Kultur

Kostümierter Geschlechterkampf bei Katarzyna Kozyra

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2008
Die 45-jährige polnische Künstlerin, die einen Skandal nach dem anderen provoziert, erforscht das Thema des Körpers als Kostüm, indem sie sich in Stereotypen versetzt und prüft, wie es ist, eine 'echte Frau' zu sein.

Kozyra studierte Germanistik an der Warschauer Universität und Bildhauerei an der Akademie der Schönen Künste. Die Bildhauerei hat sie nach dem Studium gegen modernere Techniken wie Fotografie, Videodreh, Installation und Performance ausgetauscht. 1997 wurde sie mit dem Magazinpreis 'Paszport Polityki' als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet. 1999 erhielt sie die Ehrenauszeichnung der 47. Biennale in Venedig. Mediale Berühmtheit erlangte sie durch ihre Diplomarbeit Tierpyramide (1993), inspiriert durch das Märchen Die vier Stadtmusikanten der Gebrüder Grimm. Das Kunstobjekt besteht aus aufeinander gestellten toten, ausgestopften Tieren - einem Pferd, einem Hund, einer Katze und einem Hahn. Im Jahr 1995 hat sie eine Serie großformatiger Fotos mit dem Titel „Blood Ties“ kreiert, die nackte Menschen vor dem Hintergrund religiöser Symbole inszeniert. In der Filmtrilogie Boys (2001-2002) wiederum begibt sich die Künstlerin auf die Spuren männlicher Verhaltensmuster.

Seit 2003 realisiert Katarzyna Kozyra das Projekt In art dreams come true, an dem die Berliner Drag Queen Gloria Viagra und der polnische Gesangslehrer Maestro (Grzegorz Pituej) beteiligt sind: sie entführen Kozyra in ihre Welt der Nachtclubs und Opernhäuser, zeigen gesellschaftlich verinnerlichte Stereotypen der idealen Frau. Kozyra versetzt sich in der Performance in Madonna, eine Operndiva, eine Drag Queen, ein Cheerleader - der Körper fungiert dabei immer als Kostüm.

Überschreitest Du irgendwelche Grenzen bei Deiner Arbeit?

Wenn man etwas Außergewöhnliches macht oder es das erste Mal tut, muss man zuallererst eigene Ängste überwinden. Plötzlich bist du auf einem anderen Terrain. So war es beispielsweise mit der Tierpyramide: normalerweise geht ein Künstler in ein Geschäft und kauft Material. Ich habe beschlossen, dass ich von Anfang bis zum Ende des Prozesses der Tiertötung und -ausstopfung anwesend sein möchte.

Wie ist die Idee zur Tierpyramide entstanden?

Ich war im vorletzten Jahr meines Studiums und musste anfangen, mich für mein Diplom vorzubereiten. Damals hat mich der Körper fasziniert: er war unvollständig, weit entfernt von Normen. Dann kam mir das Märchen der Gebrüder Grimm in den Sinn. Im Endeffekt hat sich dann herausgestellt, dass es überhaupt nicht märchenhaft ist.

Hattest Du so heftige Reaktionen auf die Tierpyramide erwartet? (die Öffentlichkeit hatte die zweckmäßige Tötung der Tiere kritisiert, A.d.R.)

Nein, meine Arbeit erschien mir selbstverständlich. Es kam mir nicht in den Sinn, dass Betrachter sich dermaßen distanzieren würden. Plötzlich sollte sich herausstellen, dass ich die Person bin, die Tiere tötet und daraus irgendwelche Vorteile schöpft, obwohl jeder Fleisch isst.

Klick auf die Slideshow, um Katarzyna Kozyras Fotoserien zu sehen!

(Slideshow von Cédric Audinot)

Wie hast Du auf die Zensur der Fotoausstellung Blood Ties zum Papstbesuch in Polen reagiert?

Das war lächerlich. Als der Papst angekündigt hatte, nach Polen zu kommen, ist jemandem eingefallen, dass die Fototafeln den Papst fürchterlich beleidigen könnten. Der Papst sollte keine nackten Körper auf Reklametafeln sehen. Völlig absurd.

