Kultur

Körperwelten: Eine Scheibe Mensch, bitte

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2008
Mit seiner Ausstellung 'Körperwelten' hat Plastinator Gunther von Hagens in ganz Europa Furore gemacht. In Guben kann der Besucher seit November 2006 haargenau verfolgen, wie Leichen zu anatomischen Plastinaten verarbeitet werden. Ein Verfahren, das die Grenzen zwischen Kunst und Medizin neu auslotet.

Makaber? Gunther von Hagens neueste Idee, hauchdünne 'Scheibchen' als nette Wohnzimmeraccessoires nun auch an Privatpersonen zu verkaufen, stieß letzte Woche im Namen der Ethik auf so heftige Kritik, dass der Plastinator aus Guben seine Geschäftsidee kurzerhand auf seiner Website wiederrief.

Doch wo und wie die 'Scheibchen Mensch' hergestellt werden, kann sich seit November 2006 jeder im so genannten Plastinarium in Guben, einem kleinen Ort an der deutsch-polnischen Grenze, ansehen. Foto: ©Anika KlossBeim Betreten der "weltweit einzigen Schauwerkstadt" für Plastinate ist man fast allein, wenn man lebende Menschen zählt. Vivaldis Vier Jahreszeiten tönen leise aus einem Lautsprecher. In Regalen türmen sich Schädel. Plastinierte Gliedmaßen warten darauf, zum Modell eines Violinenspielers ausgerichtet zu werden. Eine Gruppe Hut-tragender Skelette zur Erinnerung an die Gubener Hutmachertradition begrüßt den Besucher. "Die Ausstellung gleicht einer einzigen Rechtfertigung", bemerkt Mateus, Architekturstudent aus Dresden.

Slideshow von Cédric AudinotSeit der ersten Ausstellung plastinierter Menschenskulpturen 1996 in China musste sich Gunther von Hagens ständig rechtfertigen. Seine 'Körperwelten' haben mehr als 20 Millionen Menschen weltweit fasziniert und gleichzeitig abgeschreckt. Der Spiegel bezog sich 2004 auf abgefangene Mails, um zu beweisen, dass von Hagens auch illegal Hinrichtungsopfer aus China 'verarbeitet' habe. Der Plastinator dementierte.

Immer wieder schafft es der ursprünglich aus Thüringen stammende Leichenplastinator in die Schlagzeilen. Nicht zuletzt auch, weil er seine Plastinate ästhetisch inszeniere, als Pokerspieler oder Sportler. Es gibt Hexen, die auf ihrer Wirbelsäule reiten oder die schwebende Titanic-Figur mit ausgebreiteten Armen. "Durchaus in Übereinstimmung mit der Ambivalenz seiner Gestaltplastinate, präsentiert er sich als Künstler-Anatom, als Grenzgänger zwischen Kunst und Anatomie in der Nachfolge von Künstlern und Ärzten der Renaissance", so Käthe Katrin Wenzel, die ein Buch zum Thema 'Fleisch als Werkstoff' geschrieben hat.

Kunst aus der Brotmaschine - Anatomie an der Wursttheke

In der Gubener Werkstatt - dem so genannten Plastinarium - lassen sich Erinnerungen an Fleischerbesuche nicht abschütteln: Scharlachrote Gefäßgestalten, durch ein spezielles Verfahren sichtbar und haltbar gemachte Adern und Venen, leuchten im blauen Licht einer 'Wursttheke'. Im 'Menschensägewerk', einem Bereich, in dem die plastinierten Präparate zu Scheibchen von 2,5 mm geschnitten werden, kann man zum ersten mal ein Präparat selbst in die Hand nehmen. "Die Technik der 'Plastination' ist eine völlig neue Technologie, die etwas hervorbringt, das es so vorher noch nie gegeben hat. Entsprechend gibt es dafür ein Bennenungsvakuum", so Liselotte da Fonseca von der Uni Hamburg, Mitherausgeberin eines Sammelbandes zu den Langzeitwirkungen der Plastination. "Es ist ein menschlicher Körper und zugleich ist es 70 Prozent Kunststoff, gefärbt, geschnitzt, wie Hackfleisch positioniert und geformt ('flexibel wie ein Schnuller' so von Hagens). Damit überschreitet das, was die Technik hervorbringt selbst unsere bisherigen Vorstellungen von Kunst und Natur", so Fonseca weiter.

Foto: ©Gunther von Hagens, Institut für Plastination, Heidelberg, www.koerperwelten.deSie könnten ebenso gut Stalin als Künstler bezeichnen und entschuldigen, weil er Prachtalleen entworfen hat.

Oft hat man von Hagens die Gratwanderung zwischen Kunst und Anatomie vorgeworfen. Er "entscheidet sich in vielen Fällen für eine Inszenierung seiner Plastinate, die eine rein zweckmäßige Ausrichtung übertrifft", erklärt Wenzel in ihrem Buch. Von Hagens selbst bestätigt diese Hypothese, indem er sein Schaffen als "ästhetische Anatomie" bezeichnet. "Diese Person nutzt parasitär die Privilegien der Kunst, um die moralischen und legalen Grenzen des Umgangs mit menschlichen Körpern im Interesse seines internationalen Leichenteilkonzerns zu durchbrechen. Sie könnten ebenso gut Stalin als Künstler bezeichnen und entschuldigen, weil er Prachtalleen entworfen hat", so die Kritik von Thomas Kliche, Mitherausgeber des Sammelbandes zur Langzeitwirkung der Plastination.

Leidenschaftslose Leichenschau im Anatomischen Theater der Moderne

Foto: Anika KlossIn Gubens "postmortalem Schönheitssalon", so von Hagens selbst, passiert man eine Kreissäge, den neuen Smart, in dem sich der Besucher mit einem Skelett als Beifahrer fürs Familienalbum ablichten lassen kann, von Hagens' nachgebaute Stasi-Zelle und zu guter Letzt die Kinderecke: Plastikschwerter und Fähnchen mit Totenköpfen. Die eigentlichen Skulpturen des Plastinariums, das von Hagens als "anatomisches Theater am Ende einer langen europäischen wissenschaftlichen wie demokratischen Tradition" verstanden wissen möchte, wirken am Ende des Parcours' vor allem durch ihre Anzahl beliebig. Der Mensch "wird hier als Rohstofflager unbegrenzt verfügbar gemacht", so Kliche.

Die Faszination der Endgestalten verliert durch den vorherigen Anblick zahlreicher Präparationsassistent-Azubis, die verrutschte Muskelfasern zurechtlegen, und Sägestaub aus aufgesägten Wirbelsäulen kratzen. Vielmehr scheint es, als wolle man einfach nur transparent machen, was auf 2500 qm hinter den roten Backsteinmauern der ehemaligen Gubener Tuchmacherei produziert wird. Denn der Standort Guben ist zuerst eine Fabrik, Geschäft - die 'Ausstellung' ein Firmenporträt: Kunst und Anatomie gewinnbringend zusammengeschweißt und scheibchenweise verkauft.

Käthe Katrin Wenzel: Fleisch als Werkstoff - Objekte auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Medizin (Weißensee Verlag, 2002)

Liselotte Hermes da Fonseca, Thomas Kliche (Hrsg.): Verführerische Leichen - verbotener Verfall. "Körperwelten" als gesellschaftliches Schlüsselereignis. Lengerich, New York: Pabst Science Publishers 2006.