Kultur

Kosovo: Hiergeblieben!

Artikel veröffentlicht am 2. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 2. Januar 2008
Es sollte eine verlockende Perspektive für junge Kosovaren sein, eine Region, die durch 50 Jahre Kommunismus und einen schier unlösbaren ethnischen Konflikt gezeichnet ist, zu verlassen. Dennoch entscheidet sich ein Großteil derer, die das Land zum Studieren oder Arbeiten verlassen, zurück zu kommen. Und zwar endgültig.

Fast 50 Prozent Arbeitslosigkeit, ein florierender Schwarzmarkt, ein jährliches Pro-Kopf-BIP von 1000 Euro und endemische Korruption: die wirtschaftliche Lage im Kosovo lässt nicht viel Platz zum Träumen. Wer die Möglichkeit hat, das Land zu verlassen, dem könnte eine Rückkehr absurd vorkommen.

Ein Beispiel der Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte ins Ausland, die ganz Europa bedroht anzustecken, ist Polen. Trotz blühender Wirtschaft haben viele junge diplomierte Polen - Ärzte, Ingenieure oder Architekten - nicht gezögert, ihr Glück im Westen zu versuchen, dem Ruf der europäischen Sirenen folgend. Die heutige Regierung in Warschau versucht, die Fachkräfte zurückzugewinnen. Vergeblich.

Szenarien wie diese stoßen bei der kosovarischen Jugend auf wenig Verständnis. "Warum hätte ich in Schweden arbeiten sollen?" fragt sich Miranda, eine junge Informatikerin, die im letzten Jahr in Skandinavien einen Masterstudiengang absolviert hat. "Man hat mir dort eine Arbeitsstelle angeboten. Ich habe sie jedoch abgelehnt, um nach Priština zurückzukehren. Denn hier kann ich für die Zukunft meines Landes arbeiten."

Miranda gehört zu einer jungen Generation, die während der NATO-Angriffe auf Serbien 1999 aus den Kinderschuhen gewachsen ist und, im Gegensatz zu ihren Eltern, die die kulturellen Repressionen der Ära Miloševi miterlebt haben, die Möglichkeit hatte, studieren zu können.

Zwischen 1986 und 1999 bleibt die Universität von Priština der albanophonen Gemeinschaft verschlossen, auch wenn mehrheitlich Albaner im Kosovo leben. Die Lehrveranstaltungen fanden ausschließlich auf Serbisch statt.

Zukunftsvisionen

Eine der größten unfertigen Achsen in Priština: der Mutter Teresa Boulevard (Foto: ©Andrea Decovich)

Miranda sieht ihre Auslandserfahrung als einen Trumpf für die Entwicklung des Kosovo. "Jetzt, wo ich zurückgekehrt bin und hier arbeite, warum sollte ich zukünftig nicht eine Zusammenarbeit mit den Forschungslabors in Schweden ins Auge fassen? Ich habe das Land kennengelernt und Kontakte geknüpft. Wir könnten die Strukturen in Priština ausbauen und andere junge Leute nach Schweden zur Ausbildung schicken. Auf diese Weise könnte meine Erfahrung anderen nützen."

Die Jugend im Kosovo, die fast die Hälfte der zwei Millionen Einwohner ausmacht, bewertet die Möglichkeit eines Auslandstudiums für die Zukunft weiterhin als wichtig. Die Rückkehr in die Heimat ist jedoch bei weitem keine Ausnahme.

Velmir und Besart, zwei Studenten der Internationalen Beziehungen an der Universität von Priština, haben den Kosovo noch nicht einmal verlassen. Schon jetzt wissen sie aber, dass sie zurück kommen werden. Velmir möchte nach Frankreich, Besart in die USA.

"Ich möchte hauptsächlich weggehen, um wiederkommen zu können", erklärt Besart. "Um alles, was ich lernen kann, wieder hierher mitbringen zu können. Neue Ideen, praktische Erfahrungen." Diesen Rückkehrwillen erklärt Besart mit der Verfassung: "Dort steht geschrieben, dass wir dem Kosovo dienen müssen", macht er deutlich. "Aber es ist mehr als eine Pflicht. Ich weiß nicht, wie ich es mit Worten ausdrücken soll: es ist etwas, dass dich bis aufs Knochenmark trifft."

