Kultur

Konzert-Battle: Amy Winehouse vs. Die Antwoord

Artikel veröffentlicht am 22. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 22. Juni 2011
Als das Wochenende seinem Ende zuging, kamen uns zwei völlig entgegengesetzte Konzertgeschichten zu Ohren. Einerseits das Comeback einer Grammy-gekrönten, britischen Ex-Drogenabhängigen auf dem Balkan, andererseits ausgefallenere, außereuropäische Klänge in Spanien. Da stellt sich die Frage: Gibt es gute Musik nur noch fern des Kontinents?

Die Fußpfleger und Schuster von Barcelona und La Coruna (in Nordspanien) dürften sich dumm und dämlich verdient haben. Die australische Band Cut Copy bot einen prinzipienlosen aber stimmigen Auftritt, der die Füße eines jeden Besuchers des Sonar 2011 Festivals in Bewegung setzte. Seit der Veröffentlichung ihres jüngsten Albums Zonoscope (2011) sind die Jungs aus Melbourne als Gruppe musikalisch gewachsen; auf der Platte setzen sie auf einen 1980er-Jahre-Post-Punk-Stil in Szene und revidieren ihre früheren musikalischen Schöpfungen. Die Live-Musik beim Festival hört sich weitaus geschliffener an als noch vor drei Jahren und gipfelt in einer gemeinschaftlichen Ekstase. Man erlebt eine Generalüberholung der dance music, die wegen zu viel Techno schon am Ermüden war. Cut Copy lösen eine gute Stimmung aus, ohne ins Kitschige zu verfallen. Sie weben Melodien wie Spinnennetze, die deine Gedanken gefangen nehmen, während dich deine Beine in Bewegung halten und dein Herz nonstop klopft.

Sonar unterscheidet sich von anderen Festivals in Europa durch die Tatsache, dass es eine Reise in die musikalische Zukunft ermöglicht. So scheinen Die Antwoord ihre Musik im 23. Jahrhundert fabriziert zu haben. Gleiches gilt für Yo-Landi, Vi$$er und Ninja, drei Abkömmlinge aus Kapstadts Vororten, die riesige, penisförmige Mikros aus Plastik benutzen und sich ständig mit ihren Genitalzonen voraus hin- und herwinden. Die Antwoord schaffen es, die Stimmen eines Engels und eines Dämons wirksam zu vermischen, die schmutzigsten Texte mit den abgefahrensten Bewegungen zu reimen. Ihr Remix von Enya (Sail Away Motherfucker) ist pornografisch, ihr mit Break durchsetzter Rap (DJ Hallo-Tek) unverblümt. All das halten sie auf natürliche Weise aufrecht. Sie produzieren die prolligsten, kitschigsten Klänge und sind trotzdem der stylischste Event dieser Veranstaltung. Eine Tageskarte kostet 45 Euro.

Das Konzert beginnt in Dunkelheit, mit einer Hommage an das – an der Erbkrankheit Progerie leidende – Bandmitglied Leon Botha, 26 Jahre alt. Von da an entsteht eine musikalische Orgie, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Die Antwoord die kulturelle Personifizierung schlechter Erziehung. Sie sind in positive Gedanken geleitete Aggression, eine in Ekstase umgewandelte Krankheit. Es ist schwierig, ihre Musik in Worte zu fassen, weil diese einfach noch nicht existieren. Ebenso ist es schwierig, ihre Musik mit Labels zu versehen, weil sie einfach die ‚anderste‘ Musik seit der Jahrhundertwende machen. „Die Antwoord“ bedeutet „Die Antwort“ – und genau das ist der Sinn ihrer Musik, die aus der Zukunft zu stammen scheint. Neben Pinguinen, Stränden und Korallen bieten Südafrika und Australien nun auch neue Zentren der Musikszene. Selbst wer immer dachte, es besser zu wissen, kann die Musikfunkies in Hamburg, Brooklyn oder Barcelona nun getrost zur Vergangenheit zählen.

