatentruppen der Vereinigten Staaten mehr oder weniger durch Zufall an die Nordwestküste Kubas." Hamel ließ sich nahe der damals eher bescheidenen Siedlung von Havanna nieder, wo er nach und nach zu einem angesehenen und wohlhabenden Handelsmann wurde. Er gründete eine kleine Gießerei und eine Siedlung, in der seine hauptsächlich afrikanischen und chinesischen Arbeiter komfortable Unterkünfte genossen, etwas Ungewöhnliches zu dieser Zeit. Nach der Krise von 1929 verlor Hamel alles und verschwand ohne eine weitere Spur. Zurück blieb nur die Erinnerung an ihn.