Stipendien und Visa

Die Universität von Priština ermutigt ihre Studenten, ins Ausland zu gehen. Das Büro für Internationale Beziehungen versteckt seine Ambitionen trotz bestehender Schwierigkeiten nicht. "Etwa 200 Studenten jährlich gehen ins Ausland. Nur 50 davon sind jedoch in Besitz eines Stipendiums. Der Rest finanziert sich seinen Aufenthalt aus eigener Tasche", erklärt Jahona Lushaku, die Verantwortliche des Büros.

"Eines der größten Probleme ist das Visum. Wir sind nicht Teil des europäischen Raums und somit ist die Prozedur langwierig und teuer, etwa 60 Euro pro Student." Was das Studienziel angeht, so liegt Europa in der Wahl an erster Stelle. Viele Kosovaren haben dort Familie.

Wenn Miranda, Velmir und Besart sagen, dass sie mit neuen Kompetenzen in den Kosovo zurückkehren wollen, folgen sie auf diese Weise indirekt der Politik ihrer Regierung: "Das Entsenden von Studenten ins Ausland folgt des Öfteren einer sehr speziellen Nachfrage. Wenn der Energieminister beispielsweise bemerkt, dass er zwei Spezialisten für jene Thematik braucht, bietet er zwei Stipendien bezüglich dieser Problematik für Studenten an und stellt sie nach ihrer Rückkehr ein", betont Lushaku.

Um mit dem europäischen Modell übereinzustimmen und den Austausch zu erleichtern, beabsichtigt die Universität von Priština den Bologna-Prozess progressiv umzusetzen. "Unser Ziel ist es nicht allein, Studenten ins Ausland zu schicken, sondern auch dass wir welche aus ganz Europa empfangen. Im kommenden Jahr wird ein neues Programm erstellt, das 'CEEPUS' (Central European Exchange Programm for University Studies): 100 Studenten der Uni werden weggehen und wir empfangen 100 ausländische Studenten."

Ausländische Organisationen wie das Institut Français, das Goethe-Institut oder der British Council bieten ebenso Finanzierungsmöglichkeiten an, um junge Leute zum Weggehen zu ermuntern. "Sie lassen die Studenten Verträge unterschreiben, welche eine Klausel enthalten, am Ende des Studiums zurückzukehren", erzählt Lushaku. "Auch sie wollen die jungen Leute mit Abschluss an den Kosovo binden. Da, wo man sie am meisten braucht."

Generation post-1999

"Die jungen Menschen, die heute von hier weggehen, kommen zurück. Sie wissen, dass sie bessere Job-Möglichkeiten als die Gebliebenen haben", stellt Ilir Hoxha fest. Er ist für ein Jugendprojekt verantwortlich, das sowohl von der Weltbank als auch von der Regierung in Priština finanziert wird. Hoxha selbst hat einen Masterabschluss im Management von Gesundheitssystemen der renommierten London School of Economics (LSE).

"Vor dem Krieg ging man aus Verzweiflung, denn es gab keine Zukunft im Kosovo. Heute ist das anders. Die Unabhängigkeit ist eine große Herausforderung. Sie ist schwierig zu meistern, wird aber voraussichtlich positive Wandlungen mit sich bringen. Und dafür brauchen wir unsere Jugend", fügt Hoxha hinzu.

Wenn die jungen Menschen mit Hochschulabschluss bereit sind, in den Kosovo zurückzukehren und langfristig dort zu bleiben, um ein neues Land zu erschaffen: was wird dann aus den ärmeren Bevölkerungsschichten? Miranda ist sich ihrer heiklen Antwort bewusst. "Sie träumen ausschließlich davon, nach Amerika auszuwandern, um dort zu arbeiten. Dafür wären sie bereit zu sterben. Genau deshalb müssen wir unser Land nach vorne bringen: damit die Kosovaren Lust haben, hier zu leben."