Amy Winehouse in Osteuropa: ein Non-Konzert

Fans in Polen, der Türkei, Griechenland, Spanien, Schweiz, Italien, Österreich, Ungarn und Rumänien werden von dieser Lady für den Rest ihrer 2011 Comeback-Tournee – trotz vorausgehender dreijähriger Abwesenheit – keinen Auftritt mehr sehen. Es tat echt weh zu erleben, wie sich Amy Winehouse im Kalemegdan Park selbst demütigte. Dennoch bereue ich das Geld für die Konzertkarte nicht, weil ich nicht geglaubt hätte, wie fertig die Dame war, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. Anfangs dachte ich, das sei alles nur gespielt und wartete beständig darauf, dass die 27-Jährige zum Mikro greift und „verarscht“ reinschreit.

Die beiden Songs, an deren Texte sich Amy dann doch erinnerte (Back to Black, You Know I’m No Good), murmelte sie größtenteils völlig außer Takt. Und die meiste Zeit, die sie dann doch vor dem Mikro stand, bedeckte sie ihr Gesicht mit ihrer Hand, als ob sie sich schäme. Manchmal sah sie aus, als werde sie gleich weinen und hielt sich den Bauch, als habe sie Schmerzen.

"Ich bereue das Geld für die Konzertkarte nicht, weil ich nicht geglaubt hätte, wie fertig Amy war, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte."

Zwei Mal ging Amy für einige Minuten hinter die Kulissen. Als sie das erste Mal zurück auf die Bühne kam, applaudierten die Leute, weil es schien, als habe sie sich wieder in den Griff bekommen. Doch als sie erneut mit ihrem Gemurmel begann, buhten die Besucher sie aus und begannen, nach Moby zu rufen (der nach ihrem Konzert auftreten sollte). Einige begannen sogar, Sachen nach Amy zu werfen, Papier und Plastikbecher. Ein Mann schmiss auch seinen Cowboyhut (die Hüte waren vor der Show außerhalb des Veranstaltungsortes verkauft worden), traf aber statt Amy nur einen Wachmann. Die Sängerin selbst schien von all dem nichts mitzubekommen. Die meisten Buhrufe kamen von hinten, von den Menschen mit den billigeren Tickets, während die Leute in den vorderen Reihen einfach nur geschockt waren. Die Band blieb professionell, besonders die beiden Background-Sänger Zalon Thompson und Ade Omotayo, die jeweils zwei Coversongs zum Besten gaben. Auch Tage später wird Amys Auftritt noch diskutiert. Manche nennen es das schlechteste Konzert in Belgrads Geschichte und wollen ihre 40 Euro zurück. Andere haben einfach nur Mitleid mit der Sängerin. Und dritte – Leute, die nicht beim Konzert waren – sind selbstzufrieden und posten Kommentare wie „das hatte man doch kommen sehen“.

An Amys Zustand sind ihre Manager nicht unschuldig. Vor dem Konzert machten sie eine wirklich gute PR, veröffentlichten Geschichten über Alkoholverbot in den Hotels, in denen sich Amy aufhielt und gaben am 12. Juni ein Überraschungskonzert im Londoner Club 100. (Warum gibt es davon keine Videos?) Ich vermute, dass Ray Cosbert und Co. nicht wirklich auf sie aufpassen (vielleicht erlaubt sie ihnen das auch nicht), sondern sie vielmehr ausnutzen – und das solange, wie sie noch aufrecht stehen kann. In Amys Vertrag steht, dass sie pünktlich in Belgrad anzukommen und 70 Minuten auf der Bühne zu verbringen hat. Obwohl sie zwei Mal drauf und dran war, das Konzert abzubrechen, bekamen ihre Manager sie trotz ihres Zustandes beide Male zurück auf die Bühne, sodass sie ihre vertraglichen Bedingungen erfüllen konnte. Klar, die Gage geht an Amy, aber ihre Manager kriegen auch einen Anteil am Geschäft.

Das war aus der Hälfte des Konzerts, die Amy auf der Bühne verbrachte, während ihre Band und Background-Sänger spielten

Bilder: Die Antwoord und Cut Copy von ihren offiziellen Facebook-Seiten; Amy Winehouse in Belgrad ©Senka Korac