Kommt es Dir darauf an, zu schocken?

Wenn ich mich in eine Problematik vertiefe, kommt es mir gar nicht in den Sinn, dass meine Arbeit jemanden schocken könnte.

Symbolisiert das Tragen einer Penis- oder Vaignaatrappe das Verwischen der Grenzen zwischen den Geschlechtern?

Die Jungen wurden von mir in eine unbequeme Situation gebracht - ich habe die Kamera positioniert und ihnen gesagt, dass sie machen können, was sie wollen. Jeder würde sich komisch fühlen, wenn er zu einer Fotosession eingeladen würde und keine Instruktionen bekommt. Sie kamen sich sicherlich wie Objekte vor. Ich wollte sie in eine Art Opferposition versetzen, damit sie in sich selbst suchen müssen, um zu handeln und sich nach außen zu präsentieren. Dann haben sie anfangen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Die Bänder, die sie trugen, müssen nicht unbedingt eine Vagina darstellen. Manche finden, dass sie wie Tulpen aussehen.

Basiert Verhalten auf Geschlechterunterschieden?

Wahrscheinlich schon. Obwohl, eigentlich weiß ich das nicht. Darum arbeite ich auch an meinen Projekten, weil mich solche Fragen bewegen. Werde ich als Mann anders wahrgenommen? Wenn mir jemand sagen würde, dass ich ab jetzt ein Mann sei, dann würde ich mich darauf konzentrieren, mich wie ein Mann zu verhalten, um mich nicht lächerlich zu machen oder vom Rest abzuheben.

Wie reagierten Kritiker und Publikum auf die inszenierte Kastration?

Die männlichen Besucher haben fürchterlich mitgefiebert, obwohl sie wussten, dass es sich um einen künstlichen Penis aus Plastik handelte. Frauen wiederum hat es größtenteils amüsiert. Ich weiß nicht einmal, ob diese Reaktionen authentisch sind. Vielleicht regen sich die Leute auch gar nicht so sehr über die Kastration auf, sondern deshalb, weil das Glied sich anschließend in Begleitung des Ave Maria in den Himmel erhebt.

Woher kommt der Drang zum ständigen Kostümieren in Deinen Arbeiten?

Kinder, die sich vom Rest abheben, tun dies meistens unbewusst. Bis es ihnen jemand sagt. Ich will zeigen, dass das alles nur Kostüme sind. In einem Kostüm verhältst du dich wie ein 'Negativ'. Du weißt, dass du nicht du selbst bist und kannst dich folglich auch nicht blamieren.

(Foto: ©Katarzyna Kozyra)

Warum hast du das Lied Cheerleader von Gwen Stefani als Leitmotiv für eine Videoserie gewählt?

Es kam mir nicht ganz dumm vor und einigermaßen schwierig, weil ich eine Drag Queen in Stefani sah, die versucht hat, zu singen und nur schwer zurechtkam. Obwohl sie gut singen kann. Außerdem gefällt mir der Text - "take a chance you stupid hoe".

Cheerleader (Foto: Katarzyna Kozyra)

Worum geht es genau im Projekt Lou Salome?

Mir gefiel es, dass die Dame sehr bewandert war und die größten Dichter und Denker der Epoche ihre Liebhaber nannte (Nietzsche und Rilke - A.d.Red.). Ihre Verbundenheit war nicht nur intellektuell, sondern auch sexuell. Doch sie pflegte Distanz, befruchtete ihre Sinne als intellektuelle Muse, entzog zu Zeiten aber ihre Körperlichkeit. Sie waren hechelnde Hunde - und sie hielt sie an der Leine.

Gibt es Grenzen, die Du nicht überschreiten würdest?

Wahrscheinlich den eigenen Ekel. Es gibt Situationen, in denen man den physischen Ekel nicht mehr mit Hilfe des Verstandes besiegen kann. Ich habe beispielsweise Angst vor toten Körpern